CD der Kultband aus den 60ern Als mit Les Copains der Beat nach Lingen kam

Mit einem alten Hanomag-Wehrmachts-Lkw machten sich die Mitglieder der Lingener Beatband Les Copains Mitte der 1960er-Jahre auf, die Musik-Welt außerhalb ihrer Heimatstadt Lingen zu erobern. Und es klappte, die Deutsche Grammophon nahm sie unter Vertrag. Nach einer Single war allerdings Schluss. Jetzt gibt es eine CD mit den alten Aufnahmen und neu eingespielten Liedern. Foto: Archiv Alfred HannuschMit einem alten Hanomag-Wehrmachts-Lkw machten sich die Mitglieder der Lingener Beatband Les Copains Mitte der 1960er-Jahre auf, die Musik-Welt außerhalb ihrer Heimatstadt Lingen zu erobern. Und es klappte, die Deutsche Grammophon nahm sie unter Vertrag. Nach einer Single war allerdings Schluss. Jetzt gibt es eine CD mit den alten Aufnahmen und neu eingespielten Liedern. Foto: Archiv Alfred Hannusch

Lingen. Künstler wie Milva, Reinhard Mey, The Monks oder Karel Gott hat der Musikmanager Jimmy Bowien für die Deutsche Grammophon ebenso betreut wie später Musicals wie Cats oder Phantom of the opera. Und Les Copains, die Lingener Kult-Beatband in den 1960er-Jahren.

Beatmusik. Dieser Begriff war in den 60er-Jahren in Deutschland bei vielen Erwachsenen extrem negativ besetzt; die in England entstandene Musik stand für Rebellion, lange Haare und große Lautstärke. Bei der Jugend kam diese neue vom Gitarrenspiel dominierte Musikrichtung mit dem ersten Beat im 4/4-Takt aber ausgesprochen gut an. 

Zahllose Beatbands

Tausende, vielleicht sogar zehntausende Bands entstanden in kurzer Zeit. Und das nicht nur in den großen Städten, sondern auch auf dem Land. In England waren die Beatles ganz vorne mit dabei, in Deutschland waren es The Lords in Berlin oder The Rattles in Hamburg. Und in Lingen waren es unter anderen Les Copains – was kurz und knapp "die Kumpels" bedeutet.

Sechs Lingener Kumpels waren es auch, die 1963 beschlossen, gemeinsam Musik zu machen, es ihren Idolen nachzumachen und die Welt "zu erobern". Innerhalb weniger Monate entwickelten sie sich tatsächlich zu einer der führenden Bands in der Region. 

Les Copains – eine Schülerband

Les Copains. Das war eine Schülerband. Richard Dölling spielte die Rhythmus- und Jürgen Gurschler die Bassgitarre, Alfred Hannusch war Leadgitarrist und für die Backgroundstimme verantwortlich, Thomas Müller stand am Keyboard, Pjotr Newmerschyzky alias Peter Fjodoroff war Leadsänger und trommelte. Dieter Westermann sang und spielte Schlagzeug.

Die Les Copains kurz vor einem Auftritt. Foto: Archiv Alfred Hannusch


"Unser erster Auftritt war 1963 auf der Abifeier auf der Wilhelmshöhe in Lingen. Es war nicht unsere eigene Feier, wir waren gebucht worden", erinnert sich Alfred "Ali" Hannusch in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Die Musik kam an, zahlreiche Auftritte folgten. Zunächst in der Region, später auch in den Niederlanden. "Dort hatten wir einen Edel-Fan, der uns zahlreiche Auftritte in Hengelo, Enschede und Haarlem vermittelte. Er war praktisch unser niederländischer Manager."

Doch die Jungs wollten mehr. Sie wollten einen Plattenvertrag. Nicht irgendeinen. Sondern einen bei der Deutschen Grammophon, dem 1898 gegründeten und damit ältesten Klassiklabel der Welt, welches im 20. Jahrhundert als führend im Bereich der Kunstmusik-Langspielplatten galt. 

Mit dem Lkw nach Hamburg

So schnappten sie sich 1964 ihren alten Hanomag-Wehrmachts-Lkw mit dem Kennzeichen LIN-H 783 und ratterten von Lingen aus zur Rothenbaumchaussee in Hamburg. Es hatte zwar keiner von ihnen einen Führerschein, aber sie hatten eine zuvor im gegenüber dem Lingener Bahnhof gelegenen Kiveling-Theater entstandene Live-Aufnahme im Gepäck.

"Nach dem ersten Stopp dachten wir schon, das war´s", erinnert sich Hannusch noch heute an die Tour. Der Hanomag sprang nicht mehr an. Die Kohlen aus der Lichtmaschine waren abgenutzt. Doch ein Bundeswehr-Lkw half aus und schleppte sie an. Auf dem Parkplatz der Deutschen Grammophon angekommen, tuckerte der Hanomag schließlich sechs Stunden vor sich hin. "Wir wussten ja nicht, ob er für die Rückfahrt oder seine letzte Fahrt hinunter zur Elbe wieder anspringt", lacht der spätere Diplom-Pädagoge Hannusch. Denn die Band hatte kurz zuvor beschlossen, dass der Hanomag in der Elbe versenkt wird, wenn es keinen Plattenvertrag gibt. Doch der Hanomag durfte bleiben.

Musikmanager Jimmy Bowien war begeistert

Denn sie marschierten mit ihrem Tonband völlig unbedarft in den Firmensitz der Grammophon. Dessen Musikmanager Jimmy Bowien hatte eine Aufnahme von ihnen gehört und sie nach Hamburg eingeladen. "In dessen Zimmer gab es einen Schreibtisch, einen Tisch und eine Tonbandmaschine, sonst nichts. Dort harrten wir seines Urteils", erinnerte sich der im August 2015 verstorbene Pjotr "Petscha" Newmerschyzki später an diesen Tag.

Und Bowien? Der war begeistert, vor allem von der Blues-Nummer Every Morning. Sie bekamen ihren Plattenvertrag. Und so ging es für die Band in das Polydor-Studio in Rahlstedt, in dem auch die Beatles schon Songs aufgenommen hatten. "Wir bekamen mit dem Park-Hotel auch die gleiche Unterkunft wie unsere Idole", erinnert sich Hannusch im heimischen Wohnzimmer. Drei bis vier mal seien sie schließlich in Hamburg gewesen. Vier Songs wurden aufgenommen und zwei davon veröffentlicht: Give your love to me und I´m so lonely.

Alfred "Ali" Hannusch mit einem Exemplar der 1964 entstandenen Les Copains-Single. Der pensionierte Lehrer war Mitglied der Lingener Kult-Beatband. Foto: Carsten van Bevern


Bei dieser Single sollte es aber bleiben, und der Rest der Band-Geschichte ist schnell erzählt. Eine 1965 geplante Tour durch Polen konnte nicht angetreten werden. "Wir wären die erste deutsche Rockband im Osten gewesen. Doch Peter war staatenlos, seine Eltern stammten aus Weißrussland. Er hatte Angst, das Land nicht wieder verlassen zu dürfen", berichtet Hannusch. Auch ein Auftritt mit The Who zerschlug sich. Sowieso musste jeder Auftritt genau geplant werden, da die Bandmitglieder entweder Schüler oder aber Auszubildende waren. "Und als Richard Dölling und Jürgen Gurschler noch zum Wehrdienst eingezogen wurden, mussten wir immer wieder mit Ersatzmusikern auftreten. Das destabilisierte die Band und so beschlossen wir Anfang 1967, das Kapitel Beatband zu schließen." Seitdem haben sie nie wieder zusammen gespielt. "Aber wir sind Freunde geblieben."

CD-Aufnahme im Jahr 2015

Bereits Ende der 60er-Jahre starb der erste aus ihrer Mitte bei einem Unfall. Hannusch letzter noch lebende Bandkollege und spätere Experimentalmusiker Peter Fjodoroff starb Mitte 2015. Kurz zuvor hatten beide aber in dreimonatiger Arbeit noch mit mehreren Gastmusikern alte Songs aus Les Copains-Zeiten aufgenommen und daraus eine CD für Freunde und besondere Fans zusammengestellt. Diese CD ist jetzt gepresst worden. Den Großteil der 500er-Auflage hat Heinrich Liesen von seinem Freund Hannusch übernommen. So soll die Musik auch am Sonntag, 16. Juni 2019, bei der von Liesen organisierten Bernd-Rosemeyer-Oldtimer-Classic-Tour gespielt und die CD dort für 15 Euro verkauft werden. Nähere Infos per E-Mail Info@liesen.com.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN