Jeden Freitag von 15 bis 18 Uhr Lingener Aphasiker-Selbsthilfegruppe trifft sich seit 30 Jahren

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In der Aphasie-Selbsthilfegruppe Lingen fliegen auch schon einmal die Karten. Es wird Doppelkopf und Skat gespielt. Einige der Kartenspieler können einen Arm nicht oder nur sehr schlecht bewegen. Kartenhalter aus Holz ermöglichen es ihnen, mit der gesunden Hand die Karten schwungvoll auszuspielen. Auch Sitzgymnastik gehört zu den regelmäßigen Gruppentreffen. Foto: Wilfried RoggendorfIn der Aphasie-Selbsthilfegruppe Lingen fliegen auch schon einmal die Karten. Es wird Doppelkopf und Skat gespielt. Einige der Kartenspieler können einen Arm nicht oder nur sehr schlecht bewegen. Kartenhalter aus Holz ermöglichen es ihnen, mit der gesunden Hand die Karten schwungvoll auszuspielen. Auch Sitzgymnastik gehört zu den regelmäßigen Gruppentreffen. Foto: Wilfried Roggendorf

Lingen. Menschen, die einen Schlaganfall oder ein Schädel-Hirn-Trauma erleiden, verlieren häufig ihr Sprachvermögen, ganz oder teilweise. Das Krankheitsbild nennt sich Aphasie. Seit 30 Jahren existiert in Lingen die von Gerda Siebert gegründete Selbsthilfegruppe „Aphasiker Lingen“, die sich jeden Freitagnachmittag im Saal der lutherischen Johanneskirchengemeinde im Strootgebiet trifft.

„Kaum jemand weiß, was Aphasie ist. Nicht einmal unser Hausarzt kannte den Begriff“, erinnert sich Hannelore Ostholthoff. Nachdem ihr Mann einen schweren Schlaganfall hatte, konnte er zunächst kein Wort mehr sprechen. Über ein anderes Gruppenmitglied hatte Ostholthoff von der Selbsthilfegruppe erfahren und ist mit ihrem Mann beigetreten. Selbst jetzt noch, nachdem ihr Mann verstorben ist, geht sie regelmäßig hin. „Ich komme gern. Man kann sich aussprechen“, erklärt sie ihr Zugehörigkeitsgefühl.

Nicht Patient, sondern Betroffener

Die Gruppe macht es sich gemütlich im Saal der Johanneskirchengemeinde. Kuchen Kaffee stehen auf dem  Tisch, und jeder begrüßt jeden mit Handschlag. Langjährigstes Mitglied ist Christel Weber, gemeinsam mit Siebert Gründungsmitglied; das neueste Mitglied des Vereins kommt seit vier Wochen hinzu. „Wir sind immer rund 30 aktive Mitglieder, altersmäßig in der zweiten Lebenshälfte“, sagt Siebert. Aktuell sind die Jahrgänge 1928 bis 1949 vertreten. Allerdings kann jeder Mensch in jedem Alter einen Schlaganfall erleiden und damit zu einem Betroffenen werden. „Wir sagen nicht Patient, sondern Betroffener“, betont die Gründerin des Selbsthilfekreises.

Aufruf der Kirchengemeinden

Siebert selber ist keine Betroffene, hatte auch keinen nahen Angehörigen, der betroffen war. Ende der 1980er-Jahre habe es in Lingen und Umgebung gerade einmal einen Logopäden gegeben: Norbert Niers, der inzwischen im Ludmillenstift in Meppen praktiziert. „Das Gebiet hier war ein weißer Fleck, was das Thema betraf, und die Menschen kamen aus dem Krankenhaus und hatten keine Anlaufstelle“, erinnert sich Siebert. Es habe einen Aufruf der Kirchengemeinden gegeben, ob jemand bereit sei, etwas für Aphasiker zu tun, erzählt die tatkräftige Frau aus Lingen-Biene weiter. Da zu der Zeit ihre Kinder aus dem Haus gewesen seien, habe sie sich der Aufgabe angenommen. Als eine von sechs Aphasikern sei dann Christel Weber dazugekommen, und so gründeten die sieben Leute den Verein „Aphasiker Lingen“. „Worauf haben wir uns jetzt eingelassen?“, hätten sie sich gefragt. „Aber wir haben in all den Jahren nie etwas Negatives erfahren.“

Angebot hat sich herumgesprochen

Zu Anfang besuchte Gerda Siebert Betroffene zuhause, später etablierte sich der Raum in der Johanneskirchengemeinde als Treffpunkt. „Seit 30 Jahren nutzen wir hier den Saal mit der Küche, Heizung, Spülmaschine und so weiter, und das kostenlos“, dankt sie der Gemeinde, in deren Räumen sich die Aphasiker jeden Freitag von 15 bis 18 Uhr treffen. „Unser Angebot hat sich herumgesprochen. Die Krankenhäuser schickten Leute, und so wurden wir immer mehr“, erzählt Christel Weber, die inzwischen ihr Sprachvermögen vollständig wiedererlangt hat. Begleitet wird sie stets von ihrem Mann Herbert, der Kassenwart des Vereins ist.

Die „Aphasiker Lingen“ treffen sich jeden Freitagnachmittag im Gemeindesaal der Johanneskirchengemeinde. Jeder Betroffene ist willkommen. Foto: Christiane Adam


Die Mitglieder wissen die freundschaftliche Atmosphäre untereinander zu schätzen. „Die Leute, die hier sind, wissen, dass ich Sprachschwierigkeiten habe, und jeder wartet, bis ich zuende gesprochen habe“, erklärt Karl Schmidtfrerick aus Lingen. „Ich finde es hier ganz wunderbar. Ich habe hier so viel gelernt“, ergänzt Hermann Kramer aus Lingen, der seinen Schlaganfall 1984 hatte. „Wir sind wie eine große Familie, wir erzählen ganz viel“, freut sich das Ehepaar Thien, das die Strecke aus Salzbergen sogar mit dem Fahrrad zurücklegt. Weitere Mitglieder wohnen in Beesten, Spelle, Haselünne. Gern unterhält man sich auch auf Platt.

Keine Zwänge

Vor dem Essen wird gesungen, etwa, wenn jemand Geburtstag hat. Kartenspiele, bei denen Zahlen und Farben trainiert werden, Gymnastik, Gedächtnistraining und mehr sind feste Bestandteile der Treffen. Besondere Anlässe sind gemeinsame Ausflüge mit Boßeln, Essengehen, Sommerfeste, Kino- oder Freilichttheaterbesuche. Ganz wichtig: „Wer reden will, wird nicht unterbrochen. Wer weinen will darf weinen, wer lachen will, lachen, und wer seinen Namen nicht sagen kann, wird nicht ausgelacht. Wer 'stopp' sagt, muss nicht weitermachen“, erläutert Siebert.

"Wir können Mut machen"

Allerdings: „Der Wille muss da sein, sonst klappt es nicht!“, unterstreicht Christel Weber, die dies aus eigener Erfahrung bezeugen kann. „Wir können niemandem die Sprache wiedergeben, aber wir können Mut machen, zu seiner Sprachstörung zu stehen und selbstbewusster zu werden damit“, fasst Siebert die Zielsetzung der Selbsthilfegruppe, die am 19. Oktober ihr 30-jähriges Bestehen feiert, zusammen.


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