Zum Tag der Deutschen Einheit Oppositioneller des SED-Regimes spricht in Lingen

Über seine Erfahrungen in der DDR spricht Pfarrer Christian Dietrich am 3. Oktober um 18 Uhr in der Bonifatiuskirche in Lingen. Foto: Jürgen M. PietschÜber seine Erfahrungen in der DDR spricht Pfarrer Christian Dietrich am 3. Oktober um 18 Uhr in der Bonifatiuskirche in Lingen. Foto: Jürgen M. Pietsch

Lingen. Die Kirchengemeinden in Lingen laden zu einem Ökumenischen Gottesdienst zum Tag der Deutschen Einheit am Donnerstag, 3. Oktober, um 18 Uhr in der Kirche St. Bonifatius ein. Der Gottesdienst steht unter der Überschrift „ÜberWunden und zur Freiheit berufen“. Der Gottesdienst wird musikalisch gestaltet vom Regionalkantor Balthasar Baumgartner.

Die Ansprache hält Christian Dietrich. Er ist laut Pressemitteilung des Dekanates Emsland-Süd Pfarrer des Kirchengemeindeverbandes Klettbach im Kirchenkreis Weimar und Sonderseelsorger der evangelischen Kirche in Mitteldeutschland für Diktaturopfer. Von 2013 bis  2018 war er Landesbeauftragter des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Aus politischen Gründen das staatliche Abitur verwehrt

Christian Dietrich wurde aus politischen Gründen das staatliche Abitur verwehrt. Er besuchte daraufhin von 1982 bis 1985 das Kirchliche Proseminar in Naumburg. Seit 1981 beteiligte er sich an Aktionen des kirchlichen Widerstands. 1983 stellte seine Familie einen Ausreiseantrag. Nachdem er diesen 1986 zurückgezogen hatte, begann er Theologie in Naumburg und später in Leipzig und Marburg zu studieren.

Er gehörte zum Naumburger Friedensarbeitskreis und zum Deutschlandpolitischen Arbeitskreis um Edelbert Richter. Er beteiligte sich an der Initiative für Blockfreiheit in Europa und forderte die Abschaffung der Todesstrafe in der DDR. 1986 begründete er mit einer Vielzahl evangelischer Bürgerrechtlern den DDR-weiten Arbeitskreis Solidarische Kirche. In Abstimmung mit der Initiative Frieden und Menschenrechte entwickelte er Kontakte zu Dissidenten in Prag und Budapest. Er war Autor in verschiedenen kulturellen und politischen Zeitschriften und Mitherausgeber von Ostkreuz und Glasnot.

Arbeitskreis zum gewaltfreien Widerstand geleitet

 Mit Ibrahim Böhme, dem Pfarrer Lothar König und anderen organisierte er Seminare zur Geschichte des Stalinismus. Außerdem leitete er einen Arbeitskreis zum gewaltfreien Widerstand und beteiligte sich an der Organisation von oppositionellen Demonstrationen in Naumburg und Leipzig. Im März 1989 begründete er mit Katrin Hattenhauer, Gesine Oltmanns und Michael Arnold die Initiative zur demokratischen Erneuerung, die zur Demonstration gegen die "Pseudowahlen" am 7. Mai 1989 aufrief und ein Archiv des Widerstandes ankündigte. Wegen seiner Beteiligung an Demonstrationen wurde er mehrfach festgenommen. Auf der Leipziger Montagsdemonstration am 4. September 1989 trug er ein Transparent mit den Worten "Versammlungs- und Vereinsfreiheit". Der Versuch der Staatssicherheit, Dietrich am Rande der Montagsdemonstration am 18. September festzunehmen, scheiterte an der Solidarisierung der Umstehenden.

Verfolgung durch die Staatssicherheit

Das Ministerium für Staatssicherheit verfolgte ihn unter dem operativen Vorgang „Kerze“. Im Herbst 1989 beteiligte er sich am Aufbau der Strukturen des Neuen Forums und des Demokratischen Aufbruchs. Er war dessen Geschäftsführer und Vorsitzender des Untersuchungsausschusses zu Korruption und Amtsmissbrauch im Kreis Naumburg. 1991 war er Mitbegründer und längere Zeit im Vorstand des Archiv Bürgerbewegung Leipzig und des Vereins für politische Bildung in Sachsen, Stiftung Runder Tisch. 

1992 legte er sein erstes Theologisches Examen in Naumburg ab und wurde Mitarbeiter am Institut für kirchliche Zeitgeschichte in Naumburg und Repetent an der Kirchlichen Hochschule Naumburg. Zum Deutschen Evangelischen Kirchentag 1997 erarbeitete er eine Ausstellung zu den Leipziger Kirchentagen in der Gedenkstätte Museum „Runde Ecke“. 1997 wurde er Vikar in Oberweißbach und Scheibe-Alsbach. 2000 bis 2013 war er Pfarrer in Nohra (bei Weimar). Dietrich ist verheiratet und hat vier Kinder.   


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