Norbert Winkeljohann in Handrup "Toller Strukturwandel im Emsland"

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Norbert Winkeljohann, ehemaliger Chef von PwC Deutschland und Europa, ist Referenz des diesjährigen Handruper Forums. Im Gespräch mit der NOZ hat er im Vorfeld über Trends im Emsland, Digitalisierung und  Innovation gesprochen. Foto: Michael GründelNorbert Winkeljohann, ehemaliger Chef von PwC Deutschland und Europa, ist Referenz des diesjährigen Handruper Forums. Im Gespräch mit der NOZ hat er im Vorfeld über Trends im Emsland, Digitalisierung und Innovation gesprochen. Foto: Michael Gründel

Osnabrück/Emsland. Wie ist das Emsland inmitten der Wirtschaftstrends aufgestellt? Norbert Winkeljohann, ehemaliger Chef von PricewaterhouseCoopers (PwC) Deutschland und Europa, ist in diesem Jahr Referent des Handruper Forums und hat im Vorfeld über den Strukturwandel im Emsland, Digitalisierung und Innovation gesprochen.

Herr Winkeljohann, als Wirtschaftsberater, Aufsichtsrat in verschiedenen Unternehmen und ehemaliger Chef von PwC Deutschland und Europa haben Sie einen sehr guten Einblick in die Trends großer und kleinerer Unternehmen. Welche sehen Sie im Emsland?

Das ganz große Thema ist Digitalisierung und Automatisierung. In dieser Hinsicht unterscheiden sich ländlichere Regionen wie das Emsland nicht von der großen weiten Welt. Digitalisierung ist für alle das Zukunftsthema. Konkret auf das Emsland bezogen gibt es losgelöst vom großen Thema Digitalisierung eine ganze Reihe positiver Entwicklungen. Es hat den Wandel von einer der ärmeren Regionen Deutschlands zum Industriestandort geschafft. Man muss mit Bewunderung feststellen, dass hier mit Fleiß, Pragmatismus und einer gewissen Flexibilität viel verändert wurde. Natürlich gibt es die Landwirtschaft immer noch, was gut ist, aber ebenso ganz neue Entwicklungen wie Maschinenbau, Fahrzeugbau, Papiererzeugung, Holzstoffindustrie, Schiffsbau, Erdöl- und Erdgasförderung, Baugewerbe, Forst und Tourismus. Das ist ein toller Strukturwandel, den die Menschen vor Ort erreicht haben.

Sie nennen unter anderem Schiffsbau und Öl, beides ist jedoch nicht ganz unproblematisch und krisengeplagt. Ist das nicht eher ein Grund zur Sorge? 

Nein, das ist kein Grund zur Sorge. Das Emsland hat gezeigt, wie es mit dem Strukturwandel umgehen kann. Viel wichtiger sind aber die Menschen. Die Frage lautet eher: Ist man in der Lage, die Menschen vor Ort flexibel aus- und fortzubilden – oder noch besser, diejenigen, die in anderen Städten studieren und international Erfahrungen sammeln, zurückzuholen. Die Frage lautet, ist das Emsland für solche jungen Menschen, die sich an neue Entwicklungen anpassen können, interessant genug? Diese Hausaufgabe gilt es permanent zu machen. Es geht darum, mit Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, über Netzwerke im Gespräch zu bleiben. Im Emsland gibt es viele spannende und attraktive Unternehmen. Ich wäre zum Beispiel nicht nach vielen Jahren Frankfurt zumindest partiell nach Osnabrück zurückgekehrt, wenn man sich nicht für mich interessiert hätte. Solche Netzwerke werden vielleicht noch nicht ausreichend gelebt. 

Ist man im Emsland zu sehr auf größere Unternehmen wie die Meyer-Werft oder Krone fokussiert? In der Automobil-Branche heißt es gerne: Wenn Audi in Ingolstadt schnupfen hat, hat die ganze Region eine ausgewachsene Grippe…

Es gibt im Emsland eine Branchenvielfalt, das macht die Region stark. Hinzu kommt, dass es kleine, mittlere und große Unternehmen gibt. Für Arbeitnehmer bedeutet das, sollte es in einem Unternehmen mal nicht mehr laufen, gäbe es die Möglichkeit, zu einem anderen auszuweichen. Von der Struktur her ist das gelungen, auf diesem Pfad muss man aber weitermachen. Und dabei ist es von großer Bedeutung, das Technologiethema nicht zu vergessen.

Zu dieser Technologie gehört Blockchain, Plattformökonomie, Onlinegeschäftsmodelle – die Liste ist lang. Was sticht hier in der Region heraus?

Zunächst muss man feststellen, dass das Emsland nicht von allgemeinen Entwicklungen, die alle Regionen oder Städte treffen, verschont bleibt. Beispiel: Einzelhandelsgeschäfte verschwinden und große Handelsketten übernehmen. Die Fußgängerzonen werden austauschbarer. Die Herausforderung besteht nun darin, diese Entwicklungen nicht einfach geschehen zu lassen, sondern offensiv zu reagieren. Die neuen Technologien wie Onlinehanel, aber auch Plattformen und Blockchain sind in hohem Maße geeignet, von den Unternehmen im Emsland angenommen zu werden. Wichtig ist, davor keine Angst zu haben. Das Internet bietet uns doch die Möglichkeit, von jedem Ort aus Geschäfte zu machen. Das ist für eine Flächenregion wie das Emsland eine Riesenchance. Daneben stellt sich die Frage, wie man von einer größeren Metropolregion profitieren kann. Das Emsland ist stark in Richtung Osnabrück oder auch Münster orientiert. Wie kann man da eine engere Zusammenarbeit hinbekommen?

Wenn man sich die vielen Trend-Themen anschaut, welcher ist für Sie der disruptivste?

Disruptiv, also zerstörerisch ist vor allem die schon angesprochene Digitalisierung. Wir sehen heute, dass sich unsere Arbeitswelt komplett verändert hat. Wir können überall arbeiten, egal wo unser Arbeitgeber sitzt. Wir sind Tag und Nacht erreichbar. Maschinen vernetzen sich. Wir sind auf dem Weg in Richtung Künstliche Intelligenz. Wer heute nicht in der Lage ist, sein Geschäft zu digitalisieren oder einen Onlinehandel zu schaffen, der kalkuliert sich aus dem Markt. Die Digitalisierung ist der Schlüssel zur Zukunft. Daneben haben wir Herausforderungen wie die Überalterung der Bevölkerung und die Frage, wie Unternehmen den Fachkräftemangel meistern und ausreichenden Zugang zu Nachwuchskräften bekommen. Da sind wir dann ganz schnell beim Thema: Geht das nur aus dem Bestand in Deutschland, oder muss Zuwanderung gefördert werden? Auch wenn das im Moment unter einem unguten Stern steht.

Braucht es entsprechend ein Zuwanderungsgesetz?

Ob man ein Gesetz braucht, weiß ich nicht. Ich glaube eher, dass sich schnell die Einsicht einstellt, dass es ohne Hilfe von außen nicht gehen wird. Laut einer PwC Studie werden bis 2030 in Deutschland etwa 4,5 Millionen Jobs nicht besetzt werden können. Jetzt kann man sagen: Hurra, Digitalisierung. Laut dieser Studie helfen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz jedoch nur die Hälfte der offenen Stellen zu besetzen. Dann bleiben immer noch über zwei Millionen Jobs, die nicht besetzt sind. Was tun? Wir werden uns fragen müssen, wie wir intelligente Menschen aus dem Ausland rekrutieren können. Diese Menschen werden nicht nur helfen, die offenen Stellen zu besetzen, sie werden auch helfen, unsere Renten zu finanzieren, was Maschinen bekanntlich nicht können.

Ist das Emsland in Sachen Digitalisierung/Künstliche Intelligenz gut aufgestellt?

Man kann generell sagen: Es muss mehr passieren. Das gilt nicht nur fürs Emsland. Wir haben überall das Thema Datengeschwindigkeit. Und insgesamt passen sich Unternehmen nicht immer schnell genug an technologische Entwicklungen an. Hinzu kommt, dass die Politik zu spät angefangen hat, Rahmenbedingungen für den laufenden Technologiewandel zu setzen. Naturgemäß ist die Großindustrie schneller unterwegs als das kleinere Unternehmen. Der Mittelstand denkt etwas länger nach, was bei allgemeinen betriebswirtschaftlichen Entscheidungen gut ist, bei diesem Thema aber fatale Folgen haben kann. Jeder Mittelständler muss sich beeilen, ein digitales Angebot zu schaffen, damit er bei seinen Kunden nicht irgendwann aus der Wertschöpfungskette herausfällt.

Nun sind unter anderem „Googlen“ und „Amazonisierung“ zu geflügelten Worten geworden. Wo bleibt da der deutsche Mittelstand?

Die erste Welle der Technologisierung, die Digitalisierung, hat Deutschland und auch Europa verschlafen. Der Zug ist abgefahren. Apple, Google, Microsoft, Facebook, Amazon heißen die amerikanischen Giganten und aus China grüßt Alibaba. Jetzt sich aus Europa oder Deutschland aufzuraffen und ein zweites Apple oder Google aufzubauen, ist zu spät. Es gibt aber eine große zweite Welle: Die Digitalisierung, die mit der Vernetzung von Maschinen zu tun hat. Industrie 4.0 ist das Stichwort. Da ist Deutschland als produzierende Industrienation sehr gut. Wir kennen uns mit Maschinen aus, wie Computer mit Maschinen kommunizieren und wie sich Maschinen untereinander vernetzten, wie man Bestellwesen automatisiert. Diese Thematik ist Deutschland auf den Leib geschrieben, da haben wir große Chancen.

Sie haben eben über Schnelligkeit gesprochen: Ist Deutschland da schnell genug? 

Schnell genug ist man nie. Man muss aber realistisch sein. Wir sind gerade erst Innovationsweltmeister geworden. Das heißt allerdings noch nicht viel. Wir können noch so viele tolle Erfindungen haben, wenn wir sie nicht in den Markt bringen, ist das ein Problem. Daher muss man Innovation noch mehr in Richtung Anwendbarkeit denken. Ideen müssen auch zu geschäftlichem Erfolg gebracht werden. Ist die Wirtschaft da zu verkopft? Den Eindruck hat man manchmal. Gerade in der Start-up-Szene. Man muss den Menschen frühzeitig beibringen, dass mit Innovation auch ein wirtschaftlicher Erfolg einher gehen muss.  

Ist der Mittelstand in dieser Hinsicht besser aufgestellt?

Ich glaube schon. Der Mittelstand ist fokussierter, weil er auch nicht die Forschungsmittel zur Verfügung hat, die wir in der Großindustrie finden. Was ich toll finde ist, dass der Mittelstand sehr viel stärker mit Instituten wie Fraunhofer, dem Max Planck Institut oder technischen Universitäten zusammenarbeitet. Das sieht man auch bei vielen Unternehmen im Emsland, die solche Kooperationen unterhalten. Beim Großkonzern entwickelt sich oftmals ein Eigenleben und man fragt sich ob Kosten und Nutzen von Innovation in einem sinnvollen Verhältnis stehen.

Für sie ist also die Kooperation und nicht der Einzelkämpfer die Zukunft?

Absolut. Man kann nicht mehr alles selber machen, dafür ist die Welt viel zu komplex und international geworden. Es braucht also eine Vernetzung und sogenannte Plattformen, das haben Unternehmen erkannt. Es wird hoffentlich immer Unternehmertum geben und einzelne kleine, große, mittlere Betriebe, die ihren Beitrag leisten. Aber der Netzwerkgedanke muss weiter ausgebaut werden. Durch Netzwerke in Deutschland, vielleicht auch in Europa, bekommt man gemeinsam so viel Kompetenz auf die Straße dass man auch in der Welt wettbewerbsfähig ist.

Stichwort Plattform: Amazon-Marketplace hat sich im Onlinehandel etabliert, es gibt Airbnb, Uber, Foodora. Wie kommt es, dass letztere nicht aus der Branche heraus gewachsen sind?

Technologie ist der Schlüssel zum Erfolg. Wenn ich ein Taxiunternehmen mit 10 Taxen habe, bin ich Transportunternehmen, kann einen Fuhrpark unterhalten, Menschen transportieren und Fahrer beschäftigen. Ich bin aber nicht unbedingt derjenige, der ein digitales Angebot schafft, um dem Kunden einen besseren Service zu bieten. Das ist ein gutes Beispiel dafür was passiert, wenn man die Digitalisierung verschläft. Dann machen es andere, wie Uber oder MyTaxi. Für den Bereich Finanzen steht diese Entscheidung noch aus: Sind Fintechs die Banken der Zukunft? Oder nur Plattformbetreiber und die Angebote machen weiterhin Banken? Bei all diesen Themen ist Kooperation und die Vernetzung von Kompetenzen der Schlüssel zum Erfolg.

Wir reden seit Jahren über Digitalisierung. Wird das Thema die nächsten 30 Jahre beherrschen oder gibt es schon das nächste am Horizont?

Die größte Revolution, die ich in meinem Leben erlebt habe, ist wahrscheinlich die Einführung des Internets mit all seinen Folgen. Was jetzt dazu kommt, sind Verfeinerungen. Die nächste Stufe, die dahinter liegt ist nicht abzusehen. Wird es eine neue Revolution? Und was bedeutet Künstliche Intelligenz? Während es bisher darum ging, wie Maschinen Menschen körperliche Arbeit abnehmen können, geht es jetzt darum, in welchem Umfang Maschinen den Menschen geistige Arbeit abnehmen. Maschinen lernen zu denken und sie erheben den Anspruch, fühlen zu können. Diese Entwicklungen benötigen Regeln und Rahmensetzungen.

Sind die Rahmenbedingungen heute entsprechend, dass diese digitalen Angebote Fuß fassen können?

Es braucht massive Anpassungen. Wir haben jetzt gerade die Datenschutzgrundverordnung mit Ach und Krach hinbekommen – und viele sehen den Aufwand und fragen nach dem Sinn. Wir brauchen in einer digitalen Welt, in der Maschinen zunehmend mit unseren Daten umgehen, Regeln. Wenn man das eine Stufe weiterdenkt in Richtung künstliche Intelligenz, dass Maschinen denken und Gefühle entwickeln wollen, dann stellt sich die Frage: Wer regelt den Einsatz von Maschinen? Nach welchen Grundsätzen entscheiden Unternehmen, ob sie Mensch oder Maschine einsetzen? Welche Rolle spielen ethische Grundsätze? Neben den rein rechtlichen Rahmenbedingungen, muss sich die Gesellschaft gerade darüber ganz dringend Gedanken machen. Wenn der Mensch zu bequem wird, besteht die Gefahr, dass er der Maschine zunehmend Aufgaben überlässt. Irgendwann merkt er nicht, dass er der Maschine die Kontrolle überlassen hat.

Sie haben beim Handruper Forum das Jahr 2050 als Referenzjahr der Zukunft genommen? Wo sehen sie dann die Stärken des Emslands?

Die Stärken der Region werden sich aus den Stärken der Menschen entwickeln und der Kernindustrie vor Ort. Das stimmt möglicherweise aber nicht 1:1 mit dem überein, was die Firmen heute machen. Ob Krone 2050 noch in der Zahl Sattelauflieger produzieren wird, weiß ich nicht. Sie werden aber in der Logistik weiter erfolgreich sein und möglicherweise fliegende Taxen oder Ähnliches bauen.

Vielleicht werden wir den Hyperloop made im Emsland sehen, der mit 1000 km/h Menschen von A nach B in einer Röhre transportiert. Übrigens hatte das Emsland in Form des Transrapids bereits den Vorläufer für den Hyperloop. Das Emsland wird in diesen technischen Bereichen eine Rolle spielen.

Müssen die Unternehmer in Zeiten der schnelllebigen Wirtschaft mutiger werden?

Ja, sie müssen mutiger werden, aber das steckt eigentlich schon im Begriff „Unternehmer“. Unternehmer sein heißt, Chancen wahrzunehmen und Risiken zu tragen. Wer das nicht möchte, ist in einem anderen Beruf besser aufgehoben. Was wir vielleicht lernen müssen, ist die Kultur des Scheiterns anzunehmen. Wenn beispielsweise ein Unternehmen strukturbedingt in die Insolvenz gerät, darf das nicht lebenslänglich als Makel der Beteiligten empfunden werden. Da können wir viel von den Amerikanern lernen.


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