Nach hitziger Diskussion und Kritik Carsten Primke ist neuer Vorsitzender der SPD Lingen

Meine Nachrichten

Um das Thema Lingen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Der neue Vorstand der SPD Lingen: (von links) Kai Borggräfe, Pierre Geraets, Carsten Primke, Jürgen Barenkamp, Charly Hengevoß, Ursula Schulze, Ralf Plaggenborg, dahinter Niels Schockemöhle, Corinna Janßen, Rene Esser und Siegfried Gebbeken. Foto: Mike RöserDer neue Vorstand der SPD Lingen: (von links) Kai Borggräfe, Pierre Geraets, Carsten Primke, Jürgen Barenkamp, Charly Hengevoß, Ursula Schulze, Ralf Plaggenborg, dahinter Niels Schockemöhle, Corinna Janßen, Rene Esser und Siegfried Gebbeken. Foto: Mike Röser

Lingen. Die SPD Lingen hat einen neuen Vorstand: Carsten Primke ist am Donnerstag in der Gaststätte Klaas-Schaper zum Vorsitzenden des nun elfköpfigen Gremiums gewählt worden. Vorausgegangen war eine hitzige Diskussion über die Geschehnisse im Ortsverein in den vergangenen Monaten.

Am Ende der fast dreistündigen Mitgliederversammlung stellte sich der neue Vorsitzende zum Schlusswort vor seine Genossen. „Der Ortsverein bleibt weiterhin in schwerem Fahrwasser“, sagte Primke. „Das lässt sich auch am heutigen Abend nicht lösen.“ Er wolle den Blick aber nach vorne richten. Dazu gehöre, die Vorbereitungen zur 100-Jahr-Feier im kommenden Jahr voranzutreiben, die bislang liegen geblieben waren.

Fokus auf Inhalte

Aber vor allem setze er auch auf inhaltliche Arbeit: Er sprach von einfachen Menschen, die sich in Lingen kein Haus mehr leisten könnten, von armen Pfandsammler an, die in der Politik thematisiert werden müssten. Oder auch vom nächsten SPD-Landesparteitag, bei dem es auch wieder mal einen Antrag aus Lingen geben dürfe. Nach der konstituierenden Sitzung solle damit begonnen werden.

Aussprache vor Wahl abgelehnt

Dass zuvor Diskussionsbedarf bestand, war schon zu Beginn deutlich geworden: Thomas Ahues, Ortsratsmitglied in Laxten, wollte einen von ihm gestellten Antrag vor der Wahl beraten haben. Thema: Eine Aussprache zum Bericht unserer Redaktion, in dem die im Januar gewählten und im Juni zurückgetretenen Jürgen Barenkamp (stellvertretender Vorsitzender), Charly Hengevoß (Kassierer) sowie Siegfried Gebbeken und Silvia Köttering (beide Beisitzer) äußerten, sie wollten nicht mehr unter dem Vorsitzenden Andreas Kröger mitarbeiten und diesen kritisierten. Ahues’ Antrag wurde mehrheitlich abgelehnt. Seine mehrfache Reaktion: „Ihr seid verrückt.“

Viele Rücktritte

In diesem Fahrwasser steuerte der 24-jährige Niels Schockemöhle die Versammlung – als kommissarischer Vorsitzender des Ortsvereins. Denn nicht nur Kröger (bei der Versammlung am Donnerstag nicht anwesend) war im Zuge der innerparteilichen Querelen im August zurückgetreten, sondern danach auch Schriftführerin Christina Thiele und zuletzt der zweite stellvertretende Vorsitzende Pascal Mounchid. Daraufhin wurde Schockemöhle zum kommissarischen Vorsitzenden – und der verbliebene Vorstand beschloss, bei der Mitgliederversammlung geschlossen zurückzutreten, um den Weg für eine neue Führungsriege frei zu machen.

Unmut über Umgang

Schockemöhle berichtete für den Vorstand und bat zur üblichen Aussprache. Diesen Moment nutzte Ahues dann doch noch aus, um seinen Unmut darüber zu äußern, wie die im Juni Zurückgetretenen mit Kröger umgegangen sind. Dies habe ihn bestürzt und fassungslos gemacht. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass Kröger ehrenamtlich aktiv war, Verdienste um die Partei habe und mitten im Berufsleben stehe. „Der nächste Vorsitzende muss erwarten, dass er wieder Messer in den Rücken bekommt“, sagte Ahues. Überall sei man gefragt worden, was denn in der Lingener SPD los sei.

„Wir geben ein lächerliches Bild ab.“Bernhard Bendick, SPD-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat und kommissarische Kassierer, Bernhard Bendick, pflichtete Ahues bei. Das Verhalten des Quartetts bezeichnete er als „unverschämt“: Jeder Einzelne sei von Kröger auf eine Mitarbeit im Vorstand angesprochen worden, jeder habe gewusst, wie er arbeite. Durch die Querelen „haben wir ein ganzes Jahr an Arbeit verloren“, betonte Bendick, der den Blick auf die schlechten Ergebnisse der SPD in Bayern lenkte und betonte, man dürfe kein Vakuum entstehen lassen, in das Parteien wie die AfD stoßen können. Bendick: „Wir geben ein lächerliches Bild ab.“

"Ich schäme mich ein bisschen dafür“

Der Kritik schlossen sich viele weitere Mitglieder an, auch Stadtrat Stefan Wittler: „Zu diesem Vorsitzenden kann man stehen, wie man will, aber wenn man mehrheitlich gewählt wird und nach 100 Tagen die Brocken hinwirft, weil man sich vielleicht auch nicht immer durchsetzt im Vorstand, dann ist das für mich undemokratisch. Ich schäme mich ein bisschen dafür.“

Barenkamp will Kritik so nicht gelten lassen

Barenkamp, der zurückgetretene stellvertretende Vorsitzende, begegnete der Kritik. Vor der Wahl im Januar sei er von mehreren, die sich zu diesem Zeitpunkt nicht erneut in den Vorstand wählen lassen wollten, gefragt worden, warum er sich das antue. Man höre doch wegen Kröger auf. Deshalb wolle er diese Kritik so nicht gelten lassen. „Wir sind unter anderen Voraussetzungen angetreten“, sagte Barenkamp.

"Wir wählen jetzt vernünftig einen Vorstand – sonst haben wir bald Ergebnisse wie in Bayern.“Edeltraut Graeßner, SPD-Ratsfrau

Nachdem die Diskussion hin und her wogte, war es Ratsfrau Edeltraut Graeßner, die zu innerparteilicher Geschlossenheit aufrief. „Es sind Gräben entstanden, aber wir sollten an dieser Stelle die Diskussion beenden und versuchen, in anständiger, demokratischer Form zu wählen“, sagte sie. „Wir sind der Ortsverein Lingen, und wir wählen jetzt vernünftig einen Vorstand – sonst haben wir bald Ergebnisse wie in Bayern.“

Klare Mehrheiten für die Kritisierten

Das taten die Sozialdemokraten; und es zeigte sich, dass die schwer kritisierten Zurückgetretenen doch viele Unterstützer haben: Barenkamp wurde mit klarer Mehrheit erneut stellvertretender Vorsitzender, Hengevoß kehrte ebenso auf den Posten des Kassierers zurück, und auch Gebekken setzte sich in einer Stichwahl als Beisitzer durch. Köttering war nicht anwesend und stand auch nicht zur Wahl.

„Es wurde behauptet, ich hätte den Sturz von Andreas Kröger betrieben. Das ist falsch.“Carsten Primke, neuer Vorsitzender

Auch der neue Vorsitzende Primke erhielt eine klare Mehrheit. Und auch er hatte es für notwendig gehalten, etwas vor der Wahl klarzustellen: „Es wurde behauptet, ich hätte den Sturz von Andreas Kröger betrieben. Das ist falsch.“ Er verhehlte nicht, dass er Kritik an dessen Arbeit geübt habe, dies habe er ihm aber im direkten Gespräch mitgeteilt. Das habe schlussendlich dazu geführt, dass er im Januar nicht wieder neben Kröger kandidiert hat. Denn er habe gewusst: „So geht es nicht weiter.“


So hat die SPD Lingen gewählt

Der SPD-Ortsverein Lingen hat nach eigenen Angaben derzeit 150 Mitglieder, davon 53 Frauen und 97 Männer. Der Altersdurchschnitt liegt bei 55 Jahren. Bei der Wahlversammlung im Gasthaus Klaas-Schaper in Lingen am 18. Oktober waren (zeitweise) 39 Mitglieder anwesend.

 Sie wählten einen komplett neuen Vorstand, der von neun auf elf Mitglieder vergrößert wurde. Dem Vorstand gehören an: Vorsitzender Carsten Primke (30 Ja-, 7 Nein-Stimmen, eine ungültig), 1. stellvertretender Vorsitzender Jürgen Barenkamp (29 Ja, 9 Nein), 2. stellvertretender Vorsitzender Niels Schockemöhle (38 Ja), Schriftführerin Ursula Schulze (32 ja, 4 Enthaltungen), stellvertretende Schriftführerin Corinna Janßen (29/6/2), Kassierer Charly Hengevoß (26/8/3), stellvertretender Kassierer Ralf Plaggenborg (29/4/4) und die Beisitzer Kai Borggräfe (31), Pierre Geraets (29), Rene Esser (25) sowie Siegfried Gebbeken, der sich in einer Stichwahl mit 20 zu 16 Ja-Stimmen gegen Roland Müller durchsetzte.

 Außer bei den Beisitzern hatte es für jeden Posten nur einen Kandidaten gegeben, da Niels Schockemöhle sich aus Zeitgründen (Beruf und Studium) weder als Kandidat für den Vorsitzenden noch für den 1. stellvertretenden Vorsitzenden aufstellen ließ.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN