Franziskusgymnasium nimmt an Projekt teil Wie Schüler und Lehrer aus Lingen an der Schule der Zukunft arbeiten

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Bei einem „Design Thinking Workshop“ in Potsdam haben Emily Ghores (links) und Johanna Rauße (Mitte) vom Franziskusgymnasium anhand eines Lego-Modells gezeigt, wie sie sich die Schule der Zukunft vorstellen. Foto: Dirk Lässig/HPIBei einem „Design Thinking Workshop“ in Potsdam haben Emily Ghores (links) und Johanna Rauße (Mitte) vom Franziskusgymnasium anhand eines Lego-Modells gezeigt, wie sie sich die Schule der Zukunft vorstellen. Foto: Dirk Lässig/HPI

Lingen. Virtual vernetzt in Highspeed-Welten: Von werbenden Schlagworten durchdrungen kommt die Digitalisierung daher – und mit ihr viel Geld der öffentlichen Hand. Damit dieses an Schulen nicht nur in Geräte investiert wird, die niemand sinnvoll nutzt, engagieren sich Lehrer und Schüler vom Franziskusgymnasium in Lingen bei einem bundesweiten Projekt – der „HPI Schul-Cloud“.

Die Projektverantwortlichen luden Mitte Dezember 21 Schüler und ihre Lehrer nach Potsdam ein. Sie sollten Impulse geben für die Entwicklung einer digitalen Lehr- und Lernplattform, die im Internet von jedem Endgerät - egal ob Handy, Tablet oder PC - aus nutzbar ist.

Das Besondere am Pilotprojekt: Nicht die Entwickler und Programmierer allein bestimmen, wie die technische Lösung aussieht, sondern die Nutzer bringen ihre Ideen und Bedürfnisse ein, sprich Schüler und Lehrer. So soll am Ende entwickelt sein, was im Alltag wirklich gefordert ist. Deshalb nahm Lehrer Franciskus Van den Berghe vom Franziskusgymnasium, das Teil des MINT-EC-Netzwerkes ist, gemeinsam mit den Achtklässlerinnen Emily Ghores, Johanna Rauße und Emma Harbig an dem Workshop in Potsdam teil. (Weiterlesen: Warum ein Lehrer aus Niedersachsen fünf Milliarden Euro für Digitalisierung gar nicht haben will)

Spaß beim Workshop in Potsdam hatten (von links) Emma Harbig, Emily Ghores und Johanna Rauße vom Franziskusgymnasium. Foto: Dirk Lässig/HPI


Schulleiter Heinz-Michael Klumparendt findet diese Vorgehensweise „spannend“, und Schülerin Johanna Rauße sagt: „Ich finde es toll, dass die Schüler die Schul-Cloud mitentwickeln können. So wird sie an die Bedürfnisse der Schüler angepasst und man hat mehr Spaß daran, mit ihr zu arbeiten.“

In der „Schul-Cloud“ selbst können sich Gruppen finden, um Themen anzugehen, Ideen präsentiert und Aufgaben vergeben werden. Es gibt einen Terminkalender und auch ein Portal für Lerninhalte. Diese sollen später einmal in der jeweiligen Schule selbst prüfbar sein, ob die Inhalte sinnvoll fürs Lernen sind – und auch, ob es Probleme mit Urheberrechten geben könnte. Programme werden angeboten, mit denen man beispielsweise gemeinsam an Dokumenten arbeiten kann. Ein Baukasten voller Werkzeuge für die digitale Arbeit in der Schule.

Zwei Vorteile der "Schul-Cloud"

Für Franciskus Van den Berghe sind es vor allem zwei Vorteile, die die „Schul-Cloud“ interessant machen. Da ist zum einen die „administrative Ebene“: Die Schule muss nur noch einen (möglichst schnellen und stabilen) Internetzugang stellen. Die Schüler und Lehrer bringen dann ihr eigenes Gerät mit, mit dem sie sich in der von Herstellern unabhängigen Lernplattform anmelden. Ein Prinzip, das schon heute an manchen Schulen praktiziert wird, beispielsweise in den siebten und achten Klassen des Gymnasiums Marianum in Meppen, das ebenfalls beim Workshop in Potsdam vertreten war.

"Wir wollen einen Mehrwert"

Noch entscheidender für Van den Berghe ist jedoch etwas anderes: „Wir wollen einen Mehrwert, es muss etwas neues geben.“ Und das ist bei der „Schul-Cloud“ für ihn die Möglichkeit der Mitgestaltung. Die Schüler sind nicht mehr allein Empfänger von Inhalten, sie können selbst Themen setzen – „egal ob Manga oder Bienenzucht“. Sie können anonym in der „Cloud“ fragen, wer Interesse an einem bestimmten Thema hat. Ebenso anonym können andere Schüler bekunden, dass sie mitmachen wollen. 

Franciskus Van den Berghe hofft, dass der Baustein „Schul-Cloud“ teil der Lösung für eine vernünftige Digitalisierung von Schulen wird. Foto: Mike Röser

Die Anonymität soll deshalb möglich sein, weil ein Thema auch auf Hohn und Spott bei Gleichaltrigen stoßen kann. Ein Lehrer führt die am Thema interessierten zusammen. So könnten sich Arbeitsgemeinschaften finden, Teams für Wettbewerbe oder für Schulprojekte, und „Talente aus dem Verborgenen kommen“, erklärt Van den Berghe. Natürlich sei dies auch vom „anderen Ende“ aus denkbar: die Suche nach Nachhilfe. Nicht jeder Schüler mag offen sagen, dass er zum Beispiel in Mathe Hilfe braucht.

Schon heute gibt es solche Möglichkeiten im Netz. „Das haben mir meine Schüler auch sofort gesagt, als ich davon sprach“, berichtet Van den Berghe. Was sie dabei vergessen würden, sei jedoch die Begegnung in der Realität, die Begleitung durch Lehrer, die Substanz der Inhalte und auch, dass im „offenen“ Internet nicht immer klar erkennbar ist, mit wem man es zu tun hat und welche Absichten damit verbunden sind. Oder ob man nur meint, einen Experten gefunden zu haben.

Der Lehrer als Berater und Begleiter

Seine Schülerinnen entwickelten diese Idee in Potsdam weiter und zeigten anhand eines Lego-Modells, wie sie sich die Schule der Zukunft vorstellen: Die Schüler arbeiten allein oder in Teams an frei gewählten und Pflicht-Aufgaben. Wenn sie fragen haben, schauen sie in dem Zimmer eines Lehrers vorbei, der sie bei dem Thema beraten und begleiten kann. Eine „interessante Idee“, findet Schulleiter Klumparendt: „Das in Teilbereichen ausprobieren, könnte man überlegen.“ Zu Ende gedacht würde es den in Deutschland gängigen Schulbetrieb auf den Kopf stellen, ist Klumparendt klar, „aber Freiräume wären da“. Schließlich sei klar definiert, was Schüler am Ende ihrer „Laufbahn“ können müssen.

Zu erwarten ist ein solch radikaler Schritt vorerst nicht. Sehr wohl aber eine regionale Vernetzung im Zuge des Pilotprojekts „Schul-Cloud“. Am 10. Januar wird es ein Treffen der Schulen aus der Region geben, die sich beteiligen. Neben dem Franziskusgymnasium sind dies das Marianum und das Windthorst-Gymnasium aus Meppen sowie das Gymnasium Ursulaschule aus Osnabrück. Wie die regionale Zusammenarbeit aussehen kann und welche Fortbildungsmöglichkeiten es gibt, soll dann geklärt werden.

Unabhängig bleiben

Bis 2021 läuft die Förderung für das Pilotprojekt, in dem Van den Berghe einen möglichen Baustein für die Digitalisierung der Schule sieht, „ob es die Lösung ist, wird sich heraus stellen“. Wichtig sei in jedem Fall, eine Infrastruktur zu schaffen, die unabhängig von einzelnen Unternehmen ist: Die Bindung an einzelne Hersteller würde nicht nur zur Gewöhnung an deren Geräte führen, sondern auch Lehrer in ihren Möglichkeiten eingrenzen. Und wenn es nach 2021 nicht weiter gehen sollte mit der „Schul-Cloud“, dann bliebe zumindest die bis dahin entstandene regionale Vernetzung mit den anderen Schulen.


Die Projektpartner

Am Pilotprojekt „HPI Schul-Cloud sind das Hasso-Plattner-Institut (HPI) und das Excellence-Schulnetzwerk MINT-EC beteiligt, gefördert wird es seit 2017 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

MINT-EC ist das nationale Excellence-Netzwerk von Schulen mit Sekundarstufe II und ausgeprägtem Profil in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT). Das Franziskusgymnasium in Lingen ist Teil dieses Netzwerkes. Es wurde im Jahr 2000 von den Arbeitgebern gegründet. Es bietet ein breites Veranstaltungs- und Förderangebot für Schüler sowie Fortbildungen und Austausch für Lehrkräfte und Schulleitungen. Hauptförderer von MINT-EC sind der Arbeitgeberverband Gesamtmetall sowie die Siemens-Stiftung und die bayerischen Arbeitgeberverbände bayme vbm und vbw.

Das HPI in Potsdam ist Deutschlands universitäres Exzellenz-Zentrum für die Unterstützung von Entwicklungsprozessen mithilfe digitaler Methoden (Digital Engineering). Schwerpunkt der HPI-Lehre und -Forschung sind die Grundlagen und Anwendungen komplexer IT-Systeme. Hinzu kommt das Entwickeln nutzerorientierter Innovationen für alle Bereiche.mir

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