Lingener Publikum beeindruckt "Geächtet" – Inszenierung von emotionaler Wucht

Ein Abendessen unter Freunden wird zur Katastrophe.  Die Produktion "Geächtet" der Schauspielbühnen in Stuttgart beeindruckte das Lingener Publikum. Foto: Elisabeth TonderaEin Abendessen unter Freunden wird zur Katastrophe. Die Produktion "Geächtet" der Schauspielbühnen in Stuttgart beeindruckte das Lingener Publikum. Foto: Elisabeth Tondera
Elisabeth Tondera

Lingen. So viel Sprengstoff auf der Bühne! Das Schauspiel „Geächtet“ von Ayad Akhtar zeigt, wie tief Ängste und Vorurteile in die westliche Gesellschaft eingedrungen sind. Tournee-Theater Thespiskarren beeindruckte das Lingener Theaterpublikum mit der Produktion der Schauspielbühnen in Stuttgart.

Für „Geächtet“ hat Ayad Akhtar den Pulitzer-Preis bekommen. In seiner „Zimmerschlacht um Religion und Rassismus“ bringt er auf den Punkt, was die westliche Welt bewegt und beunruhigt: Rassismus und Terrorismus, Ängste und Vorurteile, versteckt unter einem dünnen Firnis von Aufklärung und Toleranz. Fünf Menschen führen eine brillante Debatte über Identität, Integration und Ressentiments, die in einen erbitterten Streit ausartet. 

Essen eskaliert

Zwei wohlsituierte Paare treffen sich im Nobel-Loft in der New Yorker Upper East Side zum Essen, das völlig aus dem Ruder läuft. Eingeladen haben Amir und Emily. Er ist ein Sohn pakistanischer Einwanderer und erfolgreicher Wirtschaftsanwalt, sie eine Amerikanerin und aufstrebende Künstlerin, die sich von der islamischen Kunst inspirieren lässt und im Gegensatz zu ihrem Mann im Islam viel Schönes und Positives sieht. Amir hat sich vom Islam losgesagt, für ihn ist es eine archaische Stammesreligion, völlig ungeeignet für die heutige Welt.

Unterdrückte Konflikte

Die Gäste, der jüdische Kunst-Kurator Isaac und seine afroamerikanische Frau Jory, sind beruflich mit den Gastgebern verbandelt: Isaac organisiert eine Ausstellung mit Emilys Bildern, Jory arbeitet mit Amir in einer Kanzlei. Beim Abendessen eskalieren alle bisher unterdrückten Konflikte. Aus nichtigem Anlass gehen Amir und Isaac aufeinander los und werfen sich rassistische und religiöse Vorurteile um die Ohren, die Stimmung ist im Keller.  

Überraschung nach der Pause

Zur Pause ist man überzeugt: Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Doch genau das geschieht, allerdings überraschend anders als die Entwicklung im ersten Teil es vermuten lässt: Zur finalen Katastrophe führt weder die Politik, noch die Religion, sondern Emilys kleiner Seitensprung. Und da ist auch noch Amirs Neffe Abe, der sich islamistisch radikalisiert, weil er die Ablehnung der Mehrheitsgesellschaft spürt.

Bewegendes Theatererlebnis

Selten erlebt man eine Inszenierung von solch emotionaler Wucht. Regisseurin Karin Boyd setzt auf die Kraft des Schauspiels. Sie lässt das Stück in einem hellen Raum spielen, den ein Gemälde Emilys dominiert (Ausstattung Barbara Krott). Ihr Trumpf ist das exzellente Ensemble, dessen eindringliches Schauspiel einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Weil Patrick Khatami (Amir), Natalie O’Hara (Emily), Markus Angenvorth (Isaac), Jillian Anthony (Jory) und Christopher Gollan (Abe) ihre ganze emotionale Kraft einsetzen, das seelische Wesen der Figur zu ihrem eigenen machen und die oft abrupt wechselnden Stimmungen unglaublich realistisch zum Ausdruck bringen, entwickelt sich eine kreative Kommunikation zwischen den Schauspielern und dem Publikum. Man hat nicht das Gefühl, ein Geschehen auf der Bühne zu verfolgen, sondern dabei zu sein und sich gemeinsam mit den Figuren zunehmend unwohl zu fühlen angesichts der aufgeheizten Stimmung.

Mit Standing Ovations dankten die Zuschauer den fünf Schauspielern für das bewegende Theatererlebnis.



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