Höchst anspruchsvolles Orgelkonzert Jubelnde Ovationen in der Lingener Bonifatiuskirche für Küchler-Blessing

Von Daniel Lösker

Mittels Videoübertragung kann man der Kunst Sebastian Küchler-Blessings auch zusehen. Foto: Daniel LöskerMittels Videoübertragung kann man der Kunst Sebastian Küchler-Blessings auch zusehen. Foto: Daniel Lösker

Lingen. Der Essener Domorganist Sebastian Küchler-Blessing hat in der Lingener St. Bonifatiuskirche ein aufsehenerregendes Gastspiel im Rahmen der Phantasticus 2019-Reihe gegeben.

Der Stylus Phantasticus, also der fantastische Stil, hat im 17. Jahrhundert den unbestrittenen Zenit in der sogenannten norddeutschen Orgelschule rund um Dietrich Buxtehude erreicht. Den zumindest bisherigen Gipfelpunkt der Reihe „Phantasticus 2019“, die dem 300. Todestag des bedeutendsten norddeutschen Orgelbauers Arp Schnittger gewidmet ist, zelebriert der Essener Domorganist Sebastian Küchler-Blessing mit seinem Programm „Auff Toccata Manier“.  

Jenes Zitat geht zurück auf den heute leider fast vergessenen Johann Ulrich Steigleder, der für die letzte von vierzig Variationen über das Luther-Lied „Vater unser im Himmel“ in seinem Tabulator Buch 'darinnen Daß Vatter unser' von 1627 diese Überschrift wählte.

Still und majestätisch

Fünf dieser faszinierenden Stücke hat Küchler-Blessing ausgewählt und interpretiert sie mit großer Lust an breitgefächerter Registratur. Einfach umwerfend, wie der gebürtige Fribourger mit aller gegebenen Ruhe die Partitur einer zweistimmigen Fuge geradezu akribisch seziert, scheinbar in ihre Einzelteile zerlegt, nur um sie dann prachtvoll, dennoch still und majestätisch als Ganzes zu präsentieren. Das ist große Orgelkunst und erklärt, warum der mit 32 Jahren noch sehr junge Künstler bereits seit 2014 die herausragende Stellung eines Domorganisten innehat.

In dieser kommt er selbstverständlich immer in Berührung mit den Werken Johann Sebastian Bachs. Als Eingangsstück wählt Küchler-Blessing dessen „Toccata und Fuge d-Moll“. Hier wird deutlich, was es mit dem Begriff auf sich hat. Von italienisch „toccare“ schlagend kommend, holt er alles aus dem herrlichen Instrument der Bonifatiuskirche heraus, widersteht aber klug der Gefahr, Virtuosität zum Selbstzweck werden zu lassen.

Video-Übertragung für Zuschauer

Besonders beeindruckt sind die Lingener Zuhörer – und diesmal auch -seher, da mittels Videoübertragung Küchler-Blessings Kunst in den Altarraum übertragen wird – von einer spontanen Improvisation über die Lieder „Erfreue dich Himmel“ und einen rhythmisch anspruchsvollen Chorsatz des Meppener Regionalkantors Ansgar Kreutz über „Allein Gott in der Höh sei Ehr“. Staunende Gesichter und brausender Applaus für ca. zehn Minuten frei erdachtes Orgelspiel, in welchem es sich der Protagonist nicht nehmen lässt, andere Werke des Programms wenn nicht zu zitieren, so doch deren Eigenarten aufzunehmen.

Beinahe intuitiv wirkt auch die berühmte „Toccata“ aus der 5. Sinfonie von Charles Marie Widor. Küchler-Blessing, der zwischen den gespielten Werken kurze Moderationen einfügt, erläutert, was ihn daran fasziniert, erzählt schmunzelnd anekdotisch, wieso Widor das Opus in seinem Leben mehrfach im Tempo veränderte und legt dann los, als gäbe es kein morgen mehr. Die Orgel im besten Sinne wahrlich schlagend kommt er schließlich zum triumphalen F-Dur-Schlussakkord, der lange durch den Kirchenraum hallt und sich mit den jubelnden Ovationen des Publikums vermischt.


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