Feuer in Brennelementefabrik Nach Brand bei ANF: So sieht der Notfallschutz im Emsland aus

Für den Fall der Fälle gibt es in Lingen einen Notfallplan. Symbolfoto: dpaFür den Fall der Fälle gibt es in Lingen einen Notfallplan. Symbolfoto: dpa

Lingen. In der Brennelementefabrik ANF in Lingen ist es am Donnerstag zu einem Feuer gekommen. Oberbürgermeister Dieter Krone betont, dass die Sicherheit der Bürger höchste Priorität hat. Genau dafür gibt es in Lingen einen Gefahrenabwehrplan. Wie sieht dieser aus?

Mehr als 150 Feuerwehrmänner und Helfer waren am Donnerstag auf dem Gelände von ANF im Einsatz, nachdem dort um 19.40 Uhr ein Feuer ausgebrochen war. Nachdem es zunächst hieß, dass der Brand in der nuklearen Fertigungshalle entstanden war, wurde der Brand später in einem abgetrennten Labor im nuklearen Bereich lokalisiert. Gegen 21.10 Uhr war das Feuer gelöscht. (Weiterlesen: Feuerwehrmann über ANF-Brand: "Wir hatten ein mulmiges Gefühl")

Stadt Lingen übt Gefahrenabwehrplan

Verletzt wurde bei dem Brand niemand, doch wie am Freitag klar wurde, war unter dem "Kleinbrand" ein Verdampfer mit uranhaltiger Flüssigkeit zu verstehen, der in der Brennelementefabrik in Brand geraten war. Oberbürgermeister Dieter Krone fordert nun, die genauen Ursachen des Brandes zu ermitteln, "um derartige Vorfälle zukünftig ausschließen zu können". Das Stadtoberhaupt betont, "dass für die Stadtverwaltung die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger höchste Priorität habe". Genau dafür gibt es einen "Gefahrenabwehrplan". (Weiterlesen: Forderung nach Stilllegung der Brennelementefabrik in Lingen)

Krisenstab in Lingen

Die Stadt Lingen agiert im Fall der Fälle dann als eine Art Krisenstab. Der Krisenstab besteht laut Stefan Altmeppen, Erster Stadtrat, aus verschiedenen Mitgliedern. So sind fachkundige Personen aus anderen Fachbereichen der Stadtverwaltung mit an Bord. Dies ist wichtig. "Wir sind schließlich nicht alle auf jedem Gebiet gleich gut", sagt Altmeppen. Verschiedene Gruppen kümmern sich um die Aufgabengebiete wie beispielsweise Personaleinsatz, Versorgung, Ausstattung, Logistik und Pressearbeit. Aber es gibt beispielsweise auch den Bereich Lage, der Wetterprognosen und Schadensanalysen erstellt, aber auch Verkehrslage beobachtet.  Bei letzterem ist Know-How gefragt, sagt Altmeppen. Im Katastrophenfall muss der gesamte in das gefährdete Gebiet fließende Straßenverkehr entsprechend einer Sonderplanung umgeleitet werden. "Der Mitarbeiter muss Lingen in- und auswendig kennen", sagt der Stadtrat.

Es sind Erfahrungen, die Altmeppen in den vergangenen Jahren gesammelt hat. Jährlich wird der Gefahrenabwehrplan an einem fiktiven Szenario geprobt, an verschiedenen Stellschrauben gedreht und auch mal Mitglieder aufgrund verschiedener Gründe – von Schwangerschaft bis Pension – "ausgewechselt". Nicht nur Mitarbeiter der Behörden gehören dem Krisenstab an, es können auch Vertreter anderer Behörden oder Dienststellen sein oder anderer Unternehmen.  Zudem wird mit Hilfskräften, sei es Technisches Hilfswerk oder Feuerwehr, zusammengearbeitet und die Tätigkeiten koordiniert. (Weiterlesen: Fertigung steht bei ANF in Lingen auf unbestimmte Zeit still)

Bei Krisensituationen ist Landkreis am Zug

Stefan Altmeppen betont, dass die Stadt Lingen den Hut bei der "normalen" Gefahrenabwehr auf hat. Der Katastrophenschutz liegt jedoch beim Landkreis Emsland, der ebenfalls einen Notfallplan hat. Der dortige Krisenstab entscheidet selbst, wann er übernimmt. Wenn dies der Fall ist, hat die Stadt Lingen die Aufgabe, dem Krisenstab in Meppen zuzuarbeiten. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass auch Lingen selbst in der Lage sein muss, zu agieren. Im Fall eines kerntechnischen Unfalls wird der Fall auf noch höherer Ebene behandelt, dann wird das Niedersächsischem Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz einberufen. 

Lingener Unternehmen haben Störfallverordnung

Ergänzend zu dem Gefahrenabwehrplan der Stadt Lingen und dem Notfallschutzplan des Landkreises Emsland gibt es eine zusätzliche Störfallverordnung. Diese wurde von den Unternehmen Advanced Nuclear Fuels (ANF), Baerlocher, Neptune Energy, Dralon, Hagedorn und BP Lingen herausgegeben. Dort wird über Sicherheitsmaßnahmen und das richtige Verhalten im Störfall informiert. "Störungen, Unfälle oder Transportschäden, die zu Belästigungen oder Gefährdungen außerhalb unserer Werke führen, lassen sich nie völlig ausschließen", heißt es dort. (Weiterlesen: Fragen und Antworten: Was macht die Brennelementefabrik ANF?)

Was besagt das Notfallmerkblatt?

In dem Flyer wird beschrieben, mit welchen Stoffen, welches Unternehmen in Lingen arbeitet. Bei ANF sind dies radioaktive Stoffe, genauer gesagt, Uranverbindungen, die laut Merkblatt weder eingeatmet, verschluckt noch ungeschützt berührt werden dürfen, da eine Kontaminationsgefahr besteht. Doch wie erfahren Bürger, dass eben der Notfall ausgebrochen ist?

  • Erstes Zeichen dafür ein lautes Sirenensignal, bei dem ein Heulton über eine Dauer von einer Minute in Lingen ertönt. In diesem Moment sollte das Radio eingeschaltet werden. 
  • Öffentlich-rechtliche  sowie private Radiosender veröffentlichen weitere Infos. Zudem sollte auf Lautsprecherdurchsagen der Feuerwehr oder Polizei geachtet werden. 
  • Kinder müssen direkt ins Haus gerufen werden. Halten sich diese in der Schule oder Kindergarten auf, sollen sie dort bleiben und nicht abgeholt werden.
  • Fenster und Türe müssen geschlossen werden, ebenso die Klimaanlage ausgeschaltet werden. Möglichst innenliegende Räume in oberen Geschossen sollten aufgesucht werden.

Und was ist, wenn evakuiert wird?

Sollte es zu einer Notsituation kommen und es wird aufgefordert, schnell die Wohnung zu verlassen, gibt es eine oberste Grundregel: Nie mehr mitnehmen als in einen Rucksack passt. Eingepackt werden sollten:

  • Handy und Ladegerät 
  • Bargeld, EC-Karten , wichtige Papiere
  • persönliche Medikamente und Erste-Hilfe-Material 
  • Verpflegung für zwei Tage 
  • Schlafsack oder Decke 
  • Kleidung und Hygieneartikel für ein paar Tage 
  • ein batteriebetriebenes Radio und Reservebatterien, um die Nachrichten verfolgen zu können 
  • Für Kinder eignet sich ein Brustbeutel oder eine sogenannte SOS-Kapsel mit Name, Geburtsdatum und Anschrift. Diese Kapseln gibt es in Apotheken und Drogerien zu kaufen. 

Ganz klar ist: Keine Person darf zurückbleiben. Wo die Menschen in Lingen dann untergebracht werden, kann pauschal nicht gesagt werden, sagt Altmeppen. Schließlich käme es darauf an, wo sich das Unglück ereignet hat und wie groß der Radius ist, der evakuiert werden muss. "Im Fall der Fälle müssen wir bei anderen Gemeinden um Amtshilfe bitten." 


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