Mit der Stadt Lingen eng verbunden Mit Ulrich Boss geht ein Fachmann der leisen Töne

Geht in den Ruhestand: Ulrich Boss, Geschäftsführer der Stadtwerke Lingen. Foto: Thomas PertzGeht in den Ruhestand: Ulrich Boss, Geschäftsführer der Stadtwerke Lingen. Foto: Thomas Pertz

Lingen. Silvester - auf dem Papier der letzte Arbeitstag von Ulrich Boss. Mit Beginn des neuen Jahres tritt der Geschäftsführer der Lingener Stadtwerke in den Ruhestand. Aber nicht nur an der Waldstraße hat der inzwischen 65-Jährige Verantwortung übernommen. Über viele Jahre hinweg galt dies auch im Rathaus an der Elisabethstraße.

Urlaubsbedingt hatte sich Boss schon Mitte Dezember von den Kolleginnen und Kollegen verabschiedet und sein Büro für den Nachfolger geräumt: Ralf Büring ist es, der dem Lingener 2005 auch in das Amt des Ersten Stadtrates gefolgt war, als dieser von der Stadtverwaltung im Rathaus zu den Stadtwerken an die Waldstraße wechselte.

Ulrich Boss ist ein Mann der leiseren Töne. Sich in den Vordergrund zu stellen, war und ist nie seine Sache. Sach- und fachkundig zu sein, aber wohl: Wie kaum ein anderer hat sich der Jurist im Laufe der Jahre in ganz unterschiedlichen Aufgabengebieten in der Stadt Ansehen erworben.

Nach dem Jurastudium in Münster und der Bundeswehrzeit hatte Boss zunächst einige Jahre in der Rechtsabteilung der Handwerkskammer Münster gearbeitet, bevor er zum 1. Januar 1990 neuer Jugend- und Sozialdezernent der Stadt Lingen wurde. Die Aufgabe des Stadtdirektors übernahm er 1994 während der Amtszeit von Oberstadtdirektor Karl-Heinz Vehring. 

Die Schärfe genommen

Da die organisatorischen Zuschnitte damals anders waren, als heute, trug Boss auch in den Bereichen Wirtschaftsförderung, Ordnungsamt und Schule Verantwortung. Bis auf die Kämmerei und den Kulturbereich war alles dabei. Wobei ihm vor allem Letzterer als Arbeitsgebiet nicht gefehlt hat. "So sehr ich das Kulturangebot in Lingen auch schätze, aus fachlicher Sicht bin ich da eher ein Kulturbanause", schmunzelt er und seine Augen lachen mit.

Ein Wesenszug, der Boss in vielen schwierigen Situationen geholfen hat, weil er durch seine Unaufgeregtheit und Sachbezogenheit der Brisanz der Themen häufig die Schärfe nehmen konnte. Mitte der 90ger Jahre zum Beispiel, als die Stadt nach der Fertigstellung des "Haus des Kindes" im Strootgebiet erstmals die kommunale Trägerschaft eines Kindergartens übernahm. "Das war ein Novum damals", blickt Boss auch auf gesellschaftspolitische Diskussionen zurück: Wie sehr ist eine Kita mit ihren Angeboten familienergänzend und ab wann in Teilen schon familienersetzend?  

2005 Wechsel zu den Stadtwerken

2005 wechselt der Lingener zu den Stadtwerken, ist zweiter Geschäftsführer neben Arno Ester und nach dessen Pensionierung neben Hans-Martin Gall. Die Stadtwerke Lingen GmbH befinden sich zu 59,25 Prozent im Besitz der Wirtschaftsbetriebe Lingen, deren alleiniger Gesellschafter die Stadt Lingen ist. Weitere Gesellschafter der Stadtwerke sind mit 40 Prozent die RWE und mit 0,75 Prozent die Festplatz Lohne GmbH. Ihr Kerngeschäft ist die Versorgung ihrer Kunden mit Strom, Erdgas und Trinkwasser. Die Geschäftsführung schließt auch die Wirtschaftsbetriebe Lingen GmbH mit ein. Sie betreibt seit 2001 die Bäder und die Parkgaragen, sowie den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), durch die Stadtverkehr Lingen GmbH.

Spannungsfeld Energie

Die Aufzählung macht das breite Spektrum der Arbeitsfelder an der Waldstraße deutlich - und insbesondere im Energiebereich auch ihr Spannungsfeld. Wie ist die Angemessenheit von Preiserhöhungen zu bewerte und wie ist es um die Offenlegung der Preiskalkulation durch den Energieversorger bestellt? Fragen und Rechtsstreitigkeiten, die Boss begleitet hat und zum Teil auch heute nicht abgeschlossen sind. Die Stadtwerke stehen im Wettbewerb mit anderen Anbietern und stellen sich diesem auch. "In der Grundversorgung gehören wir zu den zehn günstigsten Anbietern in Niedersachsen", erklärt Boss. Das Wort "Wir" kommt ihm dabei ganz automatisch über die Lippen. Boss hat seine Aufgabe bei den Stadtwerken ebenso wenig als lästige, unumgängliche Pflicht angesehen wie die vorangegangenen. "Ich bin nie morgens mit dem Gefühl zur Arbeit gefahren: 'Jetzt musst du hier wieder hin'", sagt er.

Gleichwohl: Den Terminkalender nun vollständig selbst bestimmen zu können und die damit verbundenen Freiheiten als Pensionär - das hat natürlich was. Ulrich Boss weiß das und freut sich drauf.  Beim SKM und im Ludwig Windthorst-Haus mache er im Vorstand mit, erzählt er von ehrenamtlichem Engagement. Von seinem  privaten Einsatz in der Flüchtlingsbetreuung berichtet Boss erst auf Nachfrage. "Das macht zu 80 Prozent meine Frau und ich zu 20", sagt er mit seiner typischen Zurückhaltung. Und erzählt von inzwischen entstandenen Freundschaften, entwickelten beruflichen Perspektiven der Betreuten und gemeinsamen Silvesterfeiern. "Es ist eine schöne Aufgabe und es gibt ein anderes Weltbild", bringt es Boss auf den Punkt. Wie so oft.


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