Jüdischer Friedhof Lingen „Erinnerungen zu wecken bedeutet, Vergangenes freizulegen“

Heribert Lange, Vorsitzender des Forums Juden-Christen, informierte auf dem Jüdischen Friedhof in Lingen 20 Besucher über die Bestattungskultur im Allgemeinen, den hiesigen Friedhof und die verzweigten Familienverhältnisse von Amalie Halperin und Ida Guttmann im Besonderen. Foto: Johannes FrankeHeribert Lange, Vorsitzender des Forums Juden-Christen, informierte auf dem Jüdischen Friedhof in Lingen 20 Besucher über die Bestattungskultur im Allgemeinen, den hiesigen Friedhof und die verzweigten Familienverhältnisse von Amalie Halperin und Ida Guttmann im Besonderen. Foto: Johannes Franke

Lingen. Der Vorsitzende des Forums Juden-Christen, Heribert Lange, konnte jetzt auf dem Jüdischen Friedhof in Lingen 20 Besucher begrüßen, um sie über Gewohnheiten und Gebräuche im Judentum bei Sterben, Tod und Bestattung und insbesondere über den jüdischen Friedhof in Lingen zu informieren.

„Wir sind heute hier, weil wir uns sozusagen als Paten der nicht mehr existierenden Jüdischen Gemeinde in der Verpflichtung und in der Verantwortung gegenüber dem Judentum auch verantwortlich für das jährliche Totengedenken fühlen“, betone Lange. Seit mehreren Jahren erinnert das Forum-Juden Christen zwischen dem jüdischen Rosch Haschana, dem Neujahrsfest, und dem Yom Kippur, Sühne-/Versöhnungsfest, über die Bestattungs- und Friedhofskultur gläubiger Juden.

In diesem Jahr gehen sie zwischen dem 30. September, beziehungsweise 1. Oktober, dem Neujahrsfest des Jahres 5780, und dem 8. Oktober, dem Yom-Kippur-Fest, auf Friedhöfe, um die Gräber ihrer Angehörigen zu besuchen. Sie bringen Steine mit, die auf das Grab oder auf die Grabsteine gelegt werden. Inzwischen seien es auch Blumen oder Kerzen, die entzündet würden. Für Juden gelte dies als „Mizwa“, als gute Tat, die man für die Toten vollbringe.

Lange berichtete über jüdische Friedhöfe im Allgemeinen und über den jüdischen Friedhof in Lingen im Besonderen. Es gebe Hinweise, dass dieser Friedhof seit 1734 als jüdische Begräbnisstätte benutzt wird. Alle Gräber seien nicht mehr erkennbar, vielleicht auch nicht mehr vorhanden. Zwischen 1844 und 1866 habe es 29 Bestattungen gegeben. Vorhanden seien noch neun Grabsteine. 1880 sei ein eingefriedeter und mit Mauern umgebener Friedhof entstanden, entsprechend bezeichnet und erwähnt. Juden aus Lingen, Freren, Lengerich und Umgebung wurden hier beerdigt, bis 1926 in Freren ein eigener jüdischer Friedhof entstand. Lange berichtete über jüdische Familienmitglieder, die hier bestattet wurden, wie Helga Hanauer 1975. Die Stimmen gegen das Vergessen der jüdischen Geschichte hätten dazu geführt, dass 1982 der Friedhof wiederhergestellt, rekultiviert und restauriert wurde.  

„Erinnerungen zu wecken bedeutet, Vergangenes freizulegen“, sage Lange am Grab von Amalie Halperin und Ida Gutmann. Den Grabstein hätten Anne Scherger und Anne-Dore Jakob bei der Wiederherrichtung des Friedhofs „unter einem schier übermächtigen Efeuberg entdeckt, der den umgestürzten Grabstein vollständig bedeckte und unkenntlich gemacht hatte“, berichtete er. Der Grabstein wurde restauriert, aufgerichtet und die Geschichte der kurz nacheinander 1916 Verstorbenen konnte ergründet werden. Der Vorsitzende erläuterte detailliert die verzweigten Familiengeschichten, ihre glücklichen Fügungen sowie die unvorstellbaren Schicksale. Vor allem mit Hilfe von Professor Leon Kaufmann im niederländischen Eindhoven, der Familienforschung betreibt, seien die verflochtenen Zusammenhänge transparent geworden. „Wir hatten Professor Kaufmann eingeladen, heute bei diesem Besuch des Friedhofs dabei zu sein. Nach dem, was ich inzwischen aber gelesen und erfahren habe, kann ich verstehen, wie sehr er dagegen angesehen hätte, die Geschichte seiner Familie hier zu erzählen“, berichtete Lange. Abschließend formulierte er eine „Schlüsselbotschaft für unsere Arbeit. Wir müssen erinnern und dürfen damit nicht aufhören. Doch wie geben wir die Aufgabe weiter? Das ist unsere Sorge.“


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