Linßens „Psalm 2016" Imposante Oratorium in der St.-Bonifatius-Kirche Lingen

Von Daniel Lösker

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Komponist Gregor Linßen inmitten seiner musikalischen und schauspielerischen Wegbegleiter genießt den starken Beifall des Lingener Publikums.
Foto: Daniel LöskerKomponist Gregor Linßen inmitten seiner musikalischen und schauspielerischen Wegbegleiter genießt den starken Beifall des Lingener Publikums. Foto: Daniel Lösker

Lingen. Eine imposante Aufführung des szenischen Oratoriums „Psalm 2016“ von Gregor Linßen gab es jetzt in der St.- Bonifatius-Kirche in Lingen zu sehen.

Denkt man an Oratorien, so fallen einem die großen Werke dieser Gattung von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel aus der Barockzeit, später in der Klassik von Joseph Haydn und noch etwas weiter in der Musikgeschichte jene von Felix Mendelssohn Bartholdy ein. Gregor Linßen ist ein Komponist unserer Tage und nennt seinen „Psalm 2016“ ein Theater-Oratorium. Da stellt sich die Frage: Steht der Neusser Tonsetzer mit seinem gut eineinhalbstündigen Opus in der Tradition genannter Höhepunkte des Genres? 

Kein klassisches Werk

„Psalm 2016“ ist kein klassisches Werk. Es besitzt zwar einen Chor, auch beinhaltet die Partitur Gesangssolisten und Streicher; damit sind aber – zumindest musikalisch – alle Parallelen aufgeführt. Linßen nutzt auch keine biblische Geschichte, wie es zumeist die berühmten Vorgänger taten. Er wagt sich daran, die Psalmen in einen Kontext der heutigen Zeit und unserer Gesellschaft zu setzen. Musikalisch nutzt er dafür recht simple, aber eindrucksvolle Methoden der Pop-, Gospel- und Rockmusik. 

Enthusiastisch singender Chor

Umgesetzt wird dies durch den etwa 100 Frauen und Männer starken, enthusiastisch singenden Projektchor Alcanto, der aus ganz Deutschland  Sänger vereint, ein leider in der Partitur etwas zu wenig beachtetes Streichquartett und eine ausgezeichnet agierende Band, bestehend aus Gitarre, Klavier, Bass, Schlagzeug und Perkussion.

Westentaschen-Philosophie

Hinzu kommen zwei Charaktere. Der eine, David Salomon, ein Ich-bezogener Macho, gesprochen und gespielt von Thorsten Brunow. Die andere, Sandra Paulkowsky als energisch ihre Position verteidigende deutsche Christin Maria, die mit einem iranischen Muslim liiert ist. Das ist leicht konstruiert, zuweilen auch etwas skurril, wartet mit Westentaschen-Philosophie auf – „Es ist nicht deine Welt, es ist unsere“ –, verfehlt jedoch seine Wirkung nicht, indem es auf die Probleme unserer Tage hinweist.

Hoher technischer Aufwand

Der technische Aufwand, der die Bonifatius-Kirche in unterschiedlichem Scheinwerferlicht erstrahlen lässt, Bilder auf eine Leinwand projiziert und akustische Verstärkung ermöglicht, ist imposant, aber sinnvoll, da dadurch eine vom Komponisten wohl gewollte, stark vereinfachte Symbolik sichtbar wird. Diese wirkt zuweilen recht naiv, jedoch immer zielgerichtet. Auch der Fakt, dass Linßen nicht nur der Schöpfer des Werkes ist, sondern auch Gestalter, ist beachtenswert und sympathisch. Er lässt es nicht darauf beruhen, der künstlerische Leiter zu sein, er ist auch als Vorleser, Sänger und ikonographische Figur aktiv. Die Botschaft seines großangelegten Oratoriums jedenfalls kommt an. Sie begeistert die zahlreichen Zuhörer und hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Aufklärerische Aussage

Somit beantwortet sich die eingangs gestellte Frage nach der Vergleichbarkeit mit den berühmten Vorgängern der Musikgeschichte. Allen Komponisten ging es immer um die zentrale, mitunter sogar aufklärerische Aussage, ist es möglich, mit Musik die grundsätzlichen Prinzipien der Nächstenliebe, der Vereinbarkeit von unterschiedlichem Glaube und Friedfertigkeit zu fördern. So gesehen, ist es Linßen durchaus gelungen, in die Reihe der großen Oratorienschöpfer zu treten.


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