Die Routen der Hollandgänger Von Rahden über Fürstenau und Lingen nach Hardenberg

Im Emslandmuseum stellten sie die ersten beiden auf Deutsch erschienenen Wanderführer des Hollandgängerpfades vor (von links): Ben Spruijtenburg, Museumsleiter Andreas Eiynck, Lingens Bürgermeister Heinz Tellmann, George van der Peet und  Willi Brundiers, Vorsitzender des Museumsvereins im Emslandmuseum. Foto: Carsten van BevernIm Emslandmuseum stellten sie die ersten beiden auf Deutsch erschienenen Wanderführer des Hollandgängerpfades vor (von links): Ben Spruijtenburg, Museumsleiter Andreas Eiynck, Lingens Bürgermeister Heinz Tellmann, George van der Peet und Willi Brundiers, Vorsitzender des Museumsvereins im Emslandmuseum. Foto: Carsten van Bevern

Lingen. Rund 2000 Kilometer lang sind die historischen Routen der deutschen Hollandgänger, die zwischen 1650 und 1920 im Sommer im Nachbarland arbeiteten, um ihre Familien ernähren zu können. Zum Hollandgängerpfad von Rahden über Lingen nach Hardenberg sind jetzt zwei historische Wanderführer erschienen.

Ab Mitte des 17. Jahrhunderts zogen jährlich tausende Saisonarbeiter aus dem Emsland und den angrenzenden Gebieten in die Niederlande, um mit dem kargen Lohn im Winter ihre Familien ernähren zu können. Sie arbeiteten dort als Grasmäher, Torfstecher, im Deichbau, als Walfänger oder zogen als Händler über das Land.

Mehr als 2000 Kilometer umfassen die historischen Reiserouten der Hollandgänger. Aufgrund des zu dieser Zeit nahezu nicht zu durchquerenden Bourtanger Moores im deutsch-niederländischen Grenzgebiet zwischen Rhede im Norden und Twist und Wietmarschen im Süden führte die Nordroute durch das Rheiderland in Richtung Groningen und die Südroute über Lingen in Richtung Hasselt.

Auf mehreren Routen gelangten die Hollandgänger aus Deutschland in die Niederlande. Karte: Emslandmuseum Lingen


 "Knapp die Hälfte dieser Wege haben wir inzwischen erwandert und darüber nach und nach sieben historische Wanderroutenführer zusammengestellt", erzählt George van der Peet von der in Drenthe in den Niederlanden ansässigen Stiftung Hannekemaaierspad im Lingener Emslandmuseum in einem Gespräch mit unserer Zeitung. 

Viele Hollandgänger arbeiten als Tagelöhner in der Landwirtschaft – viele als Grasmäher. Foto: Emslandmuseum Lingen


Dort sind jetzt erstmals zwei dieser Routenführer – von Rahden nach Fürstenau und von Fürstenau über Lingen nach Hardenberg in den Niederlanden – in deutscher Sprache offiziell vorgestellt worden. Im Emslandmuseum in Lingen und bei dem Verein unter www.stichtinghannekemaaierspad.nl sind sie ab sofort für jeweils zehn Euro erhältlich. Ermöglicht wurde das Projekt durch die finanzielle Unterstützung von der Ems-Dollart-Region aus dem Interreg-Förderprogramm der Europäischen Union. Die Aktualisierung und Übersetzung weiterer Bände ins Deutsche ist bereits geplant.

Am Dorfbrunnen in Schepsdorf erinnert ein Relief an die Hollandgänger. Foto: Emslandmuseum Lingen


56 Seiten umfasst die Wanderbroschüre Fürstenau – Hardenberg. Darin finden sich detaillierte Karten mit entsprechenden Wegebeschreibungen als auch historische Hintergrundinformationen, Infos zu markanten Wegemarken, Museen und an der Strecke liegenden Gehöften, Dörfern und Städten. "Bei unseren Wanderrouten stehen Kultur, Natur und Geschichte im Mittelpunkt. Auf dem Hannekemaaierspad [übersetzt: Hannes der Mäher; Anm.d.Red.] erlebt der Wanderer nahezu die Route, die die deutschen Wanderarbeiter seinerzeit gegangen sind", erklärt van der Peet. So basiert dieser Wanderweg auf der ältesten Route aus dem 18. Jahrhundert und führt so nah wie möglich an diesem Weg entlang.

Auf den Spuren der Hollandgänger: Mitglieder der Stichting Hannekemaaierspad beim Wandern auf historischen Pfaden – hier bei Westerwolde. Foto: Stichting Hannekemaaierspad


Hinweise zum Wegeknotenpunkt Lingen, wo die Ems überquert werden konnte, zur dortigen Poststation und zu Gedenksteinen unter anderem zum Hollandgänger Gerd Kruis aus Suttrup, der am 13. September 1824 bei Thuine seinen Kollegen Gerhard Langeborg aus Andervenne ermordete und dafür am 19. Juli 1825 auf dem Gierenberg im Laxtener Wald hingerichtet, ergänzen die Broschüre.

Knappgerds Grab im Lingener Wald. Foto: Emslandmuseum Lingen


"Die Wiege des niederländischen Könighauses liegt eigentlich in Lingen". Unter diesem etwas gewagten Ausspruch erzählte van der Peet eine weitere in der Broschüre veröffentlichte Begebenheit: Der Erbprinz Wilhelm Frederik, der damals 27-jährige Sohn des niederländischen Statthalters Wilhelm V. ließ sich 1799 in Lingen nieder, um sich auf eine Invasion der durch napoleonische Truppen besetzten Niederlande vorzubereiten. Nach dem Scheitern der Pläne verließ er aber noch im gleichen Jahr Lingen. 1815 bis 1840 war er schließlich König der Niederlande und Großherzog von Luxemburg.

Auch Straßennamen erinnern noch an die historischen Routen der Hollandgänger, hier bei Freren. Foto: Emslandmuseum Lingen


Mehrere weitere Begebenheiten runden die Broschüre ab. "Viele Informationen haben wir von örtlichen Heimatvereinen und hier im Emslandmuseum erhalten", bedankte sich van der Peet von der niederländischen Stichting vor den rund 30 Gästen. Was aber ist die Stichting Hannekemaaierspad? "Wir sind ein vor 20 Jahren gegründeter Verein mit derzeit rund zehn geschichts- wie wanderbegeisterten Mitgliedern. Einmal pro Woche treffen wir uns zum Forschen oder auch zum Wandern auf den Routen der Hollandgänger sowohl auf niederländischer wie deutscher Seite", berichtet er im Gespräch. 

Der "Holländer Pütt" im Frerener Wald war für viele Hollandgänger ein beliebter Rastplatz, auch aufgrund des frischen Wassers. Geld für eine Herberge hatten die Hollandgänger nicht. Foto: Emslandmuseum Lingen


Früh sei es dann ein Ziel gewesen, historische Wanderführer herauszubringen, 2003 erschien bereits die erste Broschüre. "90 bis 95 Prozent der Arbeit leisten wir dabei in Eigenregie." Und Zeit zum Wandern bleibt auch noch. So ist die Gruppe im Jahr 2017 in mehreren Etappen auf den Spuren der Hollandgänger vom Bremen bis nach Neuschanz in den Niederlanden gewandert.

Passend zur Buchvorstellung wird im Emslandmuseum in Lingen noch bis zum 3. Februar 2019 derzeit die Ausstellung "Tödden und Hollandgänger. Arbeitsmigranten zwischen Deutschland und den Niederlanden" gezeigt. "Die Ausstellung läuft sehr gut. Viele Heimatvereine und Besucher aus den Niederlanden waren auch schon hier zu Besuch", lädt Museumsleiter Andreas Eiynck weitere Besucher in "sein" Haus ein. 


Hollandgänger – Arbeitsmigranten zwischen Deutschland und den Niederlanden

Hollandgänger waren Wanderarbeiter, die seit Mitte des 17. Jahrhunderts aus wirtschaftlich schwachen Gebieten Deutschlands saisonal in die Niederlande zogen, um dort zu arbeiten und ein dringend benötigtes Einkommen für sich und ihre Familien zu erarbeiten. In einigen Regionen entwickelte sich daraus auch der Töddenhandel. 

Die Hollandgänger brachen meist im Frühjahr in Gruppen zu Fuß auf und nutzten feste Routen, die zu zentralen Treffpunkten führten. Die Wanderarbeiter waren dort vor allem als Tagelöhner in der Landwirtschaft beschäftigt, vielfach als Grasmäher oder Torfstecher. Andere arbeiteten in der Ziegelindustrie oder als Herings- und Walfänger. In der Regel verdingten sich jüngere Männer, seltener auch Frauen, die als Dienstmädchen oder in Bleichereien arbeiteten. 

Nicht wenige junge Männer blieben auch dauerhaft und gründeten in den Niederlanden Familien. Ihre höchste Intensität erreichte die Hollandgängerei in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Zahl der Hollandgänger wird zwischen 1700 und 1875 auf 20.000 bis 40.000 im Jahr geschätzt.

Die Hollandgänger kamen hauptsächlich aus den von großer Rückständigkeit und Armut geprägten Landstrichen Westfalens, dem Emsland, dem Tecklenburger Land, dem Osnabrücker und Mindener Raum, dem Oldenburgischen sowie aus dem Unterwesergebiet. Aus den gleichen Beweggründen entwickelte sich im 19. Jahrhundert die Emigration nach Amerika.

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