Auch Schülerlotsen fehlen Autoclub Emsland sieht Elterntaxis als Gefahr für Kinder

Von Sven Lampe und Julia Mausch

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Immer mehr Eltern bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule. Das führt zu Verkehrschaos an den Schulen. Symbolfoto: dpaImmer mehr Eltern bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule. Das führt zu Verkehrschaos an den Schulen. Symbolfoto: dpa

Lingen. Jedes fünfte Kind wird einer Forsa-Umfrage zufolge mit dem Auto zur Schule gebracht. Meist ist es eine gut gemeinte Fürsorge – doch laut dem Lingener Werner Brink vom Automobilclub Europa (ACE) oftmals auch Bequemlichkeit. Nur ein Problem in Lingen: In der Stadt gibt es außerdem zu wenig Schülerlotsen.

Während in den 1970er-Jahren noch rund 90 Prozent der Grundschüler zu Fuß zur Schule gingen, sind es nach der Umfrage nur noch 37 Prozent. Das bringt mehrere Probleme mit sich: Viele Grundschulen beklagen, dass immer mehr Eltern ihre Kinder mit dem Auto bringen. Immer häufiger kommt es vor, dass Elternautos Schulbusse behindern oder mit Wendemanövern vor der Schule Kinder gefährden. Das weiß auch Werner Brink. Er ist Kreis-Vorsitzender vom ACE. Seit zwölf Jahren beteiligt er sich mit seinen Mitstreitern an Verkehrssicherheitskampagnen, veranstaltet diese in der Region. Sie belehren Gurtmuffeln eines Besseren, weisen auf die Gefahren vom Handy am Steuer hin oder prüfen, wie sich Autofahrer benehmen, wenn sie an Bushaltestellen vorbeikommen. So auch an Schulen.


Der Schulleiter in Holthausen findet es eine gute Idee, eine Art "Kiss- and Ride-Parkplatz" nahe der Schule zu bauen, wo die Eltern ihre Kinder verabschieden. Symbolfoto: dpa


Bei diesen Kontrollen in Lingen muss Brink immer häufiger feststellen, dass Kinder nicht zu Fuß, mit dem Bus oder dem Rad zur Schule kommen, sondern via Elterntaxi. „Sie werden mit dem Auto beinahe ins Klassenzimmer gefahren“, erinnert sich Brink an eine Situation an der Kiesbergstraße an der Friedensschule. Als schlimm empfinde er es an der Kardinal-von-Galen-Straße, wo sich neben den Berufsbildenden Schulen auch das Gymnasium Georgianum befindet. Autos würden morgens dort kreuz und quer parken, Schüler von der einen Straßenseite zur anderen laufen. Die Gefahr, beim Ein- und Aussteigen zwischen hohen Autotüren zu verunglücken, ist hoch. Situationen, die laut Brink für Kinder „gefährlicher sind, als wenn sie zu Fuß zur Schule gehen“. Nach Angaben der Deutschen Verkehrswacht steigt mit der Anzahl der Elterntaxis die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder im Auto verletzt werden.


„Dann werden die Schüler direkt zur Schule gebracht, und zu Hause bleibt mehr Zeit übrig.“ Werner Brink, Autoclub Europa


Warum werden so viele Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht? Brink meint, dass neben Fürsorge vor allem Bequemlichkeit eine Rolle spielt. Wenn Schüler aus den Ortsteilen mit dem Bus zur Schule fahren, endet die Fahrt zunächst am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Lingen. Dort müssen die Kinder umsteigen, je nachdem, zu welcher Schule zu wollen. Das ist mit lästiger Wartezeit verbunden. „Dann werden die Schüler direkt zur Schule gebracht, und zu Hause bleibt mehr Zeit übrig.“

Strafzettel im Osnabrücker Land

Einen Lösungsvorschlag für das Problem „Elterntaxi“ hat Brink nicht. Anders sieht es im Osnabrücker Land aus: In Westerkappeln wurden nun Schritte gegen Elterntaxis eingeleitet. Wer die Straße an Schulen blockiert und von der Polizei erwischt wird, muss 20 Euro Verwarnungsgeld berappen. Das ist seit April 50-mal geschehen – und dazwischen lagen sechs Wochen Sommerferien.

„Kiss an Ride“-Parkplatz in Holthausen?

Genug Parkplätze für alle Eltern gibt es selten vor Schulen. So auch nicht in Holthausen, teilt Schulleiter Kai Baumann mit. Auch dort gibt es Probleme mit Elterntaxis. Damit es aber nicht so weit kommen muss wie in Westerkappeln, hat der Schulleiter eine Idee: Er schlägt eine Art „Kiss an Ride“-Parkplatz vor, der sich in der Nähe der Schule befindet, aber nicht direkt angrenzt. Dort können Eltern ihre Schützlinge verabschieden, die letzten paar Meter müssen die Schüler alleine bewältigen. So hätten die Eltern ein Gefühl von Sicherheit, aber das Verkehrschaos vor dem Schulgebäude bleibt aus.

Im südlichen Emsland fehlen die Schülerlotsen. Symbolfoto: dpa


An etlichen Grundschulen im südlichen Emsland fehlen zudem Schülerlotsen, die für einen sicheren Schulweg sorgen. Ein Beispiel ist die Grundschule Holthausen: Dort fehlen aktuell zehn von 40 notwendigen freiwilligen Helfern. Vor Kurzem waren es noch 17 Schülerlotsen zu wenig. Charis Herzog, die sich seit 2012 um die Schülerlotsen in Holthausen kümmert, schlug bei Schulleiter Kai Baumann Alarm. In einem Elternbrief und bei Elternabenden schilderte der Schulleiter die Situation und appellierte an die Eltern der 136 Holthauser Schüler, sich verstärkt zu engagieren.

Situation eskaliert

Vor den Herbstferien eskalierte die Situation. Herzog kündigte an, den Schülerlotsendienst vorerst einzustellen, da die beiden fraglichen Lotsen-Standorte nicht mehr verlässlich besetzt werden könnten. „Ich habe mich lange dagegen gesträubt, letztlich aber als Rückendeckung für die Schülerlotsen zugestimmt“, sagt Baumann.

Ausgedünntes Angebot

In diesen Tagen, kurz vor Wiederbeginn des Unterrichtes am Montag, hat sich die Situation in Holthausen etwas entspannt. Sieben Eltern haben sich motivieren lassen und erfolgreich an einem Ausbildungslehrgang der Verkehrswacht teilgenommen. Mit nunmehr 30 Ehrenamtlichen, darunter eine engagierte Rentnerin, soll es Herzog zufolge nun zumindest einen ausgedünnten, aber dennoch verlässlichen Lotsendienst geben. Ausfallen müssten zunächst die Mittagsschichten dienstags und mittwochs, bedauert Herzog: „So richtig befriedigend ist das nicht“.

Eine mögliche Alternative beziehungsweise Ergänzung zu den Schülerlotsen könnte der so genannte „Walking Bus“ sein. Symbolfoto: dpa



Ganz neu ist das Problem nicht. „Es wird Jahr für Jahr schwieriger, Freiwillige zu finden“, sagt Herzog. Die Gründe liegen für sie auf der Hand: Immer mehr Leute gehen arbeiten, arbeiten immer länger und sind insbesondere morgens im Stress. Ein Eindruck, den Schulleiter Baumann teilt: „Das ist mehr ein gesellschaftliches Problem durch berufliche Anforderungen und einen hektischen Alltag als ein Nicht-Wollen“. In seiner Not hat Baumann sich jetzt an den Ortsrat in Holthausen gewandt. Eine Antwort des Gremiums steht noch aus.


„Alle Eltern finden die Idee toll, letztlich heißt es aber: ohne mich. Und dann führen sie sämtliche Verteidigungsstrategien an“Heinrich Alfers, Verkehrswacht Lingen


Auch Heinrich Alfers kann ein Lied davon singen, wie schwierig es ist Schülerlotsen zu finden. Seit vielen Jahren engagiert sich der pensionierte Polizeibeamte bei der Deutschen Verkehrswacht, bildet dort Schülerlotsen aus. „Alle Eltern finden die Idee toll, letztlich heißt es aber: ohne mich. Und dann führen sie sämtliche Verteidigungsstrategien an“, sagt Alfers: „Aber diejenigen, die dann mitmachen, sind alle begeistert.“ Der jüngst abgeschlossene Lehrgang ist Alfers zufolge mit 34 Absolventen der größte jemals in der Region gewesen.

Aufwand überschaubar

Der Aufwand, sich zum Schülerlotsen ausbilden zu lassen, ist überschaubar. An drei Abenden bekommen die Teilnehmer die das notwendige Wissen vermittelt und legen eine Prüfung ab. Wer seine Prüfung abgelegt hat, sei als Schülerlotse über die Verkehrswacht versichert, sowohl für sich selbst als auch gegen mögliche Schadensansprüche Dritter, so Alfers.

Alternative "Walking Bus"

Eine mögliche Alternative beziehungsweise Ergänzung zu den Schülerlotsen könnte der so genannte „Walking Bus“ sein. Dabei sammeln je nach Gruppengröße ein oder mehrere Erwachsene zu Fuß unterwegs Kinder ein und begleiten die größer werdende Gruppe zur Schule und zurück. Das sei ein Ansatz, über den es sich zumindest nachzudenken lohne, sind sich Alfers, Baumann und Herzog einig.


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