KZ-Überlebende in Lingen 1945 im Konzentrationslager Ravensbrück geboren

Fünf polnische Überlebende von Konzentrationslagern sind derzeit in Lingen zu Gast und berichten in Schulen aus ihrem Leben. Auch im Franziskusgymnasium sind sie jetzt herzlich empfangen worden. Foto: Carsten van BevernFünf polnische Überlebende von Konzentrationslagern sind derzeit in Lingen zu Gast und berichten in Schulen aus ihrem Leben. Auch im Franziskusgymnasium sind sie jetzt herzlich empfangen worden. Foto: Carsten van Bevern

Lingen. Geboren: 19. April 1945. Ort: Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Diese Daten stehen in der Geburtsurkunde von Elzbieta Nowak. Es ist still im Forum des Franziskusgymnasiums, als sie von den Umständen ihrer Geburt berichtet. Mit vier weiteren KZ-Überlebenden ist Nowak derzeit in Lingen zu Gast.

„Als meine Mutter ins Konzentrationslager kam, war sie gerade mit mir schwanger. Sie war zunächst in Auschwitz-Birkenau und im KZ Buchenwald. Im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück kam ich zur Welt – und überlebte mit viel Glück. Fünf Tage danach wurde das Lager befreit.“

Leben von der Geburt im KZ geprägt

Elzbieta Nowaks Geschichte ist bis heute von der Geburt im Konzentrationslager geprägt. Und es sind Lebensläufe wie diese, die sich viele Jugendliche heute kaum mehr vorstellen können. Auch aus diesem Grund ist die Überlebende Elzbieta Nowak eine von fünf polnischen Zeitzeugen, die vom 19. bis 29. Mai im Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen zu Gast sind und jeden Vormittag an einer anderen Schule in Lingen, Nordhorn und Meppen über ihre Familiengeschichte erzählen und Fragen zum Beispiel über den Alltag in einem Konzentrationslager beantworten.

So erinnert sich Józef Psiuk noch heute an die Ankunft im KZ Majdanek bei Lublin. Im Mai 1938 in Ost-Polen geboren, ist er mit seiner Familie 1943 von ihrem Hof vertrieben und später ins KZ deportiert worden: "Wir mussten uns dort alle ausziehen. Das war für mich als Kind ein Schock, all die Erwachsenen nackt zu sehen. Und die Duschen waren zunächst kochend-heiß, nach zwei Minuten wurde das Wasser aber plötzlich eiskalt." 

Tägliche Zählappelle

Auch die täglichen Zählappelle sind ihm heute noch präsent. "Bei jedem Wetter mussten wir jeden morgen in unserer dünnen Häftlingskleidung draußen stehen. Bis klar war, wer in welcher Baracke über Nacht gestorben war", erinnerte sich Psiuk. Einschneidend dann die Befreiung durch die russische Armee. "Dann begann das neue Leben."

Elzbieta Nowak und Józef Psiuk haben beide in der NS-Zeit Aufenthalte in deutschen Konzentrationslagern überlebt. Im Franziskusgymnasium in Lingen berichteten sie vor Zehntklässlern aus ihrem Leben. Foto: Carsten van Bevern


Psiuk wurde Techniker, arbeitete in der Flugzeugindustrie, leitete später eine Computer-Firma und ging 2006 in Rente. Zwei seiner drei Töchter leben und arbeiten heute in London, ein Enkel studiert in Oxford. "Die Jugend von heute kann reisen, die Jugend Europas arbeitet zusammen und kann sich bei Austauschprogrammen kennen lernen. Das ist eine andere Welt als die der Väter oder Großväter. Wir wollen daran erinnern, dass es einmal anders war und dass es nie wieder werden sollte", erklärte dazu der Pfarrer der Alt-Katholischen Kirche und stellvertretende Vorsitzende des Polnischen Häftlingsverbandes, Mikolaj Sklodowski, beim Abschlussgespräch mit Vertretern der Schulleitung.

Friedensbotschaft

Das ist auch die Erfahrung von Agnes Kläsener, die im Ludwig-Windthorst-Haus seit vielen Jahren die über das Maximilian-Kolbe-Werk anreisenden Besuchergruppen betreut: "Für viele Zeitzeugen ist es wichtig, eine Friedensbotschaft zu überbringen. Sie wollen mit Jugendlichen sprechen, die in Friedenszeiten aufgewachsen sind, der Zweite Weltkrieg ist für viele heute weit weg." 

Erinnerung wach halten

Und sie würden auch sagen wollen, dass sie versöhnt sind. Mit sich, der Vergangenheit, mit Deutschland und den Deutschen. Kläsener: "Ich habe in den vergangenen Jahren noch nie einen Zeitzeugen kennen gelernt, der Gräuel, Hass oder ähnliches den Deutschen gegenüber hatte. Aber sie wollen die Erinnerung wach halten, damit so etwas nie wieder passiert."


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