Fachtagung in Lingen Beschäftigte im Bistum suchen nach Wegen aus der Krise

Welche Konsequenzen haben die Missbrauchsfälle für die Arbeit der Hauptamtlichen im Bistum Osnabrück? Darüber diskutierte ein Fachtag im LWH in Lingen. Von links: LWH-Leiter Michael Reitemeyer, Bischof Franz-Josef Bode, die Journalistin Kerstin Claus, Jesuitenpater Hans Zollner und Martina Kreidler-Kos vom Bistum. Foto: Thomas PertzWelche Konsequenzen haben die Missbrauchsfälle für die Arbeit der Hauptamtlichen im Bistum Osnabrück? Darüber diskutierte ein Fachtag im LWH in Lingen. Von links: LWH-Leiter Michael Reitemeyer, Bischof Franz-Josef Bode, die Journalistin Kerstin Claus, Jesuitenpater Hans Zollner und Martina Kreidler-Kos vom Bistum. Foto: Thomas Pertz

Lingen. Was sind die Konsequenzen aus den Ergebnissen der Studie zum sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Geistliche? Antworten auf die von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Arbeit suchten über 350 Haupt- und Ehrenamtliche aus Gemeinden und kirchlichen Organisationen des Bistums Osnabrück auf einem Fachtag im Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen.

Zwei Impulsreferate bildeten den Rahmen des Tages: Jesuitenpater Hans Zollner, der am Institut für Psychologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom lehrt, beleuchtete die systemischen Aspekte von Missbrauch in der Kirche. Die Journalistin Kerstin Claus, als Jugendliche selbst Opfer eines sexuellen Missbrauchs durch einen evangelischen Pastor geworden, beschrieb die dramatischen persönlichen Folgen. Moderiert wurde die Tagung von Akademiedirektor Michael Reitemeyer und Martina Kreidler-Kos, Leiterin des Fachbereichs Übergemeindliche Pastoral, Ehe- und Familienseelsorge im Bistum Osnabrück.

Bode: Ich bin guten Mutes

Bischof Franz-Josef Bode zeigte sich tief beeindruckt angesichts der großen Zahl an Teilnehmern. Dem Grauen nicht auszuweichen, nichts zu beschönigen, seine himmelschreiende Dramatik auszusprechen, aber dabei nicht stehen bleiben: mit diesen Worten umriss Bischof die Größe der Aufgabe und Herausforderung für jeden einzelnen im Bistum Tätigen. Bode berichtete von einem kürzlichen Gespräch mit einem Betroffenen, darüber, wie ein Leben durch den Missbrauch fast zerstört worden sei. "Es geht um Prävention durch Veränderung von Haltung und Einstellungen", so Bode. Er sei guten Mutes, fasste der Bischof "den Willen Vieler im Bistum für eine Erneuerung der Kirche auch in theologischen, pastoralen und moralischen Grundaussagen" zusammen. Dieser Fachtag möge dafür "ein Meilenstein sein".

Präventionsarbeit

Die Verantwortlichen von sexualisierter Gewalt klar zu benennen, Rechenschaft auf allen Ebenen einzufordern, aber auch aus der eigenen Sprachlosigkeit herauszukommen: Dazu riet Pater Zollner in seinem Vortrag. Der Theologe sprach von einer traumatisierten Kirche, die bei dort Aktiven zu Lähmung, Depression und Hoffnungslosigkeit führen könne und zu der Frage, wie es überhaupt weitergehen soll. Zollners Antwort: "Pro-aktiv sein, wir brauchen uns nicht zu verstecken." Die katholische Kirche in Deutschland gehört nach seinen Worten weltweit unter den ersten fünf, was das Engagement in der Präventionsarbeit zur Vermeidung von Missbrauch anbelangt. 

Die Ehelosigkeit des Priesters sei nicht ursächlich für Missbrauch, wie alle wissenschaftlichen Studien zeigen würden, erläuterte der Theologe. Das Durchschnittsalter der Ersttäter liege bei 39 Jahren. "Das heißt: etwa 15 Jahre nach der Priesterweihe tauchen offenbar Probleme auf: Überforderung, Einsamkeit, Verlust des geistigen Fundamentes." Der Zölibat sei nicht das Problem, sondern wie er gelebt werde, sagte Zollner. Wichtig sei deshalb auch, in die Ausbildung von Priestern hineinzuschauen.


Grün bedeutete: Eine aus den Arbeitsgruppen formulierte Idee fand im Plenum viel Zustimmung. Foto: Thomas Pertz


Was die Opfer von Missbrauch anbelangt, sagte der Jesuitenpater, dass Zuhören mit offenem Geist, Ohr und Herzen für ihn das Wichtigste sei. "Zuhören ist der Schlüssel. Wer einmal einer betroffenen Person zugehört hat, der kann nicht so bleiben wie vorher".

Aus der Opfersicht

Die 350 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Bistum hatten diese Gelegenheit. Kerstin Claus, zwischen 1996 und 2015 als Redakteurin und Reporterin beim ZDF tätig, ist als Jugendliche von einem evangelischen Pastor missbraucht worden. 2003 brachte sie den – ihren – Fall zur Anzeige und machte ihn 2010 öffentlich. "Es war einer der ersten evangelischen Fälle", berichtete Claus. Ihr Kampf gegen die kirchlichen Instanzen hat tiefe, persönliche Spuren hinterlassen, beschrieb sie eine Herzerkrankung als direkte Folge.

Wo rührt die tiefere Ursache von Missbrauch her? So unterschiedlich beide Kirchen, die evangelische wie die katholische, nach den Worten von Claus auch sind: "Die Problemlagen sind die gleichen. Alle haben mit Macht und Machtmissbrauch zu tun." Ohne diese wäre die Zahl der Missbrauchsfälle viel geringer. Die Mutter von zwei Kindern bestätigte damit auch eine Aussage von Zollner in dessen Beitrag: "Sexualisierte Gewalt ist immer auch Ausdruck von Macht", hatte dieser betont. "Ich habe keine Worte für das, was ich erlebt habe", sagte die  Journalistin und sprach von einem "Schweigen als Teil eines Geheimnisses, als Teil einer Täterstrategie". Die Opfer seien Teil dieses Geheimnisses. "Das Geheimnis wird erlebt als ein Verschweigen, weil ich nicht weiß, wie ich es der Familie mitteilen soll."

 Die anschließenden Workshops dienten als Sammelbecken für Ideen: Die Schaffung eines geschützten Raums, in dem sich von Missbrauch Betroffene öffnen können, der Aufbau multiprofessioneller Teams auch mit Ehrenamtlichen zur gegenseitigen Beratung und Kontrolle, die Einschränkung von Macht in kirchlichen Ämtern durch zeitliche Begrenzung.



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