Emsländer sind Zahnarztmuffel Dentalphobie: Wenn die Angst vor dem Bohrer kommt

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Die Angst vor dem Zahnarzt hindert viele Menschen im Emsland an einem jährlichen Besuch in einer Zahnarztpraxis. Das ergab der Zahnreport der Barmer Ersatzkasse Landesvertretung Niedersachsen/Bremen. Foto: Julian Stratenschulte/dpaDie Angst vor dem Zahnarzt hindert viele Menschen im Emsland an einem jährlichen Besuch in einer Zahnarztpraxis. Das ergab der Zahnreport der Barmer Ersatzkasse Landesvertretung Niedersachsen/Bremen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Lingen. Laut einem Jahresreport der Barmer Ersatzkasse sind viele Menschen im Emsland wahre „Zahnarztmuffel“. Fast 30 Prozent der bei ihr Versicherten haben binnen eines Jahres ihren Zahnarzt nicht aufgesucht. Der häufigste Grund für die ausbleibenden Besuche: Dentalphobie, also die Angst vorm Zahnarzt.

Jennifer Boven kennt die Angst vor dem Zahnarzt nur zu gut. Sie ist zahnmedizinische Fachangestellte in der Gemeinschaftspraxis von Dr. Andreas Dietzel in Lingen. Das Problem der Patienten mit der sogenannten Dentalphobie beginnt sehr oft viel früher, als auf dem Behandlungsstuhl. „Es ist oft ganz schwierig für Patienten, überhaupt den Weg in die Praxis zu finden. Oft haben sie Angst, den Raum zu betreten“, erklärt Boven. Auch die Wartezeit sei für diese Patienten sehr quälend. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr steigt der Drang, das Gebäude fluchtartig zu verlassen. „Deshalb sprechen wir uns mit ängstlichen Patienten von vorneherein ab, um eine möglichst kurze Wartezeit zu garantieren“, erklärt Boven.

Jeder kann davon betroffen sein

In eine bestimmte Schublade zwängen lassen sich Menschen mit Dentalphobie nicht, betont sie. Ob gut situiert oder nicht, jung oder alt: Die Angst ist oft dieselbe. Doch was hilft gegen diese Angst, die laut Boven nicht allzu selten durch schlechte Erfahrungen begründet ist? „Wichtig sind ausgiebige Erklärungen und das Gespräch“, sagt sie. Erst einmal müsse man sich kennenlernen. Sie lobt dahingehend die Arbeit ihrer Kolleginnen.

Hypnose kommt gut an

Die Phobie vor den Arbeiten im Mund nimmt Boven zufolge immer mehr zu. „Es sind bestimmt zwei bis drei ängstliche Patienten, die wir in der Woche neu aufnehmen“, sagt sie. Selbst der Geruch oder die Atmosphäre allein, könne selbst bei Kindern und Jugendlichen Angstzustände auslösen. Es gibt jedoch Methoden, um der Dentalphobie entgegenzuwirken, verrät Boven: „In Gesprächen versuchen wir zunächst einmal, den Alltagsstress bei Seite zu schieben. Und dann gibt es natürlich noch Narkosen.“ Auch eine Behandlung an mehreren Terminen sei möglich, um Schritt für Schritt vorzugehen. Außerdem bietet die Gemeinschaftspraxis Akupunktur zur Entspannung sowie Hypnose an. „Diese wird wirklich gut angenommen“, bestätigt die Mitarbeiterin.

"Vorsorge ist wichtig"

Zahnarztmuffel erlebe Boven in der Praxis weniger. Falls doch, mache sich die Abstinenz bei den Routinebesuchen allerdings schnell an den Gebissen der Patienten bemerkbar. Laut dem bundesweiten Zahnreport für das Jahr 2017 der Barmer Ersatzkasse, gehören die Niedersachsen zu den Menschen, die am seltensten zum Zahnarzt gehen. 2016 waren es lediglich 69,8 Prozent der Barmer-Versicherten, die einmal im Jahr eine entsprechende Praxis aufgesucht haben. Im Emsland waren es nicht viele mehr, nämlich 70,4 Prozent. „Das Problem der Phobie vor dem Zahnarzt wurde uns auch oft von unseren Kunden geschildert“, verrät Regionalgeschäftsführerin Kerstin Schwering. „Wir weisen aber immer wieder darauf hin, wie wichtig die Vorsorge ist.“ Man müsse einen Zahnarztbesuch in diesem Kontext als eine Art Belohnung sehen, meint Pressesprecher Michael Erdmann. „Danach kann ich das Thema erst einmal wieder abhaken.“ Vor allem bei Ängsten und Bedenken findet er es wichtig, eine gewisse Vertrauensbasis zu seinem behandelnden Arzt zu haben.


Michael Erdmann und Kerstin Schwering von der Barmer Ersatzkasse Niedersachsen/Bremen wissen, wie wichtig die regelmäßige Vorsorge beim Zahnarzt ist. Foto: Jessica Lehbrink


Allein 1,3 Milliarden Euro werden in Deutschland jährlich für Zahnersatz verwendet, macht Erdmann deutlich. Im Vergleich: An erster Stelle stehen pharmazeutische Mittel mit 4,3 Milliarden Euro. Am teuersten ist der Zahnersatz in Bayern und Baden-Württemberg. Dort liegt der Eigenanteil bei mehr als 1000 Euro. Niedersachsen liegt mit 866 Euro im Mittelfeld. Insbesondere für Schlecht-Verdiener oder Rentner ist dies oft nicht zu stemmen, weiß Schwering: „Je nach Einkommen, beispielsweise bei Rentnern, kann seitens der Krankenkasse auch mehr an Zuschuss geleistet werden.“

„Das Wichtigste und der erste Schritt ist zunächst einen Termin zu vereinbaren“, sagt Boven. Für jeden kleinen Schritt sei Lob angebracht.


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