Besuch im Kaufhaus und Möbellager Die "Reholänder" in Lingen und die Ressource Mensch

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Im Sozialen Kaufhaus sorgen (von links) Susanne Golling, Irina Fleer, Andrea Kock und Rosi Wismer für den Überblick. Foto: Thomas PertzIm Sozialen Kaufhaus sorgen (von links) Susanne Golling, Irina Fleer, Andrea Kock und Rosi Wismer für den Überblick. Foto: Thomas Pertz

Lingen. "Reholand" in Lingen: Die Abkürzung steht für "Recycling, Holzverarbeitung und Landschaftspflege". Um materielle Rohstoffe allein geht es in dem sozialen Wirtschaftsbetrieb aber nicht.

Rosi Wismer nimmt die kleine Weihnachtsfigur in die Hand und stellt sie auf den Glastisch zu den anderen Weihnachtsartikeln. Alles ist liebevoll dekoriert. Darauf legen Wismer und ihre Kolleginnen Susanne Golling, Irina Fleer und Andrea Kock viel Wert. 

Die meisten Gegenstände im Sozialen Kaufhaus des gemeinnützigen sozialen Wirtschaftsbetriebes "Reholand" im Lingener Ortsteil Darme sind nicht neu. Sie hatten schon einen Besitzer und "warten" nun auf den nächsten. Ständig kommt neue Ware, aus Haushaltsauflösungen oder Spenden. Das Sortiment verändert sich oft täglich. Für die Besucher des Sozialen Kaufhauses besteht genau darin - neben dem Feilschen um den Preis wie auf dem Trödelmarkt - der besondere Reiz. Und für Menschen mit schmalem Geldbeutel die Möglichkeit, kostengünstig einzukaufen. Die Kundschaft ist bunt gemischt. "Von Dr. Sowieso bis Lieschen Müller von nebenan", bringt es Rosi Wismer auf den Punkt. Dass nichts "rummelig" wirkt, sondern alles seine Ordnung hat, dafür sorgen sie und die anderen "Reholänder".

Wiederverwertung und Arbeitsmarktförderung

Die Gründung der gemeinnützigen Reholand GmbH auf dem Greiwe-Hof war im Jahr 1994 erfolgt. Gesellschafter sind der SKM Lingen mit 74 Prozent und die Stadt Lingen mit 26. Die Wiederverwertung von Gegenständen durch deren Verkauf zum kleinen Preis ist ein wichtiges Ziel bei Reholand. Ob es nun die kleine Weihnachtsfigur ist, vor allem aber Hausrat, vom Essensgeschirr bis zur Kaffeemaschine, Elektronisches und Schmuck, Bücher aus der Leseecke, die Bekleidung im ersten Stock oder die noch gut erhaltene Couch im Möbellager gegenüber dem Sozialen Kaufhaus. Wieso soll Omas Ohrensessel in der Müllpresse landen, wenn er doch anderswo noch zum Schmökern einladen kann.

Der Recyclinggedanken bei Reholand ist aber nicht der dominierende Zweck des sozialen Wirtschaftsbetriebs, wie Geschäftsführer Alfons Hennekes betont. "Er besteht in der Verknüpfung von Wiederverwertung und Arbeitsmarktförderung", erläutert Hennekes. "Ressourcen" erkennen gilt bei Reholand nämlich nicht nur durch die Verwertung von Haushaltswaren, Textilien, Möbeln und anderem mehr, sondern in besonderem Maße im Bezug auf personelle Ressourcen.

 Intention des Unternehmens ist die Integration von Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten und Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt. Dies geschieht durch gezielte Betreuung und Qualifizierung. Der Erlös aus dem Verkauf im Sozialen Kaufhaus und im Möbellager, wo Ulrich Leugers, Georg Albers die Verantwortung tragen, sichert gleichzeitig deren Arbeitsplätze.

So auch den von Rosi Wismer. Seit zehn Jahren arbeitet die 61-Jährige in dem Sozialen Kaufhaus. "Ich war 50, hatte vorher nur Nebenjobs und gesundheitliche Probleme", blickt sie zurück. Mit Unterstützung der Agentur für Arbeit kam der Kontakt zu Reholand und das Beschäftigungsverhältnis im Kaufhaus zustande. Das Verkaufen und Arrangieren der Artikel, die Arbeit im Team, das alles bereite ihr viel Freude, betont die Lingenerin.

Mitunter ist es ein sehr junges Team, denn Rosi Wismer hat außerdem eine sonderpädagogische Zusatzausbildung absolviert, die sie befähigt, Jugendliche bei berufsvorbereitenden Maßnahmen zu begleiten. Pünktlich sein, zuverlässig, eine begonnene Arbeit auch zu Ende machen: Unter den mitunter auch mal streng schauenden Blicken der "Reholänder" im Kaufhaus lernen Jugendliche das Einmaleins der Ausbildungsreife. Ein Stück Lebensertüchtigung und Alltagsbewältigung inklusive.


Im Möbellager gibt es eine große Auswahl an gut erhaltenen Möbeln. Von links: Geschäftsführer Alfons Hennekes, Thomas Smid und Ulrich Leugers. Foto: Thomas Pertz


Auch Ulrich Leugers und Georg Albers, die im Möbellager arbeiten, haben diese Zusatzausbildung in der Tasche. In der Möbelhalle bieten sie von der Küchenzeile bis zur Sofagarnitur eine große Auswahl an gut erhaltenen, gebrauchten Möbeln an. Schon bei der Sperrmüllabfuhr, die in Lingen von Reholand organisiert und durchgeführt wird, trennen die "Reholänder" zwischen den Sachen, die nicht mehr zu gebrauchen sind, und anderen, die noch einen Besitzerwechsel vertragen können.

Häufig kommt es deshalb vor, dass Albers, Leugers und andere aus dem Team bei den Leuten zu Hause Tische, Stühle und Schränke abholen. Dies allein beschreibt ihre Arbeit aber völlig unzureichend. Hier geht es nicht um Möbelpacken, sondern darum, das Berufsleben als solches zu „packen“. Reholand ist nämlich auch ein Ausbildungsbetrieb, zum Beispiel im Bereich Lager. Albers und Leugers kümmern sich hier auch um junge Menschen in berufsvorbereitenden Maßnahmen. Fördern und Fordern heißt die Devise. Und was läuft gar nicht im Möbellager? „Eiche rustikal, auch wenn der Schrank wie aus dem Ei gepellt ist“, lacht Albers.

Alfons Hennekes ist ein positiv denkender Mensch. Sonst könnte er diese Arbeit als Geschäftsführer bei Reholand nicht machen. Denn natürlich gibt es auch Rückschläge beim Versuch, Wiederverwertung und Müllvermeidung mit der Teilhabe von Menschen an der Arbeitswelt zu kombinieren. Insgesamt sei dieser im Jahr 2000 eingeschlagene Weg aber erfolgreich gewesen, da zusätzliche sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden seien, sagt er.

Weitere könnten im nächsten Jahr folgen. Konkret geht es um die Schaffung neuer Teilhabechancen für Langzeitarbeitslose auf dem allgemeinen und sozialen Arbeitsmarkt, die die Bundesregierung auf den Weg gebracht hat. Hennekes und die "Reholänder" im Sozialen Kaufhaus und Möbellager sind bereit.


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