Amprion und OGE stellen Pläne vor Millioneninvestition: Wird in Lingen grüner Strom in Wasserstoff umgewandelt?

Der Energiestandort Lingen im Industriepark: Noch dominiert dort das Kernkraftwerk Emsland. Dessen Laufzeit endet 2022. Amprion und OGE stellten nun ihr Projekt "Power-to-Gas vor, eine 100 MW-Anlage, die im Industriepark errichtet werden soll. Foto: HeskampDer Energiestandort Lingen im Industriepark: Noch dominiert dort das Kernkraftwerk Emsland. Dessen Laufzeit endet 2022. Amprion und OGE stellten nun ihr Projekt "Power-to-Gas vor, eine 100 MW-Anlage, die im Industriepark errichtet werden soll. Foto: Heskamp

Lingen. Wird in Lingen eine sogenannte Power-to-Gas-Anlage zur Umwandlung von "grünem Strom" in Wasserstoff gebaut? Stromnetzbetreiber Amprion und Open Grid Europe, laut eigener Darstellung einer der führenden Fernleitungsnetzbetreiber für Gas in Europa, haben in Berlin entsprechende Pläne vorgestellt. "Unser Standort ist ideal", unterstrich Oberbürgermeister Dieter Krone am Mittwoch.

"Hybridge" heißt der Name des Projektes. Geplant ist eine Anlage mit einer elektrischen Leistung von 100 Megawatt (MW). Das Investitionsvolumen beläuft sich auf 150 Millionen Euro, teilten Amprion und OGE in einer gemeinsamen Erklärung mit. Den idealen Standort für die erste Power-to-Gas-Anlage in dieser Größenordnung haben die Projektpartner am Schnittpunkt zwischen dem Amprion- und dem OGE-Netz im Landkreis Emsland gefunden: in Lingen. Im Rahmen der Energiewende soll der auf der Nordsee produzierter Windstrom über Stromleitungen durch das Emsland in die Industriezentren weitergeleitet werden. Aber eben nicht an Lingen vorbei, sondern mit einem angedockten "Reallabor Emsland" als Abnehmer des Stroms.

Vielseitiger Energieträger

Wasserstoff ist ein Energieträger, mit dessen Hilfe man Energie speichern und transportieren kann. Gewonnen wird Wasserstoff als wichtiges Industrieprodukt bei der Elektrolyse durch den Einsatz von Strom bei der Aufspaltung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Wasserstoff bildet den zentralen Baustein im "Reallabor Emsland", ein Szenario, an dem neben der Stadt Lingen und dem Landkreis Emsland verschiedene Unternehmen aus der Energiewirtschaft mitwirken. Ziel ist die Ausgestaltung des Energiestandortes Lingen nach dem Laufzeitende des Kernkraftwerkes Emsland Ende 2022. 


Was ist Wasserstoff?
In seiner reinen Form ist Wasserstoff ein unsichtbares, geruchloses, ungiftiges Gas und leichter als Luft. Doch zunächst muss das Gas gewonnen werden, denn Wasserstoff tritt in dieser Form nicht in der Natur auf.  
Es gibt verschiedene Methoden, um Wasserstoff zu gewinnen, wie z.B. die Dampfreformierung. Doch der in Europa meist verbreitete Prozess, ist die Elektrolyse. Bei diesem Verfahren wird Strom durch Wasser geleitet, wodurch schließlich Wasserstoff als Gas freigesetzt wird.
Wird bei seiner Gewinnung Strom aus regenerativen Energiequellen eingesetzt, macht ihn das noch umweltfreundlicher. Darüber hinaus lässt sich Wasserstoff vergleichsweise leicht speichern und transportieren. Er ist damit einer der wichtigsten Energieträger der Zukunft.
Wasserstoff, der mit erneuerbaren Energien hergestellt wird, ist vollständig kohlenstofffrei. Wird er in Strom umgewandelt, bleibt als einziges Abfallprodukt Wasser. Wasserstoff ist außerdem einfach zu lagern und zu transportieren, wodurch es möglich wird, das ganze Potenzial erneuerbarer Energiequellen auszuschöpfen. (Quelle: www.toyota.de)





Im "Reallabor Emsland" als regeneratives Speicherkraftwerk soll der gewonnene Wasserstoff an seine Abnehmer weitergeleitet werden: Für industrielle Anwendungen, zum Beispiel, was die Möglichkeiten der synthetischen Herstellung von Kraftstoffen anbelangt, wie für die Raffinerie von BP in Lingen. Wasserstoff wird aber nicht nur als Treibstoff eingesetzt, sondern gewinnt zunehmend Bedeutung bei der Energiegewinnung. In Brennstoffzellen wird Wasserstoff als Brennstoff benutzt. 


Amprion und Open Grid Europe
Die Amprion GmbH betreibt nach eigenen Angaben in Deutschland ein 11.000 Kilometer langes Übertragungsnetz mit den Spannungsstufen 220 und 380 Kilovolt. In ihrem Netzgebiet, das von Niedersachsen bis zu den Alpen reicht, leben mehr als 29 Millionen Menschen. Bei Amprion sind rund 1.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Der Dortmunder Übertragungsnetzbetreiber ist für die Realisierung der Gleichstromverbindung A-Nord von Emden nach Osterrath im Rheinland zuständig. Diese verläuft durch das Emsland. Die circa 320 Kilometer lange Gleichstromverbindung A-Nord soll ab dem Jahr 2025 die größtenteils auf See erzeugte Windenergie in den Westen und Süden Deutschlands transportieren. Über die Leitung können zwei Gigawatt Leistung übertragen werden – das entspricht dem doppelten Bedarf einer Großstadt wie Köln.
Open Grid Europe mit Sitz in Essen ist nach eigenen Angaben einer der führenden Fernleitungsnetzbetreiber in Europa mit einem Leitungsnetz von rund 12.000 Kilometern. 1.450 Mitarbeiter sorgen bundesweit für einen sicheren und kundenorientierten Gastransport.


"In Lingen haben wir optimale Voraussetzungen, um ein Wasserstoffnetz aufzubauen", sagte Thomas Hüwener, Mitglied der Geschäftsführung von OGE, der Mitteilung zufolge. Der Wasserstoff könne von Unternehmen direkt genutzt werden. Ein Teil des bestehenden Gasnetzes könne zudem für den ausschließlichen Transport von Wasserstoff genutzt werden. "Außerdem können wir Wasserstoff in geringen Mengen zumischen oder nach Umwandlung in Methan direkt in das Erdgasnetz einspeisen", so Hüwener.

Klimaziele als Herausforderung

Klaus Kleinekorte, technischer Geschäftsführer von Amprion, verwies darauf, dass die deutschen Klimaziele, der Ausstieg aus der Kernkraft und der sich abzeichnende Kohleausstieg, eine enorme Herausforderung für das Energiesystem bedeute. "Wir müssen daher jetzt die Voraussetzungen schaffen, damit uns Power-to-Gas nach 2030 im Gigawatt-Maßstab zur Verfügung steht und Sektorenkopplung auf Systemebene möglich wird.“

Amprion und OGE befinden sich nach eigenen Angaben in einem "konstruktiven Dialog" mit der Stadt und dem Landkreis. „Wir sind mit der Planung für Hybridge so weit, dass wir in die Genehmigungsphase eintreten können“, sagte Hüwener. „Wir brauchen nun die regulatorische Möglichkeit, das Projekt umzusetzen. Hier ist nun die Politik am Zug. Wenn die Weichen jetzt gestellt werden, kann die Anlage 2023 bereits in Betrieb gehen“, betonte Kleinekorte.

Krone: Bemühungen tragen Früchte

Im Gespräch mit unserer Redaktion äußerten sich Lingens Oberbürgermeister Dieter Krone und Wirtschaftsförderer Ludger Tieke am Mittwoch sehr erfreut über das Vorhaben von Amprion und OGE. Die jahrelangen Bemühungen der Stadt Lingen und des Landkreises Emsland zur Neugestaltung des Energiestandortes Lingen würden nun Früchte tragen. Über geeignete Flächen zur Errichtung der Power-to-Gas-Anlage gibt es im Industriepark. "Mit Amprion sind wir seit Längerem im Gespräch über ein Grundstück", sagte Krone. Nach seinen Worten kommt es nun darauf an, dass die Bundesnetzagentur und das Bundeswirtschaftsministerium die regulatorischen Voraussetzungen zur Umsetzung schaffen. "Die Chancen stehen nicht schlecht", sagte Krone und begründete dies mit dem Hinweis von Amprion und OGE, die geplante Infrastruktur allen Marktteilnehmern ohne Einschränkungen zur Verfügung zu stellen. "Die Wege zur Verminderung von Kohlendioxid sind die, die wir in Lingen machen", sagte Wirtschaftsförderer Tieke.

Zur Sache

Sektorenkopplung und Wasserstoff
Die Stichwörter im Zusammenhang mit den Planungen von Amprion und OGE in Lingen heißen Sektorenkopplung und Wasserstoff. Die Verbindung von Strom-, Wärme- und Gasnetzen und das chemische Element gelten als Treiber, die die Energiewende vorantreiben können. So kann die auf dem Meer produzierte Windenergie über HGÜ-Leitungen (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungen) zwischengespeichert und über ein Elektrolyseverfahren zur Produktion von Wasserstoff verwendet werden. Das Gaskraftwerk, die Raffinerie und der Campus Lingen als wissenschaftlicher Impulsgeber spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Der gewonnene Wasserstoff soll anschließend an seine Abnehmer weitergeleitet werden: Für industrielle Anwendungen zum Beispiel, was die Möglichkeiten der synthetischen Herstellung von Kraftstoffen anbelangt, wie für die Raffinerie von BP in Lingen. Dass dies funktioniert, hat die Lingener Raffinerie bereits bewiesen, indem sie im Rahmen eines Demonstrationsprojektes regenerativ erzeugten „grünen Wasserstoff“ zur Kraftstoffproduktion genutzt hat. Der „grüne Wasserstoff“ wurde von der Audi Industriegas in Werlte mithilfe der Power-to-Gas-Technologie hergestellt.
Wasserstoff wird aber nicht nur als Treibstoff eingesetzt, sondern gewinnt zunehmend Bedeutung bei der Energiegewinnung. In Brennstoffzellen wird er als Brennstoff benutzt. Wasserstoff kann außerdem nach Umwandlung in Methan direkt in das Erdgasnetz gespeist werden.





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