Festakademie im LWH in Lingen Kardinal Marx: Windthorst wäre ein überzeugter Europäer

Christen und Europa: Das war das Thema am Donnerstagabend im LWH. Moderiert von Journalistin Birgit Kolkmann diskutierten (von links): Christian Fühner, Landtagsabgeordneter der CDU, Kardinal Reinhard Marx und der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer. Foto: Thomas PertzChristen und Europa: Das war das Thema am Donnerstagabend im LWH. Moderiert von Journalistin Birgit Kolkmann diskutierten (von links): Christian Fühner, Landtagsabgeordneter der CDU, Kardinal Reinhard Marx und der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer. Foto: Thomas Pertz

Lingen. Der Todestag von Ludwig Windthorst am 14. März 1891 ist alljährlich Anlass für das Ludwig Windthorst-Haus, zu einer Festakademie einzuladen. Das Ende der Deutschen Bischofskonferenz in der Katholischen Akademie am gleichen Tag gab der Veranstaltung und ihrem Thema "Zukunft für Europa - der Beitrag der Christen" seine besondere Prägung.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der Hildesheimer Bischof und gebürtige Schapener Heiner Wilmer hatten das LWH nach Abschluss der Tagung nämlich nicht verlassen, sondern waren am Donnerstagabend als Teilnehmer der Diskussionsrunde geblieben.

Draußen vor dem Windthorst-Haus standen noch die Übertragungswagen der Rundfunk- und Fernsehanstalten. Und auch drinnen im LWH, das sich kurz vor Beginn des Gottesdienstes in der Kapelle um 18 Uhr immer mehr füllte, drehte sich in den Gesprächen noch alles um die letzten Tage. Die Bischöfe aus den deutschen Diözesen hatten nach Lösungswegen der Kirche aus der Krise gesucht, die diese selbst durch die Vielzahl von Missbrauchsfällen ausgelöst hat.

Die Festakademie war dieses Mal daher eine ganz spezielle Veranstaltung. Eingeladen war auch David McAllister, früherer niedersächsischer Ministerpräsident und heute Abgeordneter der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament. Er leitet dort seit 2017 den Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten. Da es McAllister wegen Flugverspätung und Staus nicht mehr rechtzeitig ins LWH schaffte, sprang für ihn der Lingener CDU-Landtagsabgeordnete Christian Fühner ein. Moderiert wurde die Veranstaltung von Birgit Kolkmann, Journalistin für Hörfunk und Fernsehen.

Ein Christ ist politisch

„Christ sein heiß politisch sein“: Die Kernbotschaft in der Predigt von Kardinal Marx im Gottesdienst vor der Diskussionsrunde bildete den Rahmen des Abends. Grundlage sei die Botschaft des Evangeliums von der gleichen Würde aller Menschen. „Ich bin nicht mehr wert als er, und Gott ist nicht der Gott bestimmter Menschen, sondern aller“, so der Kardinal beim gemeinsamen Gottesdienst mit Bischof Franz-Josef Bode in der Kapelle. „Wir Christen können uns deshalb nicht heraushalten“, betonte der Erzbischof von München und Freising und schlug einen Bogen zum Namensgeber des LWH: „Ludwig Windthorst wäre ein überzeugter Europäer gewesen, der Europa nicht den Populisten oder Kapitalisten überlassen hätte.“

Das Gespräch in der Aula, musikalisch begleitet von Stefanie und Peter Löning, hatte seinen besonderen Reiz durch die ungewöhnliche personelle Zusammensetzung: mit Marx und Wilmer zwei hochkarätige Theologen, mit Christian Fühner einen Nachwuchs-Landtagsabgeordneten, der aus dem Stand heraus ohne Vorbereitung aus den Zuschauerreihen auf dem Podium Platz nahm. Und seine Sache gut machte.

„Nicht kleinreden“

Angesichts der Kleinstaaterei und rechtsextremer Tendenzen, die in Europa wieder auf dem Vormarsch seien, bat Fühner die deutschen Bischöfe darum, auf ihre Mitbrüder in Staaten wie Polen oder Ungarn einzuwirken. Viel Applaus bekam der Christdemokrat für seine klare Befürwortung der Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2015, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen. Die Kirche habe ihre Aufgabe in der Betreuung von Flüchtlingen sehr gut gemacht. „Wir dürfen aber die Probleme nicht kleinreden“, sagte Fühner.

Wilmer und Marx warben für persönliche Begegnungen über Grenzen hinweg, die Kirchen, Kommunen, Landkreise und Vereine fördern könnten. „Die konkrete Begegnung bringt Frieden und Verständnis“, sagte Wilmer. Wo diese stattfinde, sinke auch Fremdenfeindlichkeit, erklärte Marx. Oft sei diese ja besonders dort groß, wo gar keine „Fremden“ wohnten, „wo das Vorurteil nicht konterkariert wird durch persönliche Begegnungen“.

Die Bedeutung von Religion als Kompass für das eigene – auch politische – Leben hob Wilmer hervor und berichtete von seinen Eindrücken in außereuropäischen Ländern. „Es gibt kein Land der Welt ohne eine Religion. Jeder hat etwas, das daraus abgeleitet ist“, so der Hildesheimer Bischof.

Aber wie steht es um den Glauben in Europa? Wilmer sprach von einer dreifachen Krise: Eine Kirchenkrise in Deutschland, weltweit eine Krise des Christentums und drittens eine Krise des Glaubens. „Wenn es in zehn Jahren Kapläninnen gebe und verheiratete Priester: Hätten wir dann doppelt so viele Gläubige?“, fragte er in die Runde. Deshalb müsse sich auch der christliche Glaube weiterentwickeln „und dem Denken standhalten“, formulierte es Marx. Ansonsten überlebe er nicht. „Der christliche Glaube hat diese Kraft“, unterstrich der Kardinal. 


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