Hightech im Industriepark Bei der Rosen Gruppe in Lingen steckt die Magie in den Daten

„Diese Molche sind Champions League“, sagt Unternehmenssprecher Jörn Wunderlich. Fotos: Stefan Schöning„Diese Molche sind Champions League“, sagt Unternehmenssprecher Jörn Wunderlich. Fotos: Stefan Schöning

Lingen . Hightech made in Lingen: Die Rosen Gruppe ist Spezialist für Hochtechnologie auf der Suche nach haarfeinen Rissen und Korrosionsschäden rund um den Globus. Insbesondere in Öl- und Gasleitungen, aber nicht nur dort.

Sie sind zu viert. Der sogenannte Molch, wie das durch den Öl- oder Gasdruck im Pipelinesystem angetriebene Inspektionsgerät genannt wird, besteht aus Sensoren, Computereinheiten, Batteriepaketen für die Stromversorgung und schließlich dem Streckenmessgerät, im Fachjargon Odometer genannt. Gemeinsam sind die vier unterwegs in den Rohrsystemen dieser Welt, wo Gas und Öl durchfließen.

Was ist das Geheimnis der Gruppe, die Hermann Rosen, Ingenieur für Elektronik und Steuerungstechnik, 1981 in Lingen aufgebaut und zu einem Weltmarktführer in der Branche entwickelt hat? „Die Magie steckt in den Daten“, sagt Sprecher Jörn Wunderlich.


Unternehmensgründer Hermann Rosen (links) und Patrik Rosen. Foto: Thomas Pertz


„Spitzentechnologien zum Schutz von Mensch und Umwelt“: Das ist das Leitmotiv der Rosen Gruppe. Neben Pipelines untersucht das Unternehmen auch andere Industriezweige, außerdem Tankanlagen und Druckbehälter, Raffinerien, Windkraftanlagen, Züge oder Tanker. Die nötigen Inspektions- und Messgeräte werden selbst entwickelt und hergestellt. Allein am Standort Lingen sind rund 1300 Menschen beschäftigt, hoch spezialisiert in ihren jeweiligen Fachgebieten, global sind es rund 3300. Weltumspannend aufgestellt, ist das Unternehmen auch ein internationaler Arbeitgeber. In Lingen arbeiten Menschen aus rund 30 Nationen. Dass Rosen auf dem Gelände im Industriepark auch eine bilinguale Kindertagesstätte und Grundschule sowie ein technisches Jugendzentrum betreibt, ist eine Folge dieser internationalen Ausrichtung des Familienunternehmens.



Erhebliche Finanzmittel fließen bei Rosen in die Forschung, Entwicklung und Produktion im Bereich der Sensorik. Foto: Schöning


Die Rosen Gruppe ist in Privatbesitz und in ihren Finanzentscheidungen daher weder an Aktienmärkte noch an strategische Investoren gebunden. Wie Gründer Hermann Rosen betont, ist die enorme Fertigungstiefe aller Bereiche, insbesondere in der Sensorik, Keramik, Elektronik, Mechanik und der Fertigung von Batteriepaketen, ein entscheidender Faktor für den Erfolg. Alles bleibt in einer Hand. Die Fertigungstiefe liegt bei über 85 Prozent. Dies ermöglicht es, so flexibel wie möglich zu sein, um nahezu jeden Kundenbedarf auf der ganzen Welt abzudecken. Allein zwischen 40 und 50 Millionen Euro gebe die Gruppe jährlich in Lingen im Bereich Forschung und Entwicklung aus, so Rosen. Rund 500 Mitarbeiter seien im Unternehmen in erster Linie mit der Forschung beschäftigt, überwiegend in Lingen.

So groß wie eine Streichholzschachtel

Gerade einmal so groß wie eine Streichholzschachtel ist das Metallstück als Träger eines Sensors. An computergesteuerten CNC-Fräsen sitzen Zerspanungstechniker, Spezialisten, Programmierer mit Digitalkompetenz. Beim Einsatzbeginn vor Ort ist der Sensor mit Elektronik bestückt, dessen Bestandteile mitunter kleiner als einen Millimeter sind.

Die Sensoren sind das Herzstück der Inspektionstechnologie. Durch eine große Glasscheibe hindurch lässt sich ihre Herstellung bei Rosen beobachten. Die Produktionsstätte selbst darf nur ein dafür legitimierter Personenkreis betreten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen sich zusätzlich vor dem Eintreten an einem Spezialgerät elektrostatisch entladen. Diese Spannungen können zum Beispiel über Schuhsohlen aufgebaut werden, die sich negativ auf die Sensoren auswirken könnten.

250 neue Arbeitsplätze

Das weitläufige Gelände von Rosen im Industriepark hat sich in den vergangenen Jahren durch enorme Bautätigkeiten erheblich verändert. Das Ziel war und ist immer das gleiche: die permanente Verbesserung von Fertigungsabläufen zur Herstellung der Inspektionsgeräte und zur weiteren Forschung und Entwicklung sowie der Datenanalyse, vor allem im Software-Bereich. Gerade erst vor wenigen Monaten ist ein neuer Gebäudekomplex fertiggestellt worden, in dem unter anderem Batteriepakete für die Inspektionsgeräte hergestellt werden, derzeit ungefähr 14 000 Stück im Jahr – Tendenz steigend. Das Gebäude, 130 Meter lang, bietet Platz für rund 250 neue Arbeitsplätze. Die Investitionssumme belief sich auf zehn Millionen Euro. Die Forschung und später folgende Fertigung industrieller Keramiken findet ebenfalls im neuen Gebäude statt. Die Keramik dient als Verschleißschutz für die Sensoren.

Rosen verkauft keine Molche — von Reinigungsmolchen abgesehen. Die „Ware“, mit der das Unternehmen handelt, ist der abschließende Prüfbericht für den Auftraggeber, die Betreiber von Öl- und Gasleitungen zum Beispiel. Hier sind weltweit ganze Streckenabschnitte in die Jahre gekommen, andere dagegen sind neu. Der weitere sichere und wirtschaftliche Betrieb der Anlage ist im Interesse aller Beteiligten, Betreiber wie staatlicher Genehmigungsbehörden gleichermaßen. Um dies zu gewährleisten, sind regelmäßige Inspektionen unerlässlich, weltweit.

Jedes Bauteil wird getestet

Kein Bauteil, das bei Rosen hergestellt wird, verlässt aber den Industriepark, ohne zuvor getestet worden zu sein. Aneinandergelegt, wären die Rohrleitungen auf dem Gelände 6,5 Kilometer lang. Kunden können sich vor Ort von der Leistungsfähigkeit der Molche und von den mithilfe der Sensoren erhobenen Daten überzeugen. „Diese Molche sind Champions League“, sagt Unternehmenssprecher Wunderlich beim Rundgang durch Produktionshallen und Werkstätten.

Die Teams fliegen mit den Molchen um die Welt zu ihren Einsatzorten. Hunderte von ihnen sind im Einsatz. Anschließend kehren sie wieder zurück ins Unternehmen, werden gewartet für den nächsten Einsatz. Permanent werden neu entwickelte Teile eingebaut, Messtechnik und Datenanalyse den sich verändernden Anforderungen angepasst. Denn es geht nicht nur darum, wie es um die Beschaffenheit der Leitungen bestellt ist, wo Risse sind oder sich welche andeuten. Rosen will alles wissen im Interesse des Kunden. Wie sieht es zum Beispiel mit der äußeren Umgebung aus? Was ist mit möglichen Bewegungen der Erdkruste in diesem Gebiet, und wie wirken sie sich auf das Material der Leitungen aus?

Der Technologiekonzern weiß Bescheid, weil Rosen seit dem Start 1981 alle Informationen, die die Messungen geliefert haben, gesammelt hat. Dieser Datenschatz, der ständig erweitert wird, ist wie eine „Rosen-DNA“, die das Alleinstellungsmerkmal des Unternehmens ausmacht. Gigantische Datenmengen werden inzwischen in Lingen verarbeitet, analysiert und interpretiert. Softwareentwickler tüfteln ständig an neuen Programmen. Die Wartungsplanung soll kombiniert werden mit einer Vorhersage als Handlungsempfehlung für den Betreiber der Anlage.


Die Sammlung und Analyse der Daten sowie die Forschung, Entwicklung und Produktion im Bereich der Sensorik sind wichtige Faktoren für den Unternehmenserfolg bei Rosen. Foto: Schöning


Das in Lingen verarbeitete Datenvolumen ist nach Angaben von Patrik Rosen, Vertreter der Eigentümerfamilie, inzwischen im Petabyte-Bereich angelangt. Zum Vergleich: Ein Petabyte sind eine Million Gigabyte. Fünf Gigabyte reichen als Datenmenge für einen DVD-Spielfilm.

Datenanalyse wird immer wichtiger

Wie stellt sich das Technologieunternehmen für die Zukunft auf? Die Datenanalyse und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen für die Auftraggeber werden, so betont Patrik Rosen, immer wichtiger. Sie zahlen nicht für die Geräte, sondern für die Ergebnisse auf der Basis der Daten, die die Sensoren bei der Inspektion gesammelt haben. Je umfassender und aussagekräftiger sie sind, umso größer ist der Nutzen aus der Expertise.

Die Möglichkeiten dazu sind heute aufgrund der inzwischen erreichten Rechnerleistungen enorm gestiegen. „Machine Learning“ ist das Stichwort, so Patrik Rosen. Als ein Teilgebiet der künstlichen Intelligenz sind solche IT-Systeme in der Lage, aufgrund vorhandener Datenbestände Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und Lösungen zu entwickeln. Rosen spricht von „entscheidungsunterstützenden Systemen“, die es aufzubauen gelte.

Der Softwareentwicklung kommt deshalb in den nächsten Jahren bei Rosen eine große Bedeutung zu. Die Suche nach Softwarespezialisten ist nicht minder herausfordernd. In Zeiten des Fachkräftemangels ist es nicht mehr so, dass sich solche bei den Unternehmen bewerben. „Heute bewerben wir uns bei den Fachkräften, ob sie bei uns arbeiten wollen“, beschreibt Patrik Rosen den Wandel.

Das Lingener Unternehmen antwortet darauf konkret mit der in Kürze bevorstehenden Eröffnung eines Büros in unmittelbarer Nähe der Universität in Osnabrück. Dort befindet sich das Deutsche Forschungszentrum für künstliche Intelligenz (DFKI). Und demnächst auch die Rosen Gruppe.


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