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Schach ist brutal und anstrengend Großmeister Lev Gutman: Einst Kortschnois Sekundant, jetzt Lingener Jugendtrainer

Mit aggressiver Spielweise den Gegner unter Druck setzen: So will Großmeister Lev Gutmann am Wochenende mit dem SV Lingen seine Konkurrenten schlagen. Foto: Mirko NordmannMit aggressiver Spielweise den Gegner unter Druck setzen: So will Großmeister Lev Gutmann am Wochenende mit dem SV Lingen seine Konkurrenten schlagen. Foto: Mirko Nordmann

Lingen/Melle. Spiel oder Sport? Wer sich diese Frage stellt, wenn es um Schach geht, bekommt von Lev Gutman die passenden Antworten. Der Schachgroßmeister räumt jeden Zweifel aus, dass das „königliche Spiel“ eine knallharte Wettkampfsportart ist. „Von allen Sportarten ist Schach nach Meinung der Ärzte die mit dem größten Energieverbrauch – mehr noch als beim Eishockey oder Tennis“, erklärt der 66-Jährige, der an diesem Wochenende gemeinsam mit dem dreifachen Vize-Weltmeister Viktor Kortschnoi für den Schachverein Lingen antritt.

Seit einem Jahr trainiert Gutman – mit einer Elo-Zahl von 2463 derzeit auf Platz 1168 der Weltrangliste der aktiven Spieler – die Lingener U-14-Mannschaft und bestritt in dieser Saison bereits drei Partien für die Lingener in der Bezirksliga. Bislang hat er alle Duelle gewonnen. „Es gibt keine Sicherheit, dass man gewinnt“, nimmt Gutman weder das Bezirksliga-Punktspiel gegen Bad Essen (Samstag, 16 Uhr) noch die Begegnung im Viererpokal gegen den Oberligisten SK Nordhorn Blanke (Sonntag, 11 Uhr) auf die leichte Schulter. Dass seine Kontrahenten sich im Internet bestens über seine Partien auf internationalem Parkett informieren können, lässt ihn allerdings kalt: „Ich kann ja variieren.“

Vermutlich werden sich seine Gegner, die am Wochenende gegen ihn in der Mensa des Gymnasiums Georgianum antreten, nicht so umfassend mit der Sportart beschäftigt haben wie Gutman, der seit 1986 Großmeister ist. 1972 wurde er lettischer Einzelmeister, er leitete die renommierte Schachschule in Riga, ehe er 1980 die UdSSR verließ und nach Israel ausreiste. „Ich habe in der UdSSR nicht schlecht gelebt, aber du warst eingesperrt“, blickt er zurück, „ich wollte die Welt sehen.“ 1982 und 1984 spielte er für Israel bei der Schacholympiade. In seiner Wohnung in Melle sind die Bücherregale voll mit Schachliteratur. Einige der geschätzt 3000 Bücher hat der anerkannte Eröffnungstheoretiker selbst geschrieben.

Drei Jahre lang war Gutman Sekundant von Viktor Kortschnoi, den er nun nach Lingen einlud. Der 80-Jährige, der in der Schweiz lebt, sagte zu und verstärkt nun den SV Lingen in zwei Partien. „Er hat noch immer die Motivation zu kämpfen“, erklärt Gutman, „er will immer gewinnen.“

Und genau dort liegt der Schlüssel zum Erfolg im Schach. „Es ist wie bei jeder anderen Sportart: Du musst beweisen, dass du besser bist“, stellt Gutman klar und macht deutlich, dass das mit Spiel und Spaß wenig zu tun hat. „Entscheidend ist die kämpferische Einstellung.“ So sei Schach mitunter durchaus ein brutaler Sport. Schließlich versucht man ständig, den Gegner unter Druck zu setzen. „Ich habe Spiele und Turniere durch meine Aggressivität gewonnen“, betont der Großmeister, der von 1990 bis 1993 Deutscher Schnellschachmeister war. Gerade bei großen Turnieren verlange das einem Schachspieler viel ab. „Man braucht sehr viel Energie, weil man seine Konzentration sehr lange aufrechterhalten muss“, erklärt Gutman. So könne man in vier Tagen durchaus drei bis vier Kilogramm Körpergewicht verlieren.


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