Abschuss und Bruchlandung vor 75 Jahren Gedenkfeier zum Jahrestag des Absturzes 1944 in Holsten-Bexten

Joachim Eickhoff (rechts) berichtet an der Absturzstelle  in "Ruers Tannen" über die Tragödie des Jagfliegers, in dem Tunis J. Lyon schwer verletzt überlebte. Arne Rohman (2.v.r.) übersetzt für die amerikanischen Gäste Sam Lyon, Schwester Alice und Ehefrau Sandy (v.l.). Foto: Johannes FrankeJoachim Eickhoff (rechts) berichtet an der Absturzstelle in "Ruers Tannen" über die Tragödie des Jagfliegers, in dem Tunis J. Lyon schwer verletzt überlebte. Arne Rohman (2.v.r.) übersetzt für die amerikanischen Gäste Sam Lyon, Schwester Alice und Ehefrau Sandy (v.l.). Foto: Johannes Franke

Salzbergen. Am 15. April 1944 wurde ein amerikanisches Jagdflugzeug über dem Flugplatz Bentlage bei Rheine abgeschossen und stürzte in einem Waldstück nahe der Volksschule in Holsten-Bexten ab. Dem brennenden Inferno konnte der 20-jährige Pilot Tunis J. Lyon entkommen.

75 Jahre danach nehmen seine Kinder, Tochter Alice Koller, Sohn Sam Lyon mit Ehefrau Sandra am Bittgottesdient teil, besuchen die ehemalige Volksschule Holsten, stehen gerührt am heute so ruhigen und friedvollen Unglücksort.

Professor Bernhard Stallkamp weist auf ein Eckfenster der Alten Schule, wo er als Lehrersohn wohnte. „Durch dieses Fenster habe ich den Piloten hier laufen sehen. Ein Anblick, den ich nicht vergessen habe“, sagt er mit brüchiger Stimme und fügt hinzu: „Dieses Nichtvergessen war vor allen Dingen, dass ich nicht verstehen konnte, dass niemand diesem Piloten geholfen hat.“ Knapp vier Jahre war der kleine Junge am Tag der Tragödie. Heute weiß es der pensionierte Mediziner aus Osnabrück besser. Seine akribischen Recherchen und die des Historikers und ehemaligen Lehrers Joachim Eickhoff aus Lingen-Bramsche wurden in dem Buch „Rettung aus dem Inferno“ im März 2018 veröffentlicht, an dem weitere Personen mitgearbeitet haben. Über den Abschuss, die lebensbedrohliche Bruchlandung, Explosionen, die schweren Verbrennungen im Gesicht und an den Händen, den Ausstieg aus dem Wrack, die Hilfe in Holsten, die Versorgungen in deutschen Lazaretten, die Befreiung am 31. März 1945 durch amerikanische Truppen in Bad Soden - Salmünster sowie die Rückkehr in die USA, hat die Redaktion bereits berichtet.

Vor der Alten Schule in Holsten. Professor Bernhard Stallkamp (3.v.l.) sah als knapp 4-jähriger Junge den schwer verletzten Piloten aus dem linken Fenster über den Schulplatz laufen. Foto: Johannes Franke


Am 75. Jahrestag der missglückten Notlandung nehmen die Angehörigen mit einigen Freunden, Bekannten und weiteren Gästen am Bittgottesdienst um Frieden in der Kirche Unbeflecktes Herz Mariens in Holsten-Bexten teil. „Wie gut, dass wir heute gemeinsam in einer Kirche sitzen können: Deutsche und Amerikaner, lutherische und katholische Christen, um für Frieden zu beten und zu bedenken, was wir dafür tun können. Gerade weil dieser Krieg so unbegreiflich ist, kann uns der Blick auf beteiligte Menschen und ihre Schicksale helfen, wenigstens stückweise zu verstehen und zu begreifen, wie wichtig der Frieden ist“, betont Pfarrer Marcus Droste. Als etwas ganz Besonderes und atmosphärisch sehr dicht erleben alle den Bittgottesdienst. Einen großen Anteil am Gelingen hatte auch das Orgelspiel von Andreas Möller aus Salzbergen.

Ein geschmolzenes, verformtges Aluminiumteil hät Alice Koller in Händen. Foto: Johannes Franke


An der Alten Schule begrüßen Hermann Hermeling, Salzbergens Erster Stellvertretender Bürgermeister und der stellvertretende Ortsbürgermeister Frank Eling die Gäste. „Wir sind froh und dankbar, den heutigen Tag mit Ihnen verbringen zu dürfen“, richtet Hermeling seine Worte an die amerikanischen Gäste.

Das Waldgebiet „Ruers Tannen“ unweit der ehemaligen Schule ist heute ein etwas unwegsames Gelände. Joachim Eickhoff von der Vermisstensuchgruppe Ikarus kennt es gut, hat er doch bereits viele kleinere und größere Fundstücke des Absturzes entdeckt. „Von dort kam das Flugzeug mit über 120 Stundenkilometern und zerschellte“, zeigt er in südliche Himmelsrichtung. Nicht nur die amerikanischen Besucher hören gebannt zu und sind beinahe fassungslos, als Eickhoff mit fast jedem Spatenstich Plexiglasstücke und durch die Hitze geschmolzene und verformte Aluminiumteile ausgräbt. Behutsam legt er die Cockpit- und Rumpfüberreste in die Hände von Sam Lyon. Geredet wird wenig, die Gefühle lassen sich nicht zurückhalten und trotzdem ist es für die Nachkommen „ein wunderbarer Tag. Ich bin beeindruckt, dass so viele Leute Informationen gesammelt und mitgemacht haben, über meinen Vater einiges herauszufinden. Es einfach überwältigend für uns, einfach fantastisch", sagt Sam Lyon.

Von Joachim Eickhoff ausgegrabene Fundstücke wie Plexiglas und geschmolzenes Aluminium hät Sam Lyon in Händen. Foto: Johannes Franke


Diese kleine, große Geschichte vom Krieg hält Hobbyfotograf Richard Heskamp aus Darme mit seiner Kamera fest. Wieder an der Schule angekommen berichtet der gebürtige Holstener über seinen Großvater August Heskamp. Er sei zu dem brennenden Flugzeug gelaufen und habe gerufen: „Der Mann muss da raus, der Mann muss da raus!“ Mit einem Messer habe er die Gurte des Schleudersitzes durchtrennt. Dann sei der Pilot über den Schulhof gelaufen, wo ihn der junge Bernhard Stallkamp sah. Im Hause Heskamp habe der Schwerverletzte eine Scheibe Brot bekommen, Wasser getrunken, die Wunden wurden gekühlt und mit Öl eingerieben. Dann ging der Pilot.

„Unser Vater hat über seinen Absturz so gut wie nie geredet, jedoch die Erlebnisse aufgeschrieben und auch diese Erstversorgung dankend erwähnt“, erzählt Sam Lyon. „Ja, Wunder geschehen wirklich“, schreibt Tunis J. Lyon in seinen Erinnerungen. Er heiratet die Armee-Krankenschwester Alice Sowers. Zwei Kinder bekommt das Ehepaar. Sandra und Sam werden am heutigen Tag ganz besonders an ihren Vater denken. Er starb 88-jährig heute vor sieben Jahren am 17. April 2012 in Conroe, Texas.


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