Konzert am 7. Oktober in Lingen Niedecken: Wir waren auch immer eine politische Band

Von Johannes Franke

Meine Nachrichten

Um das Thema Lingen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Wolfgang Niedecken tritt mit BAP am 7. Oktober  in  der Emslandarena in Lingen auf. Foto: Gerog WendtWolfgang Niedecken tritt mit BAP am 7. Oktober in der Emslandarena in Lingen auf. Foto: Gerog Wendt

Lingen. Die Stadt Lingen und das Konzert vom November 2016 in der Emslandarena sind Wolfgang Niedecken noch in guter Erinnerung, Nun tritt er mit seiner Band BAP sehr zur Freude vieler älterer und jüngerer Fans am Sonntag, 7. Oktober 2018, wieder auf. Im Interview sprach der Musiker über Privates, scheinbar freie Zeit und natürlich über die jetzige Tournee.

Dein neues Album heißt: „Das Familienalbum - Reinrassije Strooßekööter". Wie wichtig ist dir die Familie?

Niedecken: Ohne Familie wäre ich vollkommen aufgeschmissen. Ich bin keiner von der Sorte, der ständig irgendwelche Familienfeten anberaumt. Meine Frau sagte mal: „Der Wolfgang hat es am liebsten, wenn alle da sind und ihn in Ruhe lassen. Die Antwort meiner Frau entspricht in etwa der Wahrheit. Aber ich glaube, so sind viele Männer. Aber es ist schon gut, Zuneigung zu spüren.

14 Songs sind auf dem Album und der siebte Titel lautet: „Für ´ne Fründ“. Ist das ein ganz spezieller oder kann der Inhalt auch übertragen werden?

Niedecken: „Für ´ne Fründ“ ist für dieses Album neu arrangiert worden. Geschrieben habe ich ihn 1984, und er handelt vom Rhein. Der angesungene Freund ist der Rhein, mit dem ich ganz viele Familiengeschichten verbinde. Als kleiner Junge bin ich mit meinen Eltern und mit meinem großen Halbbruder zum Campen an den Rhein gefahren, habe gebadet, obwohl der Fluss fast umgekippt war. Die Wasserverschmutzung war damals immens. Ich kann heute überhaupt nicht mehr verstehen, dass wir uns da rein getraut haben. Furchtbar. Die Geschichte, die ich in dem Song erzähle, ist die von einem Tournee-Tag in der Schweiz. Ich bin damals vor dem Soundcheck noch mit meinem Hund an einem begradigten Wasserlauf spazieren gegangen und plötzlich stand dann dort, in der Stadt Chur, eingemeißelt in einen Felsen, dass das der Rhein war. Da habe ich schon sehr gestaunt und dann meinen Assoziationen freien Lauf gelassen. Das Stück haben wir auf dieser Tournee nur sehr selten gespielt, quasi bei den ersten Auftritten, weil sich andere Stücke reingedrängt haben, die besser passten. Aber ich mag den Song sehr gerne und erfreulicherweise gibt‘s eine schöne Fassung auf dem Familienalbum.


BAP ist eine Kölschrockband um den Frontmann Wolfgang Niedecken (rechts) und eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Rockbands. Foto: Ralf Jürgens/dpa


„Niedeckens BAP - Live und Deutlich“ heißt die jetzige Tournee. Eindeutig zweideutig oder doch sehr eindeutig im Hinblick auf die gegenwärtigen Situationen, die wir nun leider Gottes in Deutschland haben, unter anderem in Chemnitz.

Niedecken: Genau richtig! Gerade in den letzten Jahren, wo sich die ganzen Populisten weltweit an die Macht drängen oder schon an die Macht gekommen sind, muss man deutliche Worte finden. Wir waren immer auch eine politische Band. Wir waren zwar keine Politrockband, aber eine politische, die auch solche Stücke in Konzerten spielt. Bevor wir zu den Zugaben kommen und in die Zielgerade einbiegen, wird’s am deutlichsten. Es wird aber keine politische Veranstaltung, jedoch ist eine deutliche Stellungnahme schon gefordert. Man muss den Finger in die Wunde in der heutigen Zeit legen.

Du bis in den USA gewesen, in New Orleans, wo das Album aufgenommen wurde.

Niedecken: Im vergangenen Jahr bin ich zweimal dort gewesen. Das erste Mal zum Aufnehmen dieses Albums und das zweite Mal für die fünfteilige arte-Serie „Dylan’s Amerika“. Die amerikanischen Musiker, mit denen ich 2012 in Woodstock gearbeitet hatte, hatten dermaßen von New Orleans geschwärmt, dass ich gesagt habe: „O.k., das nächste Solo-Album nehmen wir in New Orleans auf.“ Die Idee für den Arbeitstitel war damals schon vorhanden. Im Mai in New Orleans zu sein und Musik machen zu dürfen ist schon ein großes Privileg. Wir haben die Besetzung noch ein bisschen aufgestockt mit Musikern aus New Orleans und zwar einer Bläsersektion, einem Akkordeonspieler und einem Perkussionisten. Es hat jedenfalls unglaublich viel Spaß gemacht. Die Stadt atmet einfach Musik. Ein unglaublich positives Flair herrscht dort, Musik an allen Ecken und Kanten. Eine bunte, lebensfrohe, tolerante Stadt. Ich bin wirklich sehr in New Orleans verschossen und muss sagen: Wann immer ich eine Gelegenheit haben werde nach New Orleans zu kommen, werde ich sie nutzen.

„Hungry Heart“ hast du mit dem Boss, mit Bruce Springsteen gespielt. Wie hungrig ist das Herz noch?

Niedecken: Heißhungrig, nach wie vor. Ich bin eine Art Universal-Dilettant und erfreue mich an allem Möglichen. Ich bin sehr neugierig, lese viel, schaue mir viele Dokumentationen an und ich finde unseren Planeten einfach unheimlich interessant und vor allem bewahrenswert.

Kölsch ist deine Sprache. Geht’s mit dem Dialekt ein bisschen den Rhein runter?

Niedecken: Das ist ja leider überall so. In manchen bayrischen Gegenden wird der dortige Dialekt noch so gesprochen, wie ich das vergleichsweise als Kind in Köln erlebt habe. Aber wo kein mundartlicher Alltag mehr stattfindet, wie soll dann da die Sprache weiterleben? Bei uns Zuhause passe ich nicht immer drauf auf, ob ich gerade Hochdeutsch oder Kölsch rede. Meine Frau kommt zwar aus Bayern, versteht aber Gott sei Dank Kölsch perfekt. Ich bin der Einzige in unserem Hause, der Kölsch als seine Muttersprache bezeichnen kann. Die Anderen verstehen mit unterschiedlichen Abstufungen, je jünger meine Kinder sind, desto weniger können sie Kölsch sprechen. Sie fragen dann schon mal die Mama, was der Papa gerade gesagt hat.

Ist übrigens auch der einzige Dialekt, den man trinken kann. Ich bin mit Kölsch aufgewachsen. Hochdeutsch war meine erste Fremdsprache. Im Alter von sechs Jahren lernte ich Deutsch, als ich eingeschult wurde.

Sein neues Album präsentiert Wolfgang Niedecken mit BAP am 7. Oktober 2018 in der Emslandarena. Foto: Tina Niedecken


Wenn du einmal 50 Jahre Revue passieren lässt. Wo gab es Höhepunkte, wo auch Tiefschläge?

Niedecken: Die größte persönliche Niederlage war das Desaster, als meine erste Ehe gescheitert ist. Ganz klar: Das ist nichts, was man auf die leichte Schulter nimmt. Gott sei Dank haben wir das alles irgendwie hingekriegt. Aber ein Ruhmesblatt ist das nicht, wenn man eine Familie gegründet hat und feststellen muss, dass es keinen Sinn mehr hat. Das ist keine schöne Erkenntnis. Ansonsten freue ich mich, dass ich seit über 40 Jahren mit meinem Hobby Geld verdienen und meine Familie ernähren kann. Das darf man nie vergessen, auch bei allen Schwierigkeiten, die man im Laufe dieser Jahrzehnte zu bewältigen hatte. Ich kann wirklich sagen, dass ich ein unglaubliches Glück gehabt habe, mein Leben so verbringen zu dürfen. In der Beziehung bin ich wirklich privilegiert.

Am Sonntag, 7. Oktober, spielt ihr in der Lingener Emslandarena. Worauf dürfen sich die Fans, die Besucher freuen?

Niedecken: Auf ein lebhaftes Programm mit einer interessanten Bühnendekoration und vielen Projektionen. Es kommt garantiert keine Langeweile auf. Außerdem ist die Bläsersektion von der „Sing meinen Song“-Band bei der Tournee dabei. Der Sound wurde irgendwie aufgefrischt, denn mit den drei neuen Bläsern haben wir ja auch drei neue Farben auf der Palette. Da kann man auch alten Songs neu auf die Sprünge helfen. Bei den ersten zehn Konzerten vor der WM war ich selbst überrascht, wie gut das funktioniert hat. Fans haben uns geschrieben, dass wir unbedingt davon ein Live-Album herausbringen müssen. Diese Tournee müsse auf jeden Fall konserviert werden. Und jetzt sieht’s so aus, dass das Album am ersten Freitag nach der Tour erscheinen wird. Wir werden den Besuchern ein unvergessliches Konzert bieten, an das sie noch lange denken werden.

Von spielfreier Zeit im letzten Jahr war zu lesen. Wie darf man sich freie Zeit vorstellen?

Niedecken: Ganz so frei war das nicht, und das wird das nächste Jahr auch nicht sein. Ich bin halt ein sehr interessierter Mensch und somit wird keine Langeweile aufkommen können. Ich hoffe, dass ich im nächsten Jahr einmal zu einigen Sachen kommen werde, die ich immer schon erledigen wollte. Wir haben ein Haus in der Eifel, wo wir ewig nicht mehr waren, und ich muss auch mehr mit meinen Söhnen unternehmen, die ich manchmal aus den Augen verliere. Sind halt erwachsene Männer. Aber ich muss die gesamte Familie ein bisschen mehr pflegen. Das ist einfach so. Ich habe allerdings oft in Berlin zu tun und somit sehe ich unsere Töchter dort mindestens einmal im Monat, oder wir treffen uns alle in Köln.


Wolfgang Niedecken war erst am 26. September in der ARD-Talkshow Maischberger im Fernsehen. Foto:xC.xHardtx/xFuturexImage


Woher schöpfst du deine Energie, deine Kraft?



Niedecken: Ich bin halt mit einem ziemlichen Gestaltungswillen gesegnet und lebe eigentlich immer auf die Tourneen hin. Ich habe in den 70’ern Malerei studiert, doch das ist leider ins Hintertreffen geraten. Wenn ich jetzt auch noch als Maler professionell weiterarbeiten wollte, dann würde mir der 24-Stundentag einfach nicht ausreichen. Jedenfalls wird es mir nie langweilig.

Wie stellst du das Programm zusammen?

Niedecken: Man könnte resignierend sagen, die Leute wollen sowieso immer nur die alten Sachen hören, deshalb spielst du auch die alten Hits, jede Tour dieselben Songs. Aber das wäre mir zu langweilig. Das würde meiner Lebensqualität nicht dienlich sein. Somit gibt es eine Mischung aus alt und neu, und die Leute freuen sich und gehen zufrieden nach Hause.

Gibt es einen Unterschied zwischen einem Solo- und einem BAP-Album?

Niedecken: Ja, es gibt schon einen Unterschied. Meine Soloalben sind Konzeptalben. Ich habe bei den beiden letzten mit Musikern zusammengearbeitet, die ausschließlich songmäßig an sowas rangehen. Die nicht ihre eigene Persönlichkeit in den Vordergrund drängeln wollen. Momentan ist das bei BAP Gott sei Dank nicht so, dass sich bestimmte Musiker nach vorne spielen wollen und dabei den Song vergessen, aber das haben wir alles schon gehabt. Da gibt es Beispiele ohne Ende.

Gibt es Unterschiede zwischen amerikanischem und deutschem Rock?

Niedecken: Also ich glaube, dass die jetzige BAP-Besetzung, was die Qualität betrifft, amerikanischen Rockmusikern in gar nichts nachsteht. Das sind schon großartige Musiker. Die jetzige BAP-Besetzung besteht aus absoluten Profis, die sehr gefragt sind, auch von anderen bekannten deutschen Musikern wie zum Beispiel von Bosse oder Xavier Naidoo.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch. Wir freuen uns sehr auf das Konzert am 7. Oktober 2018 in der Lingener Emslandarena und tschüss.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN