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Prävention verstärken Missbrauch: Schreie verhallten an den Klostermauern


Lingen. Beifall gab es, als Domkapitular Heinrich Silies zum Schluss der Veranstaltung im Gemeindezentrum St. Josef erklärte: „Ich bin sicher, dass alle wachsam nach Hause gehen. Damit ist viel gewonnen.“ Silies ist Ansprechpartner des Bistums in Fragen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Mitarbeiter der Kirche.

Der Geistliche nahm am Freitagabend an der Veranstaltung zum Thema „Missbrauchsfälle bei uns –Wie geht es weiter?“ mit rund 130 Besuchern teil. Eingeladen hatten die Pfarrgemeinderäte von St. Josef Laxten/St. Antonius Baccum sowie das Pastoralteam. Rede und Antwort standen neben dem Domkapitular auch Pastor Dr. Martin Trimpe, die Vorsitzende des Lingener Kinderschutzbundes, Christine Richter-Brüggen, ihr Stellvertreter Heiner Rohoff, die Leiterin des Familienzentrums von St. Josef, Anne vor dem Brocke, und Gemeindeassistentin Christina Sondermann, die für die Kinder- und Jugendarbeit zuständig ist.

Stefan Varel, stellvertretender Vorsitzender des Pfarrgemeinderates von St.Josef, und Moderator René Kollai (Ludwig-Windthorst-Haus) verwiesen eingangs darauf, dass man nach dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche im vorigen Jahr und dem von Geistlichen verübten großen Unrecht nicht zur Tagesordnung übergehen dürfe. Vielmehr gelte es, für das Thema zu sensibilisieren. „Es sollen auf diesem Abend die Gedanken ausgesprochen werden, die unausgesprochen im Raum stehen“, sagte Varel.

Diese Gelegenheit wurde von den Gästen auch genutzt. Ein älterer Herr berichtete, dass er in den Fünfzigerjahren in einem Heim missbraucht und regelmäßig verprügelt worden sei. „Unsere Schreie verhallten an den Klostermauern“, sagte er. Seit 40 Jahren befinde er sich deshalb in neurologischer Behandlung. Ein anderer zeigte sich entsetzt darüber, dass sich ein früherer Kaplan der Pfarreiengemeinschaft St. Josef Laxten/St. Antonius Baccum nach eigenem Geständnis Kinderpornografie auf dem PC anschaute. „Mein ganzer Glaube an die katholische Kirche ist hin“, sagte der Teilnehmer.

Pastor Trimpe erläuterte detailliert seinen Beitrag, um die Verfehlungen eines früheren Kaplans von St. Josef und eines weiteren Kaplans, der von 1976 bis 1983 in St. Josef tätig war, aufzudecken. „Diese Straftaten haben mich tief beschämt und bis ins Mark getroffen“, sagte der Pastor. Nach persönlicher Einschätzung von Domkapitular Silies wird der kürzlich wegen des Ladens von Kinderpornografie-Dateien auf seinen PC zu einer Geldstrafe von 5400 Euro verurteilte Geistliche nicht mehr im Bistum Osnabrück als Priester eingesetzt.

Eine Tragödie

Christine Richter-Brüggen erklärte, dass es Teil der Täterstrategie sei, die „Sprachlosigkeit“ der Opfer auszunutzen. „Deshalb müssen wir die Dinge beim Namen nennen. Wir sind alle verantwortlich für die Kinder.“ Die Opfer litten ein Leben lang. „Nur jeder 1000. Fall der Vergewaltigung eines Kindes wird bekannt“, erklärte sie. Nach ihren Angaben wird jedes vierte Mädchen und jeder zehnte Junge unter 18 Jahren Opfer von sexuellen Übergriffen. „Es ist eine gesellschaftliche Tragödie“, sagte sie. Ihr Stellvertreter Heiner Rohoff, der auf Bitten der Pfarreiengemeinschaft als „neutraler“ Ansprechpartner in Fragen von Missbrauch und Gewalt fungiert, verwies darauf, dass die Beratungsstelle „Logo“ des Kinderschutzbundes in Lingen im vorigen Jahr 220 angezeigte Fälle von Missbrauch und Gewalt verzeichnet habe. Diese Zahl sei deutlich höher als in den Vorjahren.

Anne vor dem Brocke teilte mit, dass der verurteilte Kaplan zwar eine Zeit lang im Kindergarten wohnte, aber keinen körperlichen Kontakt zu den Kindern hatte. Das Team beobachte die Kinder sehr genau, um beim leisesten Verdacht auf Kindesmissbrauch tätig zu werden. Kindern, die von Unbekannten attackiert würden, werde empfohlen, laut „Ich kenne dich nicht, ich gehe nicht mit“ zu rufen“, um auf sich aufmerksam zu machen. Gemeindeassistentin Christina Sondermann betonte, dass sich auch Jugendleiter einer Schulung zum Thema „Sexueller Missbrauch“ unterziehen müssten – vor allem mit Blick auf Ferienfreizeiten bzw. Zeltlager.

Ansprechpartner in Fragen von Missbrauch und Gewalt: Heiner Rohoff, Tel. 0591/ 52459; E-Mail: heinz.rohoff@ewetel.net; Ansprechpartner der Opfer durch Übergriffe kirchlicher Mitarbeiter im Bistum: Domkapitular Heinrich Silies, Tel. 0541/318800, E-Mail:h.silies@bistum-os.de


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