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1500 Tonnen Strahlenabfall Unter der Kuppel wartet der Strahlenmüll: Das Atomkraftwerk Lingen soll abgerissen werden – wann ist aber ungewiss

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Lingen. Am 31. Januar 1968 um Punkt 20.57 Uhr begann im Emsland das Atomzeitalter. Das Kernkraftwerk Lingen produzierte den ersten Strom. 45 Jahre später hat das letzte Stündchen des einstigen technischen Wunderwerks geschlagen. Die Reaktorkuppel soll weg. Klingt einfach, ist es aber nicht. Im Innern warten noch Hunderte Tonnen radioaktiver Abfall.

Ein langes Arbeitsleben war dem Atomkraftwerk in Darme , heute ein Ortsteil von Lingen, nicht beschieden. Gerade einmal neun Jahre durfte es Strom produzieren. Elf Terawattstunden schaffte es in dieser Zeit. Die gleiche Menge produziert das modernere Kernkraftwerk Emsland in der Nachbarschaft in etwa einem Jahr. Zehnmal musste der alte Meiler bereits in den ersten Wochen nach Inbetriebnahme abgeschaltet werden. Die Pannen zogen sich wie ein roter Faden durch seine Geschichte. 1977 war dann endgültig Schluss – gerade einmal neun Jahre nach Fertigstellung des Millionenprojekts.

Ein Maschinenschaden hatte für ein jähes Ende gesorgt. Eine Reparatur, so erklärten die Verantwortlichen damals, würde Jahre dauern. Doch die Besitzer wollten weder die Zeit noch das nötige Geld in den Reaktor stecken. Das war der Todesstoß für das Werk, das damals als zweites sogenanntes Demonstrationskraftwerk in Deutschland den Betrieb aufgenommen hatte.

Bei der Fertigstellung war die Freude noch groß. Nach gerade einmal 48 Monaten Bauzeit ging der Meiler ans Netz – Weltrekord, wie unsere Zeitung vermeldete. Niedersachsens SPD-Sozialminister Kurt Partzsch jubelte: „Das Kraftwerk verbessert die Lebensverhältnisse.“

Es waren andere Zeiten damals. Die SPD war für Atomkraft. Darme noch eine eigenständige Gemeinde. Und die Kraftwerksbetreiber „ Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen “ gehörten noch nicht zum Energiekonzern RWE. All das ist Geschichte. Was die Zeiten überdauert hat, ist die Reaktorkuppel an der Schüttorfer Straße .

Ein bisschen vergessen ragt sie gut 50 Meter in den Himmel. Immer im Schatten der großen Kühltürme des benachbarten Gaskraftwerks. Nicht viel erinnert hier an die einstige Aufbruchsstimmung. Bernd Fries verwaltet die Reste. „Leiter der Anlage Kernkraftwerk Lingen“ steht auf seiner Visitenkarte. Ein Kernkraftwerk ohne Brennstäbe. Die sind schon seit Jahrzehnten nicht mehr hier und längst wieder aufgearbeitet.

An der Seite von Fries arbeiten noch weitere gut 50 RWE-Mitarbeiter in und an dem alten Kraftwerk, dass eigentlich nur noch eine Hülle ist. Einer von ihnen ist Ulrich Priesmeyer. „Leiter Rückbau“ ist seine offizielle Bezeichnung. Fries und Priesmeyer haben vor allem ein Ziel: Möglichst günstig das Atomkraftwerk Lingen beseitigen.

Das befindet sich seit 1988 im sogenannten sicheren Einschluss . Sämtliche Eingänge wurden zugemauert, Kabel und Rohre gekappt. 130 Millionen DM kostete diese Umbaumaßnahme nach damaligen Berichten. Niemand sollte mehr hinein, nichts mehr raus. Das Gebäude ist so abgeschottet von der Außenwelt, dass im Innern Unterdruck herrscht, erzählt Werksleiter Fries.

Streng genommen gibt es da noch eine Tür. Die wird für gelegentliche Kontrollen seit 1997 geöffnet. Aber nur nach behördlicher Genehmigung, betont Fries. Im Innern warten gelbe Behälter. Ihr Inhalt: radioaktiver Abfall. Der ist bei den ersten Rückbaumaßnahmen seit Abschaltung des Kraftwerks angefallen. Filter zum Beispiel. Sie lagern hier und warten auf einen Abtransport. Nach Angaben des niedersächsischen Umweltministeriums sind es 480 Fässer und 142 Gussbehälter. Irgendwann sollen sie im Endlager Schacht Konrad versenkt werden. Irgendwann.

Genau da liegt das Problem für die Kraftwerksbetreiber ohne Kraftwerk: Das Endlager ist noch nicht fertig. Zuletzt war von 2019 die Rede. So lange kann der geplante Rückbau in Lingen nur mit angezogener Handbremse erfolgen. Denn neben den bereits bekannten strahlenden Abfällen rechnen Fries und Priesmeyer noch mit weiterem radioaktiv verseuchtem Abfall. Gesamtgewicht: etwa 1500 Tonnen. „Wir bauen am Standort kein Zwischenlager für die Abfälle. Stattdessen wollen wir sie direkt in das Endlager bringen“, beschreibt Priesmeyer den Plan. Den hatte RWE jüngst öffentlich ausgelegt . Im Lingener Rathaus und beim Umweltministerium in Hannover. Allein die Kurzfassung ist 37 Seiten lang. Vorgesehen ist ein Abriss in drei Schritten: Zunächst sollen im Innern der Kuppel Demontagearbeiten stattfinden. Im zweiten Schritt wird alles, was strahlt, entweder dekontaminiert oder für das Endlager verpackt. Erst danach kann der eigentliche Abriss der Reaktorkuppel beginnen. Bevor es aber losgehen kann, muss der Plan noch vom Umweltministerium genehmigt werden. Das Verfahren läuft, frühstens 2014 rechnet die Behörde mit einer Genehmigung.

Es dauert also noch Jahre. Nicht nur, weil unklar ist, wann Konrad seine Tore öffnet. Auch weil ein Atomkraftwerk nicht einfach so abgerissen werden kann. „Wir werden bei jedem Stein nachweisen müssen, dass er nicht mehr strahlt. Erst dann können wir ihn entsorgen“, umschreibt Fries die besonderen Herausforderungen.

Die Experten gehen davon aus, dass die Gesamtmasse des Atomkraftwerks 59000 Tonnen beträgt. Was nicht strahlt, soll recycelt werden. Das ist gang und gäbe. Bereits in den vergangenen Jahrzehnten wurden Teile der Anlage abgerissen. Etwa der 150 Meter hohe Schornstein . Bislang fielen laut Umweltministerium 10000 Tonnen Schutt an. Die gingen beispielsweise ans Ems-Jade-Mischwerk in Lingen zur Weiterverarbeitung nach dem Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz. Gut möglich also, dass in vielen Straßen im Emsland bereits jetzt ein Stückchen Atomkraftwerk steckt.

Wann es aber mit dem großen Abriss losgehen kann und schließlich nichts mehr vom Kuppelbau zu sehen sein wird, ist ungewiss. Genauso wie die Kosten. Besitzer RWE hat eine dreistellige Millionensumme zurückgestellt. Und das alles wegen neun Jahren Atomstrom.

Weitere Bilder aus den vergangenen Jahrzehnten Atomkraft in Lingen auch in unserer Bildergalerie .


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