Interview mit Akademieleiterin Weglage Alle Plätze in der Pflegeausbildung in Lingen sind besetzt

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In Lingen haben 20 Auszubildende der Altenpflege und 85 Auszubildende der Gesundheits- und Kinder-/Krankenpflege ihre Ausbildung begonnen. Foto: dpaIn Lingen haben 20 Auszubildende der Altenpflege und 85 Auszubildende der Gesundheits- und Kinder-/Krankenpflege ihre Ausbildung begonnen. Foto: dpa

Lingen. Wenn Gesundheitsminister Jens Spahn die Akademie St. Franziskus in Lingen besuchen würde, hätte deren Geschäftsführerin einen Ratschlag für ihn: Er sollte "die Ursachen für die negative Entwicklung, den Attraktivitätsverlust und die hohe Belastung der Pflegenden mehr in den Blick nehmen", betonte Dr. Gabriele Weglage im Interview mit unserer Redaktion.

Frau Dr. Weglage, alles redet über den Pflegenotstand und eine mangelnde Attraktivität des Berufes. Auf der anderen Seite sind gerade erst 105 junge Menschen mit einer Pflegeausbildung in der Akademie St. Franziskus in Lingen angefangen: 20 Auszubildende in der Altenpflege und 85 in der Gesundheits- und Kinder-/Krankenpflege. Alle Plätze sind besetzt. Wie passt das zusammen?

Es passt nicht zusammen, lässt aber folgende Schlüsse zu: Die nach wie vor hohe Bewerberzahl zeigt, dass die Pflege- und Gesundheitsberufe eigentlich durchaus attraktiv für die jungen Schulabsolventen sind. In den Bewerbungsgesprächen zeigt sich eine große Begeisterung und hohe Motivation. Leider stimmen dann aber die Berufsvorstellungen nicht mit den Anforderungen und der Qualität der Arbeitsbedingungen überein. Unseres Erachtens bewegen wir uns seit Jahren in einem Teufelskreis.

Wie meinen Sie das?

 Pflegebedarfe und Aufwand steigen seit Jahren, die Anzahl der Pflegenden sinkt. Der Personalmangel in den Einrichtungen ist unter anderem der zunehmenden Belastung der Pflegenden geschuldet. Die Verbleibedauer in den Pflegeberufen sinkt und die Zahl der Teilzeitbeschäftigten steigt kontinuierlich. Diese Entwicklung führt zu einer weiteren Verdichtung der Arbeit, zu ansteigender Unzufriedenheit der Pflegenden, Qualitätseinbußen in der Versorgung und Pflege und letztlich zu einer weiteren Steigerung des Unbehagens der vormals engagierten und motivierten Pflegenden. Im Ergebnis präsentiert sich der Pflegeberuf doch wenig ansprechend, Theorie und Praxis klaffen auseinander, Wertschätzung und gesellschaftliche Anerkennung bleiben angesichts mangelnder positiver Resonanzen aus. Die seit Jahren steigende Quote der Ausbildungsabbrecher scheint Folge dieses Erlebens zu sein.  


Interviewpartnerin der Redaktion: Dr. Gabriele Weglage, Geschäftsführerin der Akademie St. Franziskus, Katholische Bildungsstätte für Berufe im Sozial- und Gesundheitswesen in Lingen. Foto: Thomas Pertz


Welche Qualifikationen müssen Auszubildende mitbringen, um die Akademie St. Franziskus mit bestandener Prüfung zu verlassen?

Im Begrüßungsgottesdienst wurde dies von den Auszubildenden der höheren Jahrgänge sehr gut auf den Punkt gebracht: Die zentralen Eigenschaften von Pflegeauszubildenden bzw. beruflich Pflegenden seien „Mut, Flexibilität, Gemeinschaft, ein offenes Herz, Kraft, Gelassenheit, Selbstvertrauen und ein Verständnis für Dinge, die man nicht ändern kann“. Zudem braucht es viel Motivation, Fleiß und Freude am Umgang mit Menschen.

18 der 105 Auszubildenden nehmen am vierjährigen, dualen Studien- und Ausbildungsprogramm der Akademie St. Franziskus in Zusammenarbeit mit der Hochschule Osnabrück, Campus Lingen, teil. Welche Meinung haben Sie zur Akademisierung in der Pflege?

Auf dem Weg zur Professionalisierung der Pflege war das unerlässlich. Zwar waren wir in Deutschland spät dran, aber inzwischen ist diese weit fortgeschritten. Uns ist wichtig, dass es sich um eine Professionalisierung in der Pflege handelt, nicht um ein Theoretisieren über die Pflege. Uns geht es um geplantes, reflektiertes und dem aktuellen Wissensstand entsprechendes Handeln.

Wieviele Auszubildende bilden Sie akademisch aus?

In der Akademie St. Franziskus bilden wir seit 2011 im Rahmen des dualen Studien- und Ausbildungsprogrammes circa zehn Prozent unserer Auszubildenden akademisch aus. Die Absolventen erwerben einen Doppelabschluss, das heißt, sowohl den beruflichen Abschluss in einem der drei Pflegeberufe und den akademischen Grad Bachelor of Science Pflege. Die Stärke unseres Studien- und Ausbildungsprogrammes liegt in der Konzeption: Die Ausbildungsexpertise der Berufsfachschule im Kooperationsverbund mit den Praxiseinrichtungen in Kombination mit der akademischen Lehre.

 Wenn Gesundheitsminister Jens Spahn zu Besuch käme: Welchen Ratschlag würden Sie ihm beim Thema Pflege geben?

Da gibt es viel zu sagen. Vor allem sollte er die Ursachen für die negative Entwicklung, den Attraktivitätsverlust und die hohe Belastung der Pflegenden mehr in den Blick nehmen. Ziel muss es sein, die Qualität der Arbeitsbedingungen zu erhöhen. Es handelt sich um anspruchsvolle, sehr verantwortungsvolle Berufe, für die wir qualifizieren. Die Anforderungen sind in allen Altersgruppen gleichermaßen hoch. Eine dem aktuellen Stand der Pflegewissenschaft entsprechende, würdevolle und hochwertige Versorgung und Pflege muss für Menschen aller Altersgruppen gewährleistet sein. Insofern sollte Herr Spahn dafür Sorge tragen, dass die Altenpflege nicht wieder einmal degradiert wird, die Kompetenzen in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung nicht niedriger angesetzt werden und die Eingangsqualifikationen nicht noch weiter herabgesetzt werden.


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