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Forderung nach Stilllegung Ermittlungen nach Brand in Brennelementefabrik ANF in Lingen

Von Wilfried Roggendorf, Corinna Berghahn, Thomas Pertz und Sven Lampe

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In der nuklearen Fertigung der Lingener Brennelementefabrik ANF hat es am Donnerstagabend gebrannt. Foto: Ludger JungeblutIn der nuklearen Fertigung der Lingener Brennelementefabrik ANF hat es am Donnerstagabend gebrannt. Foto: Ludger Jungeblut 

Lingen. Nach dem Brand in der Lingener Brennelementefabrik ANF am Donnerstagabend haben Umweltverbände die sofortige Stilllegung der Anlage gefordert. Auf Landesebene haben die Grünen eine Sondersitzung des Umweltausschusses beantragt.

Unabhängig von dem jetzigen Brand hatte es erst vor Kurzem zwei meldepflichtige Ereignisse bei ANF gegeben. Bei einer turnusmäßigen Prüfung waren jüngst an einem Reaktionsbehälter Risse festgestellt worden. Nach Angaben des niedersächsischen Umweltministeriums fallen die Ereignisse in die Kategorie INES 0 (keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung).

In der nuklearen Fertigung der Lingener Brennelementefabrik ANF hat es am Donnerstagabend gebrannt. Foto: Thorsten Albrecht


Bei dem jetzigen Brand in der Anlage, die in Nachbarschaft des Kernkraftwerks Emsland liegt, war niemand verletzt worden. Wie der stellvertretende Werksleiter Jürgen Krämer mitteilte, hat es keine Freisetzung von gefährlichen Stoffen gegeben.

Das offene Feuer war um 19.40 Uhr nach ersten Erkenntnissen in einem Laborbereich des Betriebes aus bislang unbekannten Gründen ausgebrochen. Lingens Stadtbrandmeister Ralf Berndzen sprach von einem Kleinbrand von rund 40 mal 40 Zentimetern Durchmesser. Im Bereich der Fertigungshalle kam es durch das Feuer zu einer starken Rauchentwicklung. Feuerwehren aus dem Emsland, der Grafschaft und dem Landkreis Osnabrück waren alarmiert worden, darunter auch Messtrupps aus der Grafschaft Bentheim und dem Landkreis Osnabrück. Um 21.12 Uhr meldete die Feuerwehr, dass der Brand gelöscht ist. 

Den langen Zeitraum zwischen der Alarmierung der Feuerwehren um 19.41 Uhr und der offiziellen Entwarnung um kurz nach 21 Uhr begründete Berndzen unter anderem mit der unklaren Gefahrenlage. Da es sich um einen Einsatz in einer nuklearen Anlage handelte, habe die Feuerwehr zunächst Vorkehrungen für eine mögliche Dekontamination der Einsatzkräfte schaffen müssen. Laut Berndzen seien alle Einsatzkräfte, die am Brandort tätig waren, ohne radioaktive Auffälligkeiten von ihrem Einsatz zurückgekommen. 

Da zuerst nicht absehbar war, ob Gefahr für Menschen bestand, war ein Teil des Parkplatzes geräumt worden - auch die Einsatzkräfte mussten ihn verlassen. Nach Angaben der Feuerwehr sind jedoch keine Auffälligkeiten bei den aktuellen Messungen festgestellt worden. Der Brandort wurde durch die Polizei beschlagnahmt. Brandermittler haben die Arbeit zur Klärung der Brandursache aufgenommen. Laut Dennis Dickebohm, Sprecher der Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim, werden die Ermittlungen in dem "hochsensiblen  Bereich" einige Zeit dauern. 

Umweltverbände fordern seit Längerem die Schließung der Brennelementefabrik, die in der Nachbarschaft des Kernkraftwerks Emsland liegt: Erst vor wenigen Tagen hatte es bei dem Unternehmen einen meldepflichtigen Vorfall gegeben, der allerdings keine Gefahr für die Umwelt gewesen sein soll. Davor hat es Anfang November einen Zwischenfall gegeben. Erst an diesem Donnerstag hatte der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) daher gefordert, den dortigen Betrieb stillzulegen. 

Foto: NWM-TV

Französischer Mutterkonzern

Der französische Mutterkonzern der Lingener Brennelementefabrik hatte vor einigen Monaten einen neuen Namen bekommen: aus Areva wurde Framatome. Die Umorganisation bei der Konzernmutter Areva, die zuletzt in eine erhebliche finanzielle Schieflage geraten war, ist Teil einer umfassenden Umstrukturierung des Atomsektors in Frankreich. Der Energieversorger Électricité de France (EDF) besitzt nun über 75 Prozent des Kapitals von Areva. Der französische Staat ist Mehrheitseigner beider Konzerne. Die von Areva an EDF abgetretene Reaktorsparte tritt unter dem Namen Framatome auf.

Foto: NWM-TV

Das Kerngeschäft in Lingen bleibt weiterhin die Produktion von Brennelementen. Da nach der 2011 beschlossenen Energiewende Kernkraftwerke in Deutschland schrittweise bis 2022 abgeschaltet werden, richtet sich ANF am Standort Lingen zunehmend auf den Export von Brennelementen aus. Werksleiter Andreas Hoff bezifferte in einem Pressegespräch im März den Anteil auf inzwischen 80 bis 90 Prozent – gegenüber etwa 50 Prozent vor der Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011, die die Ursache für den vorzeitigen Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie war.

Derzeit sind dort über 310 Arbeitnehmer beschäftigt. Hinzu kommen knapp 25 Auszubildende und etwa 50 Mitarbeiter von Fremdfirmen.



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