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Unterschied Fehl- und Totgeburt Alle Kinder kommen ins Familienstammbuch

<em>Gründeten den Arbeitskreis:</em> Agnes Buschermöhle (links) und Alwine Röckener 

            

              Foto: Christiane AdamGründeten den Arbeitskreis: Agnes Buschermöhle (links) und Alwine Röckener Foto: Christiane Adam

Lingen. Alwine Röckener und Agnes Buschermöhle haben den Arbeitskreis für Gemeinschaftsgrabstätten ins Leben gerufen. Unsere Zeitung fragte nach dem „Warum?“

Frau Buschermöhle, Frau Röckener, warum haben Sie den Arbeitskreis der Ansprechpartnerinnen für Gemeinschaftsgrabstätten ins Leben gerufen?

Röckener: In aller Offenheit: Ich hatte selbst zwei Fehlgeburten. Dadurch bin ich für das Thema sensibilisiert. Ich habe damals die Errichtung der Gemeinschaftsgrabstelle in Lingen-Darme mitinitiiert und habe mit einer Gruppe die jährlichen Sternenkindergottesdienste für verstorbene Kinder angefangen.

Buschermöhle: Durch den Tod meines Ehemannes im Jahre 1998 habe ich gemerkt, wie wichtig Menschen sind, die einem in der Trauer beistehen. Ich machte eine zweijährige Ausbildung in Trauerbegleitung im Seelsorgeinstitut Bethel. In den Trauergesprächskreisen in Thuine lernte ich auch Eltern verstorbener Kinder kennen. Alwine und ich sind Kolleginnen, und daher wusste ich um unser gemeinsames Herzblut in der Trauerbegleitung. So entstand die Idee: „Lass uns ein Gesprächsangebot machen!“ 2006 machten wir dann zum ersten Mal das Angebot eines Trauergesprächskreises für Eltern früh verstorbener Kinder, und 2008 hielten wir den ersten gemeinsamen Vortrag zu den Gemeinschaftsgrabstellen vor den Kfd-Regionalvorständen Lingen in Engden.

Gibt es eine offizielle Empfehlung des Bistums Osnabrück für die Bestattung fehl- oder tot geborener Kinder?

Röckener: Ja. Es soll die Möglichkeit gegeben werden, fehlgeborene Kinder orts- und zeitnah in Form einer Einzelbestattung beizusetzen. Für tot geborene Kinder schreibt der Gesetzgeber dieses sogar vor.

Buschermöhle: Im St.-Bonifatius-Hospital Lingen wird zweimal jährlich eine gemeinschaftliche Beisetzung aller dort fehlgeborenen Kinder auf dem Neuen Friedhof vorgenommen. Dieser Beisetzung geht ein ökumenischer Gottesdienst voraus. Jeweils am dritten Mittwoch im März und im September findet dieses Ritual statt. Die Eltern können wählen, ob sie das Angebot annehmen möchten oder eine Einzelbestattung vorziehen.

Offenbar ist ein fehlgeborenes Kind nicht dasselbe wie ein tot geborenes. Wo liegt der Unterschied?

Röckener: Der Gesetzgeber unterscheidet zwischen einer Fehl- und einer Totgeburt. Die Grenze liegt hier bei 500 Gramm.

Was passiert nach einer Fehlgeburt?

Buschermöhle: Der normale Weg ist, dass der Frauenarzt die Schwangere ins Krankenhaus zur Ausschabung überweist. Dort wird sie ambulant behandelt und nach einigen Stunden der Beobachtung nach Hause entlassen. In christlichen Krankenhäusern ist es Standard, dass alle fehlgeborenen Kinder beigesetzt werden.

Röckener: Man kann sagen, dass bei einer Totgeburt, also wenn die Schwangerschaft schon weiter fortgeschritten ist, die Geburt eingeleitet wird und das Kind auf natürlichem Weg auf die Welt kommt.

Buschermöhle: Das Kind kann in diesem Fall von Mutter und Vater in den Arm genommen werden, sie können es anfassen und sich in Ruhe verabschieden; Hand- oder Fußabdrücke in Gips machen und fotografieren. Wenn sie möchten, kommt die Krankenhausseelsorgerin dazu, betet mit ihnen und segnet das Kind. Diese Zeit des Abschiednehmens ist für den Trauerverlauf sehr wichtig.

Wie ist der rechtliche Status dieses Menschen?

Buschermöhle: Bislang konnten die Eltern das Kind erst ab einem Gewicht von 500 Gramm beurkunden lassen. Die Gesetzgebung hat sich aber geändert. Jetzt dürfen die Eltern alle Kinder ins Personenstandsregister und damit ins Familienstammbuch eintragen lassen.

Röckener: Für die Eltern ist es schwer, wenn die Kinder nicht beurkundet sind. Ihre Umgebung nimmt sie nicht als real wahr. Deshalb freuen wir uns, dass sich die Gesetzgebung jetzt so positiv verändert hat.

Kommen auf die trauernden Eltern Bestattungskosten zu?

Buschermöhle: Die Nutzung der Gemeinschaftsgrabstätten ist nach Empfehlung des Bistums Osnabrück kostenfrei. Wenn überhaupt entstehen für die Eltern Kosten für die Aushebung der Grabstätte, die Überführung des Leichnams und für einen kleinen Sarg.

Wer sich näher über das Thema informieren möchte, kann sich an Agnes Buschermöhle unter 05963/9402-16 oder Alwine Röckener unter 0591/ 61061-13 wenden.


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