Test vom ADFC Lingener Stadtbaurat Schreinemacher sieht Fahrradklimatest kritisch

Lingens Stadtbaurat Lothar Schreinemacher ist selber begeisterter Radfahrer. Er sieht den ADFC-Fahrradklimatest, was die Aussagekraft angeht, durchaus kritisch. Foto: Wilfried RoggendorfLingens Stadtbaurat Lothar Schreinemacher ist selber begeisterter Radfahrer. Er sieht den ADFC-Fahrradklimatest, was die Aussagekraft angeht, durchaus kritisch. Foto: Wilfried Roggendorf

Lingen. Laut dem Fahrradklimatest 2018 des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) hat sich die Situation für Radfahrer in Lingen im Vergleich zu 2016 stark verschlechtert. Dieses Ergebnis sieht Stadtbaurat Lothar Schreinemacher kritisch. Auch der Vorsitzende des Verkehrsausschusses, Marc Riße von den Bürgernahen, betrachtet die ADFC-Umfrage differenziert.

154 Teilnehmer haben 2018 laut ADFC die Fahrradfreundlichkeit der Stadt Lingen nach Schulnoten beurteilt. Herausgekommen ist eine 3,9. Dies entspricht Rang 40 von insgesamt 106 Städten zwischen 50.000 und 100.000 Einwohnern, die der ADFC berücksichtigt hat. Stadtbaurat Schreinemacher sieht schon die Teilnehmerzahl als kritisch: "Wie repräsentativ sind 154 Teilnehmer eigentlich?", hinterfragt er. Der ADFC sagt selbst, dass seine Befragung nicht repräsentativ sei. Die Teilnehmerzahl entspreche nur 0,3 Prozent der Lingener Bevölkerung. Wie sie sich zusammensetzt, hat der ADFC nicht veröffentlicht. "Waren es vorwiegend ältere oder jüngere – ich weiß es nicht", kritisiert Schreinemacher.

ADFC nennt auf Nachfrage Zahlen

Auf Nachfrage unserer Redaktion erläutert der ADFC die Ergebnisse genauer. Demnach sind in Lingen null Prozent der Teilnehmer unter 18 (Bevölkerungsanteil: 16 Prozent), ein Prozent 18 bis 29 Jahre (Bevölkerungsanteil 16 Prozent), 34 Prozent zwischen 30 und 49 Jahren (Bevölkerungsanteil 26 Prozent), 50 Prozent zwischen 50 und 65 Jahren (Bevölkerungsanteil 24 Prozent), 10 Prozent sind älter (Bevölkerungsanteil 18 Prozent). 16 Prozent der Lingener Teilnehmer am Fahrradklimatest sind Mitglieder des ADFC. 61 Prozent der Teilnehmer sind männlich, 39 Prozent weiblich.

Wie groß ist der Bedarf an Leihfahrrädern?

Auch auf einzelne Ergebnisse geht der Stadtbaurat ein: Beim Umfragepunkt "Bei uns sind öffentlich zugängliche Leihfahrräder für jeden einfach, zuverlässig und preisgünstig nutzbar" hat Lingen die Note 4,8 erhalten. Gegenüber 2016 stellt dies eine Verschlechterung von 0,5 dar. Im Fahrradklimatest hatten 28 der 154 Teilnehmer zu diesem Punkt keine Angaben gemacht. "Wie groß ist eigentlich der Bedarf an Leihfahrrädern?", fragt Schreinemacher.

22,75 Euro je Einwohner für den Radverkehr

Die Verwaltung würde jedes Jahr präsentieren, was sie beim Fußgänger- und Radverkehr verbessern würde. "Die Schwerpunkte 2019 liegen auf schnelle Fahrradstrecken in die Ortsteile, dem Fahrradparken in der Innenstadt sowie der Neugestaltung der Radwegeführung am Konrad-Adenauer-Ring zwischen Jakob-Wolff-Platz und Neuer Straße." Hinzu kämen verschiedene Querungshilfen. Bei den Strecken in die Ortsteile suche die Stadt nach Alternativen, die nicht entlang der Hauptverkehrsrouten führen würden. 2018 habe Lingen in den Bau und den Unterhalt von Radwegen und weiterer Maßnahmen für Radfahrer 1,238 Millionen Euro ausgegeben. "Das entspricht rund 22,75 Euro je Einwohner", betonte Schreinemacher. "2019 sollen es wieder rund 20 Euro pro Lingener sein, die in Maßnahmen für den Radverkehr fließen.

Nicht eines verteufeln und das andere in den Himmel loben

Schreinemacher weist darauf hin, dass sich die Verwaltung als "Anwalt aller Verkehrsteilnehmer" sieht: "Wir dürfen nicht das eine verteufeln und das andere in den Himmel loben." Beispielhaft nennt der Stadtbaurat die Kreuzung Meppener Straße, Weidestraße, Konrad-Adenauer-Ring, Wilhelmstraße: Dort sind anstatt freier Rechtsabbiegerspuren für Autos nun zusätzliche Ampeln aufgestellt worden. Diese sollen es blinden und sehbehinderten Menschen erleichtern, die Kreuzung gefahrlos zu Fuß zu überqueren. Einstimmig hatten der Planungs- und Bau- sowie der Verkehrsausschuss im August 2018 auf Anregung des Behindertenbeauftragten Klaus Egbers diese Maßnahme beschlossen. Nun gibt es Kritik, weil durch die neuen Ampeln Radfahrer "ausgebremst" werden. "Gibt man dem einem etwas, nimmt man es dem anderen", macht Schreinemacher das Problem deutlich.

Ergebnis Spiegelbild der Seele unserer Radfahrer

Marc Riße, Vorsitzender des Verkehrsausschusses, bezeichnet das Ergebnis der Umfrage als guten Durchschnitt. "Platz 40 von 106 Städten gleicher Größenordnung ist aber nicht das, was ich mir wünsche", betont Riße. Allerdings lägen die Noten aller Städte im unteren Bereich. "Dies sagt viel über die Städte, aber auch über die Statistik aus", meint Riße. Die Note für die Breite der Lingener Radwege sei von 2012 bis 2018 von 3,8 auf 4,7 gesunken. "Wir haben aber keine Radwege verschmälert", erklärt Riße. "Ich habe das Gefühl, in Lingen wird mehr Rad gefahren. Es könnte sein, dass die Leute gefühlt deswegen weniger Platz haben", sucht Riße eine Erklärung. Die hat er jedoch nicht dafür, dass die Note in Sachen Wegweisung für Radfahrer von 2,6 auf 3,3 gesunken ist. "Wir haben doch keine Wegweiser abgebaut. Die Verschlechterung der Gesamtnote stellt für Riße ein "Spiegelbild der Seele unserer Radfahrer" dar. Sie sei ein klares Signal, dass Lingen mehr tun müsse. "Wir setzen das Klimaschutzteilkonzept zu langsam und zu wenig um. Dies schlägt sich auch in den Umfrageergebnissen nieder." 


 


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