Reinhard Koch im Interview Lingen: Tagung zu „Frauen im Rechtsextremismus“

Von Wilfried Roggendorf


Lingen. Am 14. November findet in Lingen eine Fachtagung „Frauen im Rechtsextremismus“ statt. Reinhard Koch, Leiter der Arbeitsstelle „Rechtsextremismus und Gewalt“ in Braunschweig hat die Veranstaltung mit vorbereitet.

Welche Rolle spielen Frauen im rechtsextremistischen Umfeld?

Frauen und Mädchen spielen in der rechtsextremen Szene eine immer größer werdende Rolle. Rechtsextremistinnen sind nicht nur die Freundin oder „Frau von“, sondern stellen eigene Forderungen, organisieren sich in eigenen Gruppierungen, verstehen sich selbst als Aktivistinnen und treten als solche in Erscheinung.

Hängt diese Rolle mit einem geänderten Auftreten der Rechtsextremen zusammen, die versuchen, sich als „soziale Wohltäter“ darzustellen?

Ein Grund für diese Veränderung ist, dass innerhalb rechtsextremer Gruppen vermehrt Themenfelder besetzt werden, die eine hohe Schnittmenge zur Lebenswelt von Frauen haben. Solche Strukturen in der rechtsextremen Szene geben heute auch Frauen die Möglichkeit, als Aktivistinnen aufzutreten und nicht auf eine passive Rolle beschränkt zu sein. Die Öffnung in andere Subkulturen ermöglicht es Frauen und Mädchen, sich modisch, zeitgemäß und ihrem Geschmack entsprechend zu kleiden. So wird die Hemmschwelle, sich einer rechtsextremen Gruppierung anzuschließen, herabgesetzt.

Wie werden rechtsextreme Frauen aktiv?

Rechte Frauen versuchen im sozialen Nahraum, in der Nachbarschaft, der Kita, Grundschule, Vereinen, ihre Ideologie einzubringen. Die meisten geben sich solide und bürgerlich – sie wollen Vertrauen gewinnen ... Mädchen und Frauen der Szene nutzen gesellschaftliches Unwissen bewusst aus.

Wie stark ist der Rechtsextremismus im Emsland bisher aufgefallen?

Rechtsextremismus ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, rechtsextreme Einstellungen sind in allen gesellschaftlichen Schichten und Regionen vertreten. Das Emsland spielte und spielt in der Betrachtung rechtsextremer Aktivitäten in den vergangenen 15 bis 20 Jahren immer wieder eine Rolle. Von Strukturen der niedersächsischen Rechtsrock-Szene in Meppen, Osnabrück, Lingen und der Grafschaft Bentheim über Organisationen in Kameradschaftsmodellen in Wilhelmshaven, dem Ammerland und Vechta bis hin zu vernetzten Parteistrukturen der NPD und JN waren bzw. sind alle rechtsextreme Organisationen und Aktionsformen in der Region zu finden. Als Besonderheit kann angeführt werden, dass es ein Unterstützerverhalten deutscher und niederländischer Rechtsextremisten aus dem Kameradschaftsmilieu im Grenzgebiet gibt.

Welche Rolle spielen Frauen dabei hier vor Ort?

Eineinhalb Jahre war eine Frau erste Vorsitzende des NPD-Unterbezirks Emsland/Grafschaft Bentheim. Jede dritte Stimme für die NPD stammt von Frauen. Etwa jeder fünfte Neonazi ist weiblich. Inzwischen verfügt die Neonazi-Partei über eine Frauenorganisation (Ring Nationaler Frauen) mit niedersächsischer Sektion. Aus der Sicht der Behörden spielen weibliche Neonazis nur eine „untergeordnete“ Rolle. Gleichwohl ist Niedersachsen ein Bundesland, in dem es bereits Kameradschaften gab, die von Frauen angeführt wurden. Längst haben NPD und Freie Kameradschaften das große weibliche Potenzial erkannt. Junge Mädchen, aber auch Rentnerinnen sind als Zielgruppe im Fokus der Rechten. Sie unterwandern die Gesellschaft auf die „sanfte Tour“. Frauen sind das scheinbar freundliche Gesicht einer menschenverachtenden Politik.

Warum ist die Fachtagung „Frauen im Rechtsextremismus“ in Lingen wichtig?

Neue Entwicklungen innerhalb der rechtsextremen Szene im Allgemeinen, aber insbesondere auch im Kontext der neuen Rolle von Frauen und Mädchen machen es erforderlich, Strategien im Umgang mit dem Rechtsextremismus im Hinblick auf diese Zielgruppe zu hinterfragen, neue zu entwickeln und vor Ort zu etablieren.

Anmeldungen zur Fachtagung nimmt die VHS noch unter Tel. 0591/91202-300 entgegen.