Sinneswandel beim Verband Frei zugänglich: Aids-Hilfe Emsland bietet HIV-Tests für Zuhause

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Heimtests, die eine HIV-Infektion anzeigen, sind anderswo längst üblich. Seit Oktober gibt es sie nun auch in Deutschland. Foto: Julia MauschHeimtests, die eine HIV-Infektion anzeigen, sind anderswo längst üblich. Seit Oktober gibt es sie nun auch in Deutschland. Foto: Julia Mausch

Lingen. Heimtests, die eine HIV-Infektion anzeigen, sind anderswo längst üblich. In Deutschland wurde lange darüber diskutiert, seit Herbst gibt es sie nun unter anderem in Apotheken. Auch die Aids-Hilfe Emsland bietet den Test an. Der Verband bezeichnet es als "echtes Novum" – einen Sinneswandel.

Anfang der 1980er Jahre hatte Heiner Rehnen die Befürchtung, sich mit dem HIV-Virus infiziert zu haben. Der gebürtige Hagener, der seit Jahrzehnten in Lingen lebt, ging zum Arzt, ließ sich testen und hatte Glück. Rehnen war gesund. Doch es war ein Moment, der ihn zum Nachdenken brachte. Was wäre, wenn er positiv getestet worden wäre? An wen hätte er sich wenden können? "Gelinde gesagt: die Anlaufstellen waren überschaubar", erinnert sich der Sozialtherapeut. 

Heute, mehr als 30 Jahre später, gibt es in Lingen eine Anlaufstelle. Genauer gesagt: die Aids-Hilfe Emsland. Rehnen ist nicht nur eines der Gründungsmitglieder, sondern arbeitet hauptberuflich für den gemeinnützigen gut 30-köpfigen Verein. Im Emsland sowie seit kurzer Zeit auch in der Grafschaft Bentheim berät er Menschen mit Fragen zu HIV und Aids und zu anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. 

Jeden Tag sechs Neuinfizierte

Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts sind von den etwa 88.400 HIV-Positiven rund 12.700 Menschen unwissentlich infiziert. Rund 14 Prozent der HIV-Positiven sind also ahnungslos. Hinzu kommt, dass sich laut Heiner Rehnen jedes Jahr 2300 Menschen neu anstecken; sechs Erkrankungen pro Tag. Zwar gibt es gegen die HIV-Infektion heute wirkungsvolle Medikamente, die die Vermehrung des Virus im Blut verhindern, aus dem Körper entfernen können sie den Virus aber nicht. Jedoch ermöglichen die Medikamente, dass viele infizierten Menschen lange mit dem Virus leben, ohne an Aids zu erkranken.

Heiner Rehnen ist Sozialtherapeut bei der Aids-Hilfe Emsland. Foto: Bündnis 90/Die Grünen


Und genau da gibt es ein Problem, sagt Rehnen: "Viele Menschen erfahren die Diagnose erst nach fünf bis sechs Jahren." Die Gefahr, dann nicht die HIV- sondern die Aids-Diagnose zu erhalten, ist enorm groß. Jährlich gibt es 1000 neue Aids-Erkrankte.

Die Gründe für die späte Diagnose: "Sie scheuen sich, bei Ärzten einen Test zu verlangen, weil sie sch schämen oder fürchten, für ihr sexuelles Verhalten verurteilt zu werden. Oder aber sie schieben den Test vor sich her." Die Deutsche Aids-Hilfe würde deswegen inzwischen einen Heimtest, der diskret, anonym und ohne einen Arzt durchgeführt werden kann, begrüßen. 

Aids-Hilfe war erst skeptisch

Die Betonung liegt dabei auf inzwischen, denn noch vor Kurzem stand der Verband skeptisch gegenüber Heimtests. Eigenen Angaben nach lag der Grund dafür in der komplizierten Handhabung der damaligen Tests sowie der fehlenden Beratung. Die Befürchtung, dass Menschen mit einem positiven Ergebnis überfordert sind ist Verband zwar gegeben, Erfahrungen aus anderen Ländern haben aber gezeigt: Dramen bleiben aus.

Außerdem seinen die Tests heute leicht anzuwenden, sagt Rehnen – dank einer illustrierten Gebrauchsanweisung: Mit der Sicherheitslanzette in die Fingerkuppe stechen, einen Tropfen Blut gewinnen und auf das Stäbchen streichen, das anschließend in das Testgerät geschoben wird. Schon nach einer Viertelstunde ist das Ergebnis abzulesen. Jeder kann ermitteln, ob sich im eigenen Blut Antikörper gegen das Aidsvirus HIV gebildet haben – ob man HIV-positiv ist. 


Mit der Sicherheitslanzette in die Fingerkuppe stechen, einen Tropfen Blut gewinnen und auf das Stäbchen streichen. Schon nach einer Viertelstunde ist das Ergebnis abzulesen. Foto: dpa


Laut der deutschen Aids-Hilfe gibt es derzeit drei Tests auf dem Markt: der Autotest VIH von der Firma Ratiopharm, der Insti-Selftest der Firma Biolytical und der Exacto der Firma Biosynex4. Für den Letztgenannten hat sich der Verband entschieden und bietet diesen in den Beratungsbüros in Lingen und Nordhorn für einen Selbstkostenpreis von 16 Euro an, sagt Rehnen. 

Der Verbdand rät ab von günstigeren Tests, die nicht in Europa zugelassen sind, über das Internet bestellt werden können und nicht das CE-Kennzeichen tragen. Die Kontrolle der Qualität sei bei diesen nicht gewährleistet, auch nicht die Sensitivität. Sie ist wichtig, um ein genaues Ergebnis zu erhalten. "Die Sensitivität der deutschen Tests liegt bei über 99 Prozent, so gut wie keine HIV-Infektion wird übersehen", sagt Rehnen und betont, dass eine Infektion erst zwölf Wochen nach der Ansteckung nachweisbar ist.

Test wird Sonntag vorgestellt

Mit seinen Mitstreitern wird der Sozialtherapeut an diesem Sonntag, 21. Oktober 2018, von 11 bis 17 Uhr beim Aktionstag "Selbsthilfe in Bewegung - von Anfang an" im Bonifatius-Hospital in Lingen über die Aids-Hilfe informieren und dabei auch den Selbsttest vorstellen. Auch andere Gruppen sind an diesem Tag vor Ort, beispielsweise der Blinden- und Sehbehinderten-Verein Lingen, der Kontaktkreis Organtransplantierter oder die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Emsland.


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