Büste von Hannah Arendt vor Jüdischer Schule Eine Patin der Erinnerungs- und Gedenkkultur in Lingen

Vor dem Eingang des Gedenkortes Jüdische Schule befindet sich die von dem Lingener Künstler Peter Lütje geschaffene Stele der deutsch-jüdischen Historikerin und Philosophin Hannah Arendt.Vor dem Eingang des Gedenkortes Jüdische Schule befindet sich die von dem Lingener Künstler Peter Lütje geschaffene Stele der deutsch-jüdischen Historikerin und Philosophin Hannah Arendt.
Thomas Pertz

Lingen. Eine Büste der Philosophin und Publizistin Hannah Arendt (1906-1975) steht am Eingang des Gedenkortes Jüdische Schule in Lingen. Heribert Lange, Vorsitzender des Forums Juden-Christen, stellte das von dem Lingener Künstler Peter Lütje geschaffene Werk am Samstag im Beisein der Sponsoren und Vorstandsmitglieder des Forums vor.

Die Büste der Aufklärerin, 1906 in Hannover geboren und 1975 in New York gestorben, steht auf einer von Lütje selbst gemauerten Stele. Einen besseren Standort für diese hätte es nirgendwo anders geben können, betonte Lange: Unmittelbar am Eingang zum eigentlichen Gedenkort mit dem Gedenkstein für die Menschen, die dem Holocaust zum Opfer gefallen seien und dem anderen Gedenkstein, der der Erinnerung an die Zerstörung der Lingener Synagoge in der Reichprogromnacht 1938 gewidmet sei.

Thomas Pertz
Der Vorsitzende des Forums Juden-Christen, Heribert Lange, dankte am Samstag bei der Präsentation der Büste von Hannah Arendt vor dem Gedenkort Jüdische Schule in Lingen den Sponsoren.

Der Vorsitzende des Forums dankte neben dem Künstler ausdrücklich auch den Sponsoren, die die Realisierung des Kunstwerkes ermöglicht hätten. "Sie haben damit ein unübersehbares Zeichen für die Sinnhaftikeit von Erinnerung und Erinnerungskultur geschaffen - und zwar im räumlichen Zusammenhang mit dieser Gedenkstätte und im geistigen Zusammenhang mit der Erinnerungsarbeit."

Eichmann-Prozess

Lange ging in seiner Rede auch auf die Arbeit von Arendt als publizistische Beobachterin des Eichmannprozesses 1961 in Jerusalem ein. Adolf Eichmann galt als eine der Schlüsselfiguren bei der "Endlösung der Judenfrage" und wurde für den millionenfachen Mord an den Juden von dem Jerusalemer Gericht zum Tode verurteilt. Ein in seiner Dimension unfassbares Verbrechen beschrieb der SS-Obersturmbannführer eher technokratisch-sachlich. Eichmann habe nie von Vernichtung, Ausrottung oder gar Ermordung gesprochen, sondern immer nur von der Sache, die zu erledigen ihm aufgetragen gewesen sei, so Lange. Eine "Banalität des Bösen" formulierte deshalb Arendt damals als Prozessbeobachterin in ihrer Veröffentlichung "Eichmann in Jerusalem". 

Lange: Aufgabe beendet

"Die Akribie, mit der sie der Sprache der Nazis auf den Grund gegangen ist und deren Abgründe durchmessen hat, könnte für uns Anlass und Auftrag sein, den Finger zu erheben und daran zu erinnern, welcher Muster sich die Wortführer populistischer Politikretorik auch heute oder schon wieder bedienen", betonte der Vorsitzende des Forums. Arendt sei "Patin unserer Erinnerungsarbeit und Gedenkkultur." Die von Peter Lütje geschaffene Büste mahne dazu, sich der Abgründe des Geistes immer weiter gegenwärtig zu sein. Lange betonte abschließend, dass mit der Präsentation der Büste seine Arbeit im Vorstand und als Vorsitzender des Forums nach 15 Jahren ende.

Die Fertigstellung der Büste von Arendt war für Peter Lütje eine Herzensangelegenheit: Das wurde aus den Worten des Lingener Künstlers ganz deutlich. "Ich lese seit rund zehn Jahren ihre Schriften", beschrieb Lütje seine Bewunderung für die politische Theoretikerin und deren Denken. Und die Bedeutung von Letzterem für jeden Einzelnen. "Ein Gewissen verkümmert, wenn man nicht nachdenkt."

Hannah Arendt

Philosophin und politische Theoretikerin
Die 1906 in Linden bei Hannover geborene Hannah Arendt wächst in Königsberg auf. Seit 1924 studiert sie Philosophie und Theologie und promoviert 1928 bei Karl Jaspers in Heidelberg. Ihre wissenschaftliche Arbeit, die sie in Berlin fortsetzt, wird durch die nationalsozialistische Machtübernahme jäh unterbrochen. Obwohl Hannah Arendt als Jüdin selbst besonders gefährdet ist, hilft sie angesichts des unmittelbar einsetzenden Terrors Flüchtlingen und Verfolgten und unterstützt die deutsche zionistische Organisation. Als die Gestapo Arendt im Juli 1933 kurzzeitig inhaftiert, flieht sie bald darauf über Prag, Genua und Genf nach Paris. Dort schließt sie sich der World Zionist Organization an und engagiert sich als Generalsekretärin der Jugend-Alijah in Frankreich für Emigrationsmöglichkeiten jüdischer Kinder nach Palästina. 1940 heiratet sie den Journalisten Heinrich Blücher, der als Mitglied der verbotenen KPD-Opposition 1934 Deutschland verlassen hat. Nach Kriegsbeginn wird Arendt mehrere Wochen im Internierungslager Gurs festgehalten. Erschüttert durch das Schicksal ihres engen Freundes Walter Benjamin, gelingt es ihr im Mai 1941, zusammen mit ihrem Mann und ihrer Mutter in die USA auszureisen. In New York schreibt sie regelmäßig Kolumnen für die deutsch-jüdische Emigranten-Zeitung „Aufbau“ und arbeitet seit 1944 für die „Conference on Jewish Relations“. Kurz vor Kriegsende beginnt Hannah Arendt mit den Studien zu ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, das nach dem Erscheinen 1951 große Resonanz erfährt. Die politische Philosophin bleibt nach 1945 in den USA und lehrt als Professorin an verschiedenen Universitäten. Bis zu ihrem Tod im Dezember 1975 widmet sie vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen aus NS-Diktatur und Exil ihr Schaffen immer wieder den Grundfragen persönlicher Verantwortung politischen Handelns im totalitären Staat.(Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand)


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