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Empathie für die Überlebenden Autorinnen stellen Film über den Amoklauf von Winnenden an der BBS Lingen vor

Stilles Gedenken: Für die Opfer des Amoklaufes von Winnenden legten Menschen am zweiten Jahrestag eine Rose nieder. Foto: dpaStilles Gedenken: Für die Opfer des Amoklaufes von Winnenden legten Menschen am zweiten Jahrestag eine Rose nieder. Foto: dpa

Lingen. Die angehenden Lehrerinnen Julia Doran, Sandra Kurpiers und Justine Rompa haben in einem Film den Amoklauf von Winnenden aus Sicht der Opfer betrachtet. Sie haben das Filmprojekt als Examensarbeit an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg realisiert und stellten es auf Initiative von Lehrer Bernd Liene etwa 100 Schülern der Berufsbildenden Schulen (BBS), kaufmännische Fachrichtung, in Lingen vor.

Der Tod kam plötzlich und unerwartet. Auf einmal war er da – in der Albertville-Realschule Winnenden. 15 Menschen fielen ihm am 11. März 2009 zum Opfer. Zurück blieben teilweise schwer verletzte Opfer, die mit dem Leben davongekommen sind, sowie traumatisierte Schüler und Lehrer, die der Zufall verschonte. Zurück blieben auch Angehörige, die das Geschehene bis heute verarbeiten müssen. Zwei Betroffene kommen im Film zu Wort.

Tochter verloren

Gisela Mayer verlor bei dem Amoklauf ihre Tochter Nina; die junge Lehrerin wurde auf dem Flur erschossen. Elena Altmann überlebte, weil der tote Körper einer Freundin über sie fiel. Die Schülerin, die drei in der Schulbank neben ihr sitzende Freundinnen verlor, wurde fünfmal angeschossen.

Die drei künftigen Lehrerinnen wollen mit ihrem Film Opfer, Angehörige und Helfer in den Vordergrund rücken. Sie haben sich eine Aussage von Mayer zu eigen gemacht, die ein Umdenken der Schulen fordert: „Was wollen wir haben, den genialen Mathematiker oder Menschen, die miteinander in der Gesellschaft leben und dann auch noch Mathe können?“ Doran, Kurpiers und Rompa gehen einen Schritt weiter. Sie wollen Empathie fördern. „Das ist die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinzufühlen“, erläuterte Kurpiers. Nur wer das könne, der könne helfen.

Kein Schema für die Hilfe

Elena hat ein Klassenkamerad geholfen. „Ich war nicht allein“, beschreibt die Schülerin im Film ihre Gefühle in der Ausnahmesituation. Mayer macht mit einer Aussage deutlich, welche einfühlsame Hilfe die von einer solchen Situation Betroffenen erwarten. „Einfach nach einem Schema zu handeln und zu denken, das muss ich jetzt tun, funktioniert nicht.“

Die Umsetzung des Filmprojektes war für die jungen Pädagoginnen nicht einfach. In Winnenden seien sie auf viele Widerstände gestoßen. Eine Mitschuld daran gaben sie den Medien. Ein TV-Privatsender habe unmittelbar nach dem Amoklauf einer traumatisierten Schülerin das Mikro ins Gesicht gehalten. Das Mädchen sei danach wegen ihrer gesendeten Äußerungen in die Kritik von Mitschülern und Angehörigen der Opfer geraten. In Winnenden würden sich die Betroffenen eher abschotten. Viele seien auch zweieinhalb Jahre nach dem Amoklauf in psychologischer Behandlung, wollen von den Medien in Ruhe gelassen werden.

Opfer bleiben unbeachtet

Ein Grund dafür wird bei der Diskussion nach der Vorführung des Films deutlich. Sie dreht sich zunächst um den Täter. „Warum hat er das getan? Seht ihr ihn gar nicht als Opfer?“ lauten die Fragen. Das, obwohl die drei angehenden Lehrerinnen in ihrer Einführung darauf hingewiesen hatten, die Opfer des tödlichen Wahnsinns in den Mittelpunkt stellen zu wollen. „Der Täter war auf den Titelblättern und kommt als negativer Held rüber“, sieht Kurpiers als Ursache für das Schüler-Interesse am Todesschützen. In den Medien sei vor einigen Monaten über die Verurteilung seines Vaters, der die verwendete Waffe unsachgemäß aufbewahrt hatte, berichtet worden. Die Opfer dagegen seien weitgehend unbeachtet geblieben.

Mit Fragen aus dem Unterrichtsmaterial zum Film lockten Doran, Kurpiers und Rompa die Schüler noch aus der Reserve. „Was könnt ihr tun, um im Schulalltag einfühlsamer miteinander umzugehen?“, fragten sie. Man solle nicht nur den Unterrichtsstoff, sondern auch die Gefühle seiner Mitschüler kennenlernen, schlug eine Schülerin vor. Man könne einen Vertrauensschüler einführen, vor allem bei Mobbingfällen. Manche Mitschüler stünden oft allein und würden versuchen, ihre Probleme für sich zu lösen: „Die sollte man ansprechen.“ Ein Schulkamerad gab zu, zu wenig von Mitschülern zu wissen. „Ich weiß nicht, was die anderen am Wochenende machen.“ Er schlug vor, darüber zu sprechen.

Damit, dass die BBS-Schüler mit ihren Aussagen eher an die Verhinderung von Amokläufen als an das Mitgefühl mit den Angehörigen der Opfer und den Überlebenden dachten, konnten die angehenden Lehrerinnen leben. „Wir werden die Welt nicht verändern“, erklärten sie. Aber ihren Beitrag dazu wollen sie leisten und haben dies bei den Schülern erreicht – die meisten von ihnen verließen die Veranstaltung merklich betroffen.

Film und Unterrichtsmaterialien sind gegen Lizenzgebühr unter www.fwu.de bestellbar. Schulen, die eine Präsentation mit den Autorinnen wünschen, können sich an justine.rompa@gmx.de wenden.


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