Interview mit Leiter Frank: Erdgaskraftwerk in Lingen ein Rückgrat der Energiewende

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Im Jahr 2010 ist die GuD-Anlage (Gas- und Dampfturbinen-Anlage) Block D des Erdgaskraftwerks mit einer Leistung von 887 Megawatt an der Schüttorfer Straße in Betrieb genommen worden. Foto: RWE/KramerIm Jahr 2010 ist die GuD-Anlage (Gas- und Dampfturbinen-Anlage) Block D des Erdgaskraftwerks mit einer Leistung von 887 Megawatt an der Schüttorfer Straße in Betrieb genommen worden. Foto: RWE/Kramer

Lingen. Mit dem weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien und dem Wegfall konventioneller Kraftwerkskapazitäten wie die der Kernkraftwerke wird die Rolle des Erdgaskraftwerkes in Lingen immer wichtiger. Dies hat der Leiter Hartmut Frank im Interview mit der Redaktion unterstrichen. Der Harener leitet gleichzeitig das Steinkohlekraftwerk in Ibbenbüren/NRW.

Herr Frank, im Zusammenhang mit der Diskussion um die Versorgungssicherheit beim Strom ist immer wieder vom „Kapazitätsmarkt“ die Rede, mit dem die Gefahr eines totalen Stromausfalls reduziert oder vermieden werden kann. Wie konkret ist denn eigentlich eine solche Gefahr?

Der Anteil der Erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung nimmt laufend weiter zu. Von Natur aus ist die Einspeisung dieser Erzeuger aber schwankend. Damit steigen die Belastung des Stromnetzes und die Notwendigkeit und Häufigkeit von Eingriffen der entsprechenden Netzbetreiber, um die Netze stabil halten zu können. Für die Netzbetreiber ist wichtig, auf konventionelle Kraftwerke, zurückgreifen zu können. Diese Kraftwerke können flexibel und schnell eine gesicherte Leistung zur Verfügung stellen. 

Welche Rolle können die Blöcke des Erdgaskraftwerkes Emsland in Lingen in diesem Kapazitätsmarkt spielen?

Gerade das Erdgaskraftwerk ist ein wichtiger Baustein für die Stromversorgung und -erzeugung im Nordwesten Deutschlands. Der moderne Gas- und Dampfturbinenblock und die modernisierten Kombiblöcke bieten die besten Voraussetzungen, um ein flexibler Partner im Rücken der Erneuerbaren Energien zu sein. Wir sind sogar in der Lage, das Stromnetz bei Ausfällen von Lingen aus neu mit aufzubauen und zu stabilisieren. 

Wie stark war das Gaskraftwerk im Jahr 2017 im Vergleich zu den Vorjahren ausgelastet?

Das Erdgaskraftwerk hatte in den Jahren 2014 und 2015 stark mit den Marktpreisen für Strom und den Rohstoffpreisen für Gas zu kämpfen. Die Auslastung der Blöcke war in diesen Jahren nicht gut. Dieser Umstand zerrte an den Nerven aller Beteiligten. Die Einspeisemengen lagen in 2017 aber erfreulicherweise deutlich über den Werten der Vorjahre. Mit der produzierten Strommenge von 4.259 Gigawattstunden haben wir in 2017 umgerechnet die Versorgung von über 1,2 Millionen Haushalten sicherstellen können. 

Welche Perspektiven sehen Sie für die Anlage in den nächsten Jahren?

Konventionelle Kraftwerke wie unser Erdgaskraftwerk Emsland bilden das Rückgrat der Energiewende. Die Blöcke des Erdgaskraftwerks werden perspektivisch einen immer wichtigeren Part in den Reihen der Backup-Kapazitäten einnehmen. Auch in diesem Sommer haben wir mit Hilfe unserer flexiblen Fahrweise und schnellen Verfügbarkeit die Einspeisung der Erneuerbaren Energien ausgeglichen, wenn beispielsweise der Wind nicht wehte. Das konstant gute Wetter hatte nämlich teilweise auch eine Windflaute mit im Gepäck. Wir sind und bleiben damit flexibler Partner der Erneuerbaren Energien in der Region. Die Rolle des Erdgaskraftwerkes wird in den kommenden Jahren mit dem weiteren Ausbau der Erneuerbaren und dem Wegfall konventioneller Kraftwerkskapazitäten wie beispielsweise die der Kernkraftwerke immer wichtiger werden.

 Welche Ausbildungsberufe bieten Sie am Kraftwerksstandort Lingen an? 

Wir bilden am Kraftwerksstandort Lingen Mechatroniker und Elektroniker für Betriebstechnik aus. Für die Vermittlung aller Grundkenntnisse verfügen wir über eine kraftwerkseigene Ausbildungswerkstatt. Seit Beginn unserer Ausbildung im Jahre 1982 haben bereits über 250 junge Menschen hier ihr Handwerk gelernt. Besonders stolz sind wir auf die Erfolgsquote unserer Ausbildung, denn bisher haben alle Auszubildenden am Kraftwerksstandort ihre zentrale Abschlussprüfung bestanden. Sie finden sich auch regelmäßig unter den Jahrgangsbesten wieder. Die Bewerbungsphase für das Ausbildungsjahr 2019 ist gerade beendet. Die eingereichten Bewerbungen überschreiten auch in diesem Jahr bei weitem wieder die zur Verfügung stehenden zehn Ausbildungsplätze.

 


Interviewpartner der Redaktion: Hartmut Frank, Leiter des Erdgaskraftwerkes in Lingen. Foto: Helmut Kramer


Welches Anforderungsprofil erwarten Sie von Bewerberinnen und Bewerbern?

Unsere potentiellen Auszubildenden sollten Interesse an technischen Aufgabenstellungen mitbringen. Wenn sie in der Schule bereits Freude an den naturwissenschaftlichen Fächer haben, dann ist meistens auch bereits ein gutes Grundverständnis für Technik bei den Bewerberinnen und Bewerbern vorhanden. In der Ausbildungswerkstatt lernen und arbeiten alle Ausbildungsjahrgänge zusammen. So bereiten sie sich auf die Einsätze in den Anlagen vor. Dazu müssen sie teamfähig sein, und deshalb ist das bei der Auswahl der Bewerber unter anderem ein wichtiges Kriterium für uns.

 Sie leiten gleichzeitig das Steinkohlekraftwerk in Ibbenbüren, wo ab Ende des Jahres keine Kohle mehr gefördert werden wird. Wie hat sich das Werk darauf vorbereitet?

Genau, das Bergwerk der RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH stellt den Betrieb zum Ende des Jahres ein. Mit der Umstellung des Kraftwerks auf auswärtige Steinkohle, so genannte Weltmarktkohle, stellen wir die Weichen für die Zukunft des Kraftwerks in Ibbenbüren. Mit den Planungen dazu haben wir bereits im Jahr 2011 begonnen. Grundlage für die Umstellung ist eine Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz. Seit dem Erhalt dieser Genehmigung in 2013 haben wir die Verstromung der Weltmarktkohle erfolgreich getestet. Außerdem bauen wir einen neuen Bahnentladebunker für die ankommende Kohle. Dieser ist wichtig für die Versorgung des Kraftwerks mit dem Brennstoff. Für die Kohleförderung zum Kraftwerk werden wir die ehemalige Zechenbahn als neuer Betreiber übernehmen.

Zwei Kraftwerke, eine Leitung – ein persönlicher Kraftakt für Sie?

Ich freue mich persönlich sehr darüber Verantwortung am Erdgaskraftwerk in Lingen übernehmen zu dürfen. Meine berufliche Laufbahn bei der RWE habe ich 1992 am Erdgaskraftwerk in Meppen begonnen. Ich kann somit seit einigen Monaten meine beruflichen Wurzeln mit meiner Tätigkeit am Steinkohlekraftwerk in Ibbenbüren verknüpfen. Sowohl in Lingen als auch in Ibbenbüren arbeite ich mit hochqualifizierten und hochmotivierten Teams zusammen. Die Professionalität aller Kolleginnen und Kollegen an beiden Standorten beeindruckt mich sehr. Von daher ist es weniger ein Kraftakt, sondern mehr der Stolz, mit den beiden Kraftwerken die Stromversorgung der Regionen zu sichern. 


Hartmut Frank

Hartmut Frank ist 53 Jahre alt, verheiratet und wohnt mit seiner Familie in Haren. Nach der Ausbildung zum Betriebsschlosser bei den Nordwestdeutschen Kraftwerken (NWK) nahm Frank ein Maschinenbaustudium mit dem Schwerpunkt Energietechnik an der Fachhochschule in Wilhelmshaven auf. Sein beruflicher Einstieg erfolgte im Jahr 1992 bei der RWE als Ingenieur am Kraftwerksstandort Meppen/Ibbenbüren. 2004 übernahm er die Leitung des Steinkohlekraftwerks in Ibbenbüren. Seit dem 1. März 2018 leitet Frank das Erdgaskraftwerk Emsland in Lingen und das Kraftwerk in Ibbenbüren in Personalunion.

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