Große Nähe zum Publikum Standing Ovations für „Goethe - Wahlverwandtschaften“ in Lingen

Theaterspiel auf sehr hohem Niveau: Das Berliner Theater Wahlverwandte spielte „Goethe – Wahlverwandtschaften“. Foto: Elisabeth TonderaTheaterspiel auf sehr hohem Niveau: Das Berliner Theater Wahlverwandte spielte „Goethe – Wahlverwandtschaften“. Foto: Elisabeth Tondera

Lingen. Was für ein Theater! Selten erlebt man ein Spiel auf dermaßen hohem Niveau. Mit Standing Ovations feierte das Publikum die vier Schauspieler des Berliner Theaters Wahlverwandte nach der fulminanten Aufführung des Stückes „Goethe - Wahlverwandtschaften“.

Viele Zuschauer tauschten sich anschließend im Foyer hochgestimmt aus. 

In Goethes Roman geht es um ein Gedankenexperiment, das ein naturwissenschaftliches Phänomen auf zwischenmenschliche Beziehungen überträgt: Chemische Stoffe können sich aus einer Verbindung lösen und eine neue eingehen, wenn andere Stoffe hinzutreten. Diese Eigenschaft wurde mit dem Begriff Wahlverwandtschaften bezeichnet. Goethe spielt das Gedankenexperiment mit vier Personen durch. 

Das Ehepaar Charlotte und Eduard ziehen sich auf einen Landsitz zurück und widmen sich der Gestaltung der Parkanlage. Als Eduards Freund Otto und Charlottes Nichte Ottilie hinzukommen, bekommt die harmonische Zweisamkeit Risse. Zwischen den Figuren entwickeln sich Leidenschaften, die unausweichlich zur Tragödie führen. Eduard entbrennt in Liebe zur Ottilie, und auch Charlotte und Otto verlieben sich ineinander. Dennoch hält Charlotte an ihrer Ehe fest, aus moralischen Gründen und weil sie ein Kind erwartet. Am Ende herrscht emotionales Chaos, und alle Beziehungen sind gescheitert.

Foto: Elisabeth Tondera


Regisseurin Silvia Armbruster hat den opulenten, handlungsarmen, aber gedankenschweren Roman Goethes mit äußerst sparsamen Mitteln zeitgemäß in bewegte szenische Bilder mit ernsten, komischen, tragischen und grotesken Elementen übersetzt. Sie kommt mit einem minimalistischen Bühnenbild aus (Barbara Kaesbohrer) und verwendet kaum Requisiten. Auch mit der Sprache geht sie sparsam um und übersetzt Gedanken in Handlung, Bewegung und Gesten. Dafür ist die Inszenierung reich an hinreißenden Ideen: Ein Papierflieger dient als Schreibfeder und wird anschließend als Brief in die Luft geschickt, ein großes Tuch spielt eine entscheidende Rolle für die Darstellung der verwirrenden Liebesnacht, Eduard und Otto stellen hüpfend eine Pferdekutsche dar und steigen bei der Planung der Gartenanlage über die Zuschauerreihen hinweg. Dadurch entsteht eine Nähe zum Publikum, wie es sie nur sehr selten im Theater gibt.

Weil Julia Jaschke (Charlotte), Hans Piesbergen (Eduard), Christian Kaiser (Otto) und Corinne Steudler (Ottilie) ihre ganze emotionale Kraft einsetzen, das seelische Wesen der Figur zu ihrem eigenen machen, entwickelt sich eine kreative Kommunikation zwischen den Schauspielern und dem Publikum. Wenn sie zu Klängen von Ravels „Bolero“ tanzen und sich dabei die Beziehungskonstellation verschiebt, entsteht eine elektrisierende erotische Spannung, die keiner Worte bedarf.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler steigern in der 100 Minuten ohne Pause dauernden Aufführung das Tempo und die Spannung mit einer Intensität, dass die Zuschauer sie beinahe körperlich spüren.

Ein wahres Theatererlebnis!



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