Tourneepremiere von „Auerhaus“ im Theater Herzlicher Applaus für die Suche nach dem Lebenssinn in Lingen

Frieder (Tomás Heise, rechts) verdeutlicht seinen Mitbewohnern den Sinn des Lebens, hier das Einkaufen, sprich die Tücken des Ladendiebstahls. Gebannt hören (von links) Höppner (Florian Rast), Vera (Rebecca Selle), Harry (Felix Utting), Cäcilia (Charlotte Mednansky) zu. Foto: Johannes FrankeFrieder (Tomás Heise, rechts) verdeutlicht seinen Mitbewohnern den Sinn des Lebens, hier das Einkaufen, sprich die Tücken des Ladendiebstahls. Gebannt hören (von links) Höppner (Florian Rast), Vera (Rebecca Selle), Harry (Felix Utting), Cäcilia (Charlotte Mednansky) zu. Foto: Johannes Franke

Lingen. Mit „Auerhaus“ hat die Produktion Euro-Studio Landgraf in Zusammenarbeit mit dem Theater junge Generation Dresden am Freitagabend ihre Tourneepremiere im Theater an der Wilhelmshöhe in Lingen gefeiert. Die sechs jungen Schauspieler erhielten nach etwa 90 Minuten sehr herzlichen Applaus.

Die ohnehin kurze Erzählzeit des Romans von Bov Bjerg als Schauspiel für die Bühne noch weiter zu verdichten, ist Kathi Loch sehr gelungen. Unter der Regie von Philippe Besson agieren drei junge Schauspielerinnen und drei Schauspieler als charakteristisch facettenreiche Jugendliche, deren Leben nicht in Ordnern mit der Aufschrift „Birth – School – Work – Death“ abgeheftet werden soll.

Frieder, „der Bauer“, überlebt seinen Suizid, soll nach der Entlassung aus der „Klapse“ nicht mehr bei seinen Eltern wohnen. Mit seinem Freund Höppner zieht er kurz vor dem Abitur ins leerstehende Bauernhaus des Großvaters. Zur Schüler-WG in der schwäbischen Provinz gehören in den 1980er Jahren bald auch Vera, Cäcilia, Pauline und Harry. Sechs unterschiedliche Biografien und Lebensanschauungen sowie Perspektiven unter einem Dach. Sie eint vor allem die Verantwortung, das Leben des weiterhin suizidgefährdeten Frieder (Tomás Heise) zu retten, denn er ist sich weiterhin nicht sicher, warum er überhaupt leben soll:

Ich wollte mich nicht umbringen. Ich wollte bloß nicht mehr leben. Ich glaube, das ist ein Unterschied.


Alle sechs proben ein für sie sinnvolles Leben im Auerhaus. Den in einer Endlosschleife vom Mixtape laufenden Madness-Song „Our House“ übersetzt der Nachbar Seidel als Auerhaus. „Die Leute im Dorf nennen uns so. Die können kein Englisch“, sagt Höppner (Florian Rast). In der Schutzzone Auerhaus herrscht eine gewisse kindliche, auch kindische Anarchie. Die bürgerlichen Spielregeln bleiben draußen, sie wollen wenigstens kurzzeitig ihr eigenes Leben gestalten, Probleme der Zeit und ihre Persönlichkeitsentwicklung meistern und Konventionen teilweise aufheben.

Freiheit ist ihre Maxime, den ganzen Tag reden über nichts Besonderes und Bedeutsames, über den Sinn des Lebens. Ladendiebstahl heißt Einkaufen, Nudeln mit Ketchup, der Zweiliter-Flaschenwein Imiglykos, Joints und Silvesterparty gehören zu den Grundnahrungsmitteln und zur Lebenseinstellung, als wäre dies bereits das „richtige Leben“. Hätte man sie auf dem Gymnasium gefragt, wozu lebst du eigentlich, hätten sie geantwortet: 


Das kommt nicht dran, das müssen wir nicht wissen.


Das reduzierte Inventar vermittelt eine WG-Stimmung und nimmt die Zuschauer mitten ins Geschehen. Die Bundeswehr-Musterungsszene wird ganz oben auf der Bühne gespielt: Wir hier oben, ihr da unten.

Gekommen sind überwiegend Jugendliche, Schüler, die in der Lebensphase ihrer Selbstfindung diese Gratwanderung zum Thema Freundschaft, Partnerschaft, Liebe, Sexualität, Familie, Weltverständnis, Sucht und Drogen, Vernunft und Moral, Freiheit und Herrschaft, ökonomische und soziale Einbindung, Lebensmüdigkeit sowie Sterben und Tod verfolgen.

Am Ende der schnellen Episoden-, Szenen- und Erzählwechsel wissen sie: Frieder packt es nicht, das Leben.


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