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Rund 300 Teilnehmer Demo in Lingen: "Atom und Kohle die Rote Karte zeigen"

"Atom und Kohle die Rote Karte zeigen" lautete das Motto der Demonstration in Lingen. Foto: Lars Schröer"Atom und Kohle die Rote Karte zeigen" lautete das Motto der Demonstration in Lingen. Foto: Lars Schröer

Lingen. Rund 300 Atomkraftgegner haben am Samstag für eine sofortige Stilllegung des Kernkraftwerks Emsland (KKE) und der Brennelementefabrik in Lingen sowie eine bessere Klimapolitik demonstriert. Neben mehreren auswärtigen Rednern untermauerten auch Sprecher aus Lingen und der Region unter dem Motto "Atom und Kohle die Rote Karte zeigen" diese Forderung.

Der Lingener Alexander Vent vom Bündnis "AgiEL" (Atomkraftgegner im Emsland) erklärte, die Demonstranten hätten Angst vor dem nächsten Störfall und der Planlosigkeit der Behörden. Vent kritisierte die Lieferung von Brennelementen "made in Lingen" an Reaktoren in der ganzen Welt, auch an solche, die längst nicht mehr laufen dürften. Er äußerte den Wunsch nach einer sozialverträglichen Energiewende, die Umwelt- und Klimabelangen gerecht würde.

Der Papenburger Arzt für Allgemein- und Umweltmedizin Jürgen Bretschneider wies als Mitglied des Arbeitskreises Atomenergie der "Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges und in sozialer Verantwortung" (IPPNW) auf die Gefahren hin, die sich schon aus dem Betrieb von Kernkraftwerken ergeben würden: "So wird toleriert, dass beim Brennelementewechsel die Strahlenbelastung in der Abluft um das bis zu 500-fache gegenüber dem Normalbetrieb zunimmt." Diese Partikel würden Menschen dann mit der Luft und ihrer Nahrung aufnehmen,was zu Krebs und genetischen Schäden führen könne. "Das ist medizinisch und moralisch unverantwortbar", erklärte Bretsschneider.

Als "moralisch und medizinisch unverantwortbar" bezeichnete der Arzt Jürgen Bretschneider die Nutzung der Kernenergie. Foto: Lars Schröer

Gerd Otten vom "Elternverein Restrisiko" befürchtete, auch beim Rückbau des stillgelegten Atomkraftwerks Lingen könnten beim geplanten Abriss des Druckbehälters radioaktive Aerosole freigesetzt werden. "Die werden dann von den Menschen in Lingen eingeatmet", sagte Otten. Kritik übte er am Brennelementehersteller ANF: "Ich behaupte immer noch, dass beim Brand am 6. Dezember 2018 dort Radioaktivität freigesetzt worden ist." ANF habe am 10. Mai 2019 behauptet, dass jedes Gramm Uran nach dem Brand wiedergefunden worden sei. Bei einem Gespräch sechs Tage später mit dem Niedersächsischen Umweltminister und dem Leiter der Atomaufsicht sei dort davon nichts bekannt gewesen. "Entweder lügt ANF oder die Atomaufsicht passt nicht auf", schloss Otten daraus.

Kritik an Unternehmen und Medien

Nach Meinung von Otten würden Medien die Presseerklärungen der Atombetriebe die der Atomkraftgegner vorziehen. Er forderte daher die Demonstranten dazu auf, ein eigenes Informationssystem aufzubauen. So habe ANF über die Presse mitgeteilt, dass nicht die Atomanlagen in Lingen das Problem seien, sondern die Atomkraftgegner mit ihren Aktionen und Pressemitteilungen die Menschen hier verunsichern würden. "Krasser kann man die Realität nicht verdrehen", erklärte Otten.

Die 27-jährige Lingenerin Semke Gödiker (Mitte) zeigte bei der Demo in Lingen "Atom und Kohle die Rote Karte". Foto: Wilfried Roggendorf

Die Lingenerin Semke Gödiker kritisierte, dass Lingen eine große Stadt voller schweigender Menschen sei. "Ich weiß nicht, wie lange hier noch Atommüll gelagert wird", merkte Gödiker an. Sie könne das Schweigen der Lingener in Sachen Atomenergie nicht länger mit ansehen und wolle ihnen die Augen öffnen. "Lingen ist eine große selbstständige Stadt; hoffentlich auch bald voller aufgeklärter Menschen", sagte die 27-Jährige.

Klimaschutz und Antiatompolitik nicht gegeneinander ausspielen

Mehrere weitere Redner, die unter anderem aus dem Wendland, Aachen, Braunschweig und Belgien angereist waren, betonten die Gefahr, die durch die Lieferung von Brennelementen aus Lingen an ihrer Ansicht nach marode Reaktoren, beispielsweise in Belgien, ausgehen würde. Sie erklärten zudem, dass das Endlager Schacht Konrad nicht in Betrieb gehen sollte. Die Redner sprachen sich für eine klima- und umweltgerechte Energieerzeugung aus. "Klimaschutz und Antiatompolitik können nicht gegeneinander ausgespielt werden", erklärten Vertreter der Fridays-for-Future-Bewegung aus Münster.

Die Veranstalter der Demonstration kritisierten das Auftreten und die Ausrüstung der Bereitschaftspolizei. Die Polizei wies diese Kritik zurück, sprach von normaler Ausrüstung und einem friedlichen Verlauf der Veranstaltung. Foto: Lars Schröer

Die Polizei sprach von einem friedlichen und störungsfreien Verlauf der Demonstration, die um 12 Uhr am Bahnhof Lingen begonnen hatte und um 15.30 nach der Abschlusskundgebung endete. Eine Polizeisprecherin nannte eine Teilnehmerzahl von rund 300, die Veranstalter gaben 350 Teilnehmer an. Zu Beginn der Demonstration stockte sie in der Lingener Innenstadt mehrmals. Die Veranstalter kritisierten das Auftreten und die Ausrüstung der Bereitschaftspolizei. "Wir mussten stehen bleiben, weil die Polizei in ihren Kampfanzügen eine Soldatenmacht dargestellt hat. Wir lassen uns nicht kriminalisieren", erklärte der Münsteraner Peter Bastian bei der Abschlusskundgebung. Eine Polizeisprecherin betonte hingegen, die Beamten hätten in der völlig normalen Ausrüstung der Bereitschaftspolizei die Demonstration begleitet und gesichert.

 


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