Treffen in Brögbern Missbrauchsvorwurf: Pfarreiengemeinschaft in Lingen erschüttert

Missbrauchsvorwürfe gegen einen verstorbenen Pfarrer erschüttern die Lingener Kirchengemeinde St. Marien Brögbern-Damaschke. Foto: Ludger JungeblutMissbrauchsvorwürfe gegen einen verstorbenen Pfarrer erschüttern die Lingener Kirchengemeinde St. Marien Brögbern-Damaschke. Foto: Ludger Jungeblut
Ludger Jungeblut

Lingen . Nachdem das Bistum Osnabrück am Sonntag Missbrauchsvorwürfe gegen einen inzwischen verstorbenen Pfarrer aus Lingen bekannt gemacht hatte, haben sich am Dienstagnachmittag rund 40 Gläubige der betroffenen Kirchengemeinde St. Marien Brögbern-Damaschke nach einem Gottesdienst getroffen, um mit Pfarrer Hartmut Sinnigen über diese schockierende Information zu sprechen.

Die Begegnung fand im Rahmen des monatlichen Seniorennachmittags im Pfarrheim Brögbern statt. In einem Gespräch  mit unserer Redaktion betonten Sinnigen, der Pastorale Koordinator Dirk Tecklenborg und die Vorsitzende des Pfarrgemeinderates St. Marien Brögbern-Damaschke, Gertrud Möddel, dass sich die Pfarreiengemeinschaft St. Josef Lingen/St. Antonius Baccum/St. Marien Brögbern-Damaschke gemeinsam mit den vom Bistum benannten unabhängigen Ansprechpartnern für Opfer sexuellen Missbrauchs im Interesse der Betroffenen für die umfassende Aufarbeitung des mutmaßlich kriminellen Geschehens einsetzen. 

Pfarrer soll "Strafmaßnahmen" angeordnet haben

Wie berichtet, soll der 2007 verstorbene langjährige Pfarrer von Brögbern, R., vor rund 40 Jahren ein Mädchen sexuell missbraucht haben. Zudem wurde ein Fall bekannt, demzufolge der Pfarrer vor etwa 50 Jahren auch gegenüber einem Jungen übergriffig wurde. Nach Darstellung des Betroffenen handelte es sich um die Anordnung von "Strafmaßnahmen" unter den Ministranten, vor allem durch Schläge auf das Gesäß. Der Pfarrer selbst führte die Taten demnach nicht aus. Weitere Opfer sind der Pfarreiengemeinschaft bis dato nicht bekannt.

"Einige haben geweint"

Nach den Worten von Sinnigen herrschte bei dem Treffen in Brögbern große  Betroffenheit. "Einige weinten, weil für sie eine Welt zusammengebrochen ist. Es hat aber niemand nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe den Austritt aus der Kirche angekündigt." Nach Meinung des Pfarrers haben die damaligen Machtstrukturen in der katholischen Kirche den mutmaßlichen Missbrauch begünstigt. Die Pfarrer hätten seinerzeit auf einem Podest gestanden und  als unantastbar gegolten. "Einige Brögberner fragen sich im Nachhinein, ob sie nicht wegen sexistischer Äußerungen des Pfarrers hätten einschreiten müssen", sagte Hartmut Sinnigen, der die Schilderungen der vom mutmaßlichen Missbrauch Betroffenen für absolut glaubwürdig hält.  

Gesprächspartner der Redaktion: (von links) Pfarrer Hartmut Sinnigen, die Vorsitzende des Pfarrgemeinderates St. Marien Brögbern-Damaschke, Gertrud Möddel und der Pastorale Koordinator Dirk Tecklenborg.

Dass sich die Frau erst nach so langer Zeit gemeldet hat, hält Sinnigen für plausibel. "Manches Erlebte ist so schrecklich, dass es die Betroffenen wie einen Sprengsatz tief in ihrem Inneren vergraben. Nach Jahrzehnten kommt dieser Sprengsatz durch ein plötzliches Ereignis wieder ans Tageslicht und muss dann entschärft werden." Es gehe jetzt darum, dem Opfer auf bestmögliche Weise zu helfen, sagte der Geistliche. Gertrud Möddel, die den verstorbenen Pfarrer im Gegensatz zu Pfarrer Sinnigen persönlich kannte, erklärte, dass sich damals niemand in der Kirchengemeinde getraut habe, R. wegen dessen grenzwertiger Äußerungen zu kritisieren oder sich an höherer Stelle über ihn zu beschweren. R. sei über Jahrzehnte eine Institution in Brögbern gewesen und habe zum Beispiel den Neubau der Kirche, die 1963 eingeweiht worden sei, vorangetrieben.

Vertrauensverlust trifft Pfarreiengemeinschaft ins Mark

 Ebenso wie Sinnigen und Möddel betonte auch Tecklenborg, dass der berechtigte Vertrauensverlust die Pfarreiengemeinschaft bis ins Mark treffe. "Wir haben damit begonnen, ein Schutzkonzept zu erarbeiten, um alles Menschenmögliche zu unternehmen, damit so etwas nie wieder passiert", sagte er. Wichtig sei es auch, Macht in Führungspositionen der Kirche zu teilen. Ebenso wie Domkapitular Ulrich Beckwermert hält Pfarrer Sinnigen Reformen in der Kirche auch unabhängig von Missbrauchstaten für unverzichtbar: "Das Pflichtzölibat für Priester sollte aufgehoben werden."

Unabhängige Ansprechpersonen für Opfer von sexueller Gewalt

Die unabhängigen Ansprechpersonen für Opfer von sexueller Gewalt im Bistum Osnabrück sind erreichbar unter diesen (kostenlosen) Rufnummern und E-Mail-Adressen: Antonius Fahnemann (Telefon: 0800-7354120, E-Mail: fahnemann@intervention-os.de), Irmgard Witschen-Hegge (Telefon: 0800-0738121, E-Mail: witschen-hegge@intervention-os.de). 


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