Hubschrauber-Einsätze im Emsland 350 Einsätze an 365 Tagen: Zu Besuch bei der Luftrettung

Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ist die Rettungshubschrauber-Crew von Christoph Europa 2 in Alarmbereitschaft, an 365 Tagen im Jahr. Foto: Julia MauschVon Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ist die Rettungshubschrauber-Crew von Christoph Europa 2 in Alarmbereitschaft, an 365 Tagen im Jahr. Foto: Julia Mausch

Lingen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ist die Rettungshubschrauber-Crew von Christoph Europa 2 in Rheine in Alarmbereitschaft, an 365 Tagen im Jahr. Ihr Einsatzgebiet umfasst einen Radius von rund 70 Kilometern rund um Rheine – und dazu gehört auch der Landkreis Emsland.

Es ist Montagmittag, 11.30 Uhr, als das Funkgerät piept. "Ich muss los", sagt Dr. Thomas Keller und während er das sagt, ist er bereits am Ende des Aufenthaltraumes angelangt. Der Teller mit der Bohnensuppe, den er noch zuvor in der Hand gehalten hat, steht auf dem Tisch. Die Suppe ist jetzt egal, Keller muss zum Einsatz. Zum Rettungseinsatz. 

1250 Einsätze auf 70 Kilometer

Der Mediziner ist Leitender Hubschrauberarzt und angestellt beim Mathias-Spital in Rheine. Im Einsatz ist er jedoch in dem nur 200 Meter entfernten Luftrettungszentrum in Rheine und das seit 17 Jahren. "Ich bezeichne mich immer als das medizinische Gepäck vom Piloten." Betrieben wird das Zentrum vom ADAC. In Sachen Luftrettung ist der ADAC der größte Anbieter. Er flog zuletzt 54.356 Einsätze, hieß es jüngst auf der Jahresbilanz für 2018.

Der Aufenthaltsraum in der ADAC-Luftrettungszentrale in Rheine. Foto: Julia Mausch

Kellers Einsatzgebiet deckt den  Kreis Steinfurt, das Münsterland, den Kreis Emsland bis über die Grenze in die Niederlande ab. Zu 1250 Einsatzstellen mussten Keller und sein Team im vergangenen Jahr fliegen. Allein im Landkreis Emsland waren es rund 240, hinzu kamen 95 Einsätze, die von Christoph Westfalen übernommen wurden. Dieser ist ein Intensivtransporthubschrauber des ADAC, der am Flughafen Münster-Osnabrück stationiert ist. Dieser Hubschrauber ist auf Sekundäreinsätze spezialisiert, bei denen es in der Regel um die Verlegung von Patienten von einer in eine andere Klinik geht.

Es gibt auch Zwangspausen

Aufgaben dieser Art übernimmt der Christoph Europa zwar auch, jedoch sind es für die Crew in Rheine mehr Primäreinsätze:  Vom schwer verletzten Motorradfahrer, einem Mann mit Verbrennungen auf einem Campingplatz oder einer Seniorin mit Herzproblemen. Einsätze, bei denen es um Leben und Tod geht.

"Im Landkreis Emsland waren es rund 240 Einsätze, plus 95 Verlegungsflüge, den der Intensivtransporthubschrauber Christoph Westfalen übernommen hat"Dr. Thomas Keller, Leitender Hubschrauberarzt

An manchen der 365 Tagen blieb die Crew, die aus 15 Ärzten, acht Notfallsanitäter und vier Piloten besteht, auf der Rettungsstation. Zwangspause. Rausfliegen unmöglich, das Wetter war einfach zu schlecht. "Rund fünf Kilometer Sicht nach vorne benötigt der Pilot, um die Sicherheit für die Crew zu gewährleisten", sagt Keller. Hängen die Wolken zu tief, ist es zu nebelig oder zu regnerisch, darf der Rettungshubschrauber nicht starten. Obwohl Rettungshubschrauber grundsätzlich auch nachts eingesetzt werden können, ist das Risiko für Landungen in unbekanntem Gelände aber so hoch, dass sich die Dienstzeit nur auf die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang beschränkt. 

Dr. Wolfgang Hagemann, Leiter der Rettungsleitstelle Meppen, im Gespräch mit dem Leitenden Hubschrauberarzt ist Dr. Thomas Keller (rechts). Foto: Julia Mausch

Am Montag herrscht Sonnenschein, der Himmel ist azurblau, die Sichtweite perfekt. Keller und die Crew können losfliegen. Der Motor startet, doch bevor der Hubschrauber abhebt, wird ein Sicherheitscheck gemacht – vor jedem Flug. Geräte, Medikamente und andere Bestände werden nach einer Checkliste überprüft, ebenso die Technik des Hubschraubers.

Mit den Beinen unter den Triebwerken

"Mit speziellen Handzeichen teilt der Notfallsanitäter dem Piloten mit, was überprüft wurde", erklärt Dr. Wolfgang Hagemann das Treiben auf dem Dach der Rettungsstation. Der Lingener war selbst 20 Jahre lang Hubschrauberarzt, mittlerweile ist er Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes und der Rettungsleitstelle für die Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim in Meppen.

Christoph Europa 2

Die Geschichte
Die Bundeswehr hat von 1982 bis 1998 in Rheine ein Luftrettungszentrum betrieben. Zum Einsatz kam ein SAR-Helikopter vom Typ Bell UH-1D mit der militärischen Kennung SAR 76. 1998 übernahm die ADAC Luftrettung die Station. Kurzzeitig wurde eine Bölkow Bo 105 eingesetzt, bevor der Wechsel auf EC 135 erfolgte. Heute fliegt dort ein EC 135 in der Leistungsvariante EC 135 P2. Wegen der Nähe zur niederländischen Grenze verwendet der ADAC den Rufnamen Christoph Europa 2.

Hagemann und sein Team informieren – wie auch die anderen Leitstellen im Einsatzgebiet – die Rettungsleitstelle "Florian" Steinfurt, wenn ein Rettungshubschrauber benötigt wird. Anschließend alarmiert diese die ADAC-Rettungsstation. So auch an diesem Mittag, als Keller und sein Team Richtung Münster zu einer verunglückten Frau ausrücken müssen. Im Inneren der Maschine herrscht nicht viel Platz. Neben dem Pilot, dem Rettungssanitäter und dem -Arzt ist noch Platz für den Verletzten – und auch der ist begrenzt. Die Trage, auf dem der Verwundete liegt, befindet sich teils unter den Triebwerken. 

Im Rettungshubschrauber ist nicht viel Platz. Foto: Julia Mausch

Es gilt: Je schneller der Patient vor Ort vom Notarzt versorgt und in eine geeignete Klinik transportiert wird, desto besser sind seine Überlebenschancen. Wenn genug Platz ist und es um Leben und Tod geht, landen die Piloten auch „wild“, sprich auf Wiese, Feld und Straße.  Zwar ist ein Flug laut Hagemann deutlich schonender – schließlich gibt es dort keine Bodenwellen oder Kurven – dennoch sei ein Flug ein zusätzlicher Stressfaktor. Einer der Gründe, warum Patienten, die mit dem Hubschrauber transportiert werden, vor dem Flug leicht narkotisiert werden. Ein weiterer Grund: Bei medizinischen Zwischenfällen können Patienten aufgrund des Platzmangels nicht so gut versorgt werden, wie in einem Rettungswagen.

Unfälle auf Straßen machen 35 Prozent aus

Während ursprünglich die Versorgung von (Verkehrs-) Unfallverletzten viele Jahre im Vordergrund der Hubschrauber-Rettungsstationen stand, spielen heute Unfälle auf der Straße in dem Einsatzgebiet des Christoph Europa 2 mit rund 35 Prozent eine untergeordnete Rolle. Bundesweit sind es sogar nur noch elf Prozent. Einsatzursache Nummer eins sind für Keller und sein Team internistische Notfälle wie akute Herz- und Kreislauferkrankungen.

"Die Menschen werden immer älter und kränker. Gleichzeitig sind Fahrzeuge sicherer geworden und auch das Arbeitsumfeld von Beschäftigten"Dr. Thomas Keller, Leitender Hubschrauberarzt

Wann ein Patient ein Fall für die Rettungshubschrauber ist, entscheidet zunächst die Rettungsleitstelle, die für das Einsatzgebiet verantwortlich ist. Im Landkreis Emsland und der Grafschaft Bentheim ist dies das Team von Hagemann. Ist der Rettungshubschrauber oder der Rettungswagen schneller oder der Hubschrauber? Ist der Patient so schwer verletzt, dass er aufgrund von Verbrennungen oder Querschnittslähmungen in eine Spezialklinik muss? 

Das Gebiet, für das Keller und sein Team zuständig sind, umfasst einen Radius von rund 70 Kilometern. Foto: Julia Mausch


Rettungsdienst wird immer öfter missbraucht

Es sind zunächst Verdachtsdiagnosen, die auch auf den Symptomen beruhen, die der Anrufer schildert. Die Mitarbeiter in der Leitstelle sind geübt, mit gezielten Fragen möglichst viele Informationen in kurzer Zeit zu bekommen. Es gibt einen Fragenkatalog, der klar vorgibt, wie eine Frage gestellt werden muss und in welcher Abfolge. So wird der Notfallort als erstes abgefragt. Dabei stellen sich manche angeblichen Notfälle als Bagatellfälle heraus. "Der Rettungsdienst wird oft missbraucht", sagt Hagemann. Bei Bagatellfällen zum Beispiel, oder die Retter würden als „Taxi“ in die Notaufnahme missbraucht.

In der Rettungsleitstelle im Meppener Kreishaus: Norbert Stüwe (vorn) und Philipp Ströer, Dr. Wolfgang Hagemann (links), Ärztlicher Leiter Rettungsdienst für die Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim, und Dezernent Marc-André Burgdorf. Foto: Ludger Jungeblut

Es sei ein schwieriges Unterfangen, zu erkennen, ob die Person wirklich so krank sei, wie sie angebe, sagt Hagemann. "Wir wollen ja schließlich nicht für unterlassene Hilfeleistung verantwortlich gemacht werden." Um auszuschließen, dass ein Mitarbeiter bei der Abwägung darüber, ob es sich um einen echten oder nur vermeintlichen Notfall handelt, einen Fehler macht, wird derzeit an einem speziellen System gearbeitet. Dies dient auch als rechtliche Absicherung, sagt Hagemann.

Die Gewissheit, dass das Rettungshubschrauber-Team auch wirklich am Einsatzort benötigt wird, haben auch Keller und sein Team nicht, wie sich am Montag zeigt. Nach rund anderthalb Stunden kommen sie wieder in Rheine an. Der Mediziner und der Pilot gehen zurück ins Büro, der Notfallsanitäter zurück zur Feuerwache Rheine, von dort wird er gestellt. Das Unfallopfer war leicht verletzt. Kein Fall für sein Team, sagt Keller – und schon piept das Funkgerät erneut.


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