Ergebnisse vom Campus Wissenschaftlerin im Bauhof Lingen: Laptop trifft Kettensäge

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Melanie Malczok, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Campus Lingen, und Dennis Widdermann, Garten- und Landschaftsbauer beim Lingener Bauhof, haben spaßeshalber einmal ihr tägliches Arbeitsgerät getauscht. Foto: Wilfried RoggendorfMelanie Malczok, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Campus Lingen, und Dennis Widdermann, Garten- und Landschaftsbauer beim Lingener Bauhof, haben spaßeshalber einmal ihr tägliches Arbeitsgerät getauscht. Foto: Wilfried Roggendorf

Lingen. Melanie Malczok forscht am Campus Lingen zur internen Kommunikation von Organisationen aller Art. Ungewöhnlich ist, dass sie dazu im letzten Jahr auch die Mitarbeiter des Lingener Bauhofs zu Baumpflegearbeiten, zum Heckenschnitt oder Buden aufstellen begleitet und an Teamrunden teilgenommen hat. Jetzt hat sie Ergebnisse präsentiert.

"Wie kommen Mitarbeiter an die Infos, die sie brauchen? Wie können wir die Kommunikation effektiver gestalten? Das sind die Fragen, die hinter unser Forschung stecken", sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin. Diese Fragen beschäftigen viele Wissenschaftler. "Doch meistens denken sie dabei an 'klassische Wissensarbeiter' an Schreibtischarbeitsplätzen", sagt Malczok. Dabei hätte ein Großteil der Menschen im produzierenden und sozialen Organisationen oder eben beim Bauhof ganz andere Arbeitsplätze – ganz andere, als die Kommunikationswissenschaften sie in ihren Konzepten berücksichtigen würde.

Den Bauhof-Mitarbeitern auf die Finger geschaut

"Mit diesen Arbeitsplätzen haben wir ein tolles Feld, in dem wir sehen können, wie Kommunikation abseits des klassischen Schreibtischarbeitsplatzes funktioniert", erklärt Malczok ihr Interesse. "Das kriege ich aber nur mit, wenn ich wirklich vor Ort bin"; berichtet Malczok. Also hat sich die 33-Jährige mehrere Tage lang morgens um 7 Uhr mit den Mitarbeitern des Bauhofes auf den Weg gemacht und ihnen auf die Finger geschaut. "Teilnehmende Beobachtung" nennt die Wissenschaftlerin dies. "Erst hinterher habe ich in Beobachtungsinterviews danach gefragt, was mir aufgefallen ist", erklärt Malczok ihr Vorgehen.

Die kleinen Sachen im Alltag sehen

Hätte sie nur Fragen gestellt, wäre nach Malczoks Ansicht weniger dabei herausgekommen: "Dann hätten die Leute nur erzählt, was ihrer Meinung nach wichtig ist", erklärt Malczok den Unterschied. Die Wissenschaftlerin nennt ein Beispiel: "Wenn Bürger etwas beim Empfang des Bauhofs melden, schreibt der Mitarbeiter dort dies auf einen Post-it-Zettel, den er dann einem der Vorarbeiter auf den Schreibtisch klebt." Niemand habe ihr gesagt, dass diese Kommunikationsmethode auf dem Bauhof angewendet wird. "Und ich wäre auch nicht auf die Idee gekommen, danach zu fragen", gibt Malczok zu. Die kleinen Sachen im Alltag hätte die Wissenschaft oft garnicht auf dem Schirm.

Die Menschen verstehen wollen

"Es ist wichtig, sich den lebensweltlichen Kontext der Menschen genau anzusehen", sagt Malczok. Erst dann könne sie auch entscheiden, was gute Kommunikation für sie sei. Dabei sei es wichtig, sich nicht anzubiedern, sondern die Menschen wirklich verstehen zu wollen. "Denn die Leute merken, ob man sie überhaupt verstehen will." Bei Garten- und Landschaftsbauer Dennis Widdermann hat sie den richtigen Eindruck erweckt. "Die Atmosphäre war in Ordnung und ich habe versucht, so zu arbeiten wie immer", berichtet der Bauhof-Mitarbeiter von seiner Begegnung mit Malczok. Drei Stunden lang habe sie ihn, so wie viele seiner Kollegen auch,  beim Heckenschnitt und der Baumpflege beobachtet.

Zettel funktionieren besser

Widdermann dokumentiert Art, Dauer und Ort seiner Arbeit auf Papierformularen. "Melanie Malczok hat gefragt, ob ich mir dafür auch eine digitale Lösung vorstellen könnte", sagt Widdermann. Vorstellen kann er es sich. "Aber mit den Zetteln funktioniert es besser und ich muss auch keinen Laptop oder ein anderes Gerät mit mir rumschleppen", sagt der Garten- und Landschaftsbauer. "Es ist so, wie es ist, garnicht so schlecht."

Technische Lösung verworfen

Auch Bauhofleiter Christian Schulte empfand die Zusammenarbeit mit Malczok als sehr angenehm. "Anfangs hatte ich zwar die Sorge, was die Mitarbeiter bloß sagen", erklärt Schulte. Für ihn als Führungskraft sei es aber interessant zu erfahren, zu welchen Themen seine Mitarbeiter mehr oder weniger Informationen haben möchten. "Eigentlich hatten wir zunächst an eine technische Lösung gedacht, dies aber im Laufe der Forschung von Melanie Malczok verworfen", sagt Schulte.

Unterschied zwischen Lehre und Lebenswirklichkeit

Ein möglicher Grund liegt in einer Beobachtung von Malczok. "Eigentlich ist nach der klassischen Lehre im Kommunikationsmanagement das Intranet das Leitmedium", erklärt sie. Auch die Mitarbeiter des Bauhofes könnten dies an einem PC im Aufenthaltsraum nutzen. "Doch wenn sich da einer ransetzt, fragen ihn seine Kollegen: Warum arbeitest du nicht?", hat Malczok eine Lebenswirklichkeit festgestellt, die von der klassischen Lehre abweicht.

Bauhofmitarbeiter sind die Botschafter der Stadt Lingen

Malczoks vielleicht wichtigste Beobachtung ist jedoch eine andere: "Während ich mit den Mitarbeitern des Bauhofes unterwegs war, habe ich mitbekommen, das viele zentrale Fragen bei ihnen auflaufen. Sie sind schlichtweg die Botschafter der Stadt Lingen."


 


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