"Ich würde heute wohl nicht mehr leben" Der Lingener Günter Welz über Organspende und Spahn-Vorschlag

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Beste Freunde (von links): Gundi und Hansi Billker mit Günter und Ilse Welz. Foto: PrivatBeste Freunde (von links): Gundi und Hansi Billker mit Günter und Ilse Welz. Foto: Privat

Lingen. Der Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn, bei der Organspende eine Widerspruchslösung einzuführen, hat eine Debatte darüber ausgelöst, ob Menschen im Todesfall auch hierzulande ohne Spenderausweis Organe entnommen werden sollten. Wie gehen Betroffene, die auf ein Organ warten beziehungsweise gewartet haben, mit dem Thema um? Unsere Redaktion sprach mit dem Lingener Günter Welz.

"8. Februar 2011": Der heute 67-Jährige benötigt keine Sekunde beim Nennen des Datums für die Operation, die seinem Leben eine Wendung gab.  An dem Tag bekam er eine neue Niere - eine sogenannte Lebendspende von seinem besten Freund Hansi Billker. Der Pastor der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde wohnt ebenso wie Welz im Lingener Ortsteil Baccum.

Welz hatte bis dahin eine lange Leidenszeit hinter sich. Sie begann 1986. Der gelernte Gärtnermeister hatte einen Termin beim Hausarzt, weil er ein Gesundheitszeugnis benötigte. Im Rahmen der Untersuchungen wurde bei ihm ein erhöhter Kreatinin-Wert festgestellt. Der Wert gibt Auskunft über die Funktionsfähigkeit der Nieren.

Dreimal die Woche Blutwäsche

Die Werte von Welz waren schlecht. Der Baccumer konnte eine Zeit lang medikamentös behandelt werden, doch schließlich kam nur noch die Dialyse infrage: Blutwäsche, dreimal die Woche, vier Stunden. Die zehrte enorm an seinen Kräften. Welz reihte sich ein in die lange Warteliste derer, die auf ein Spenderorgan warten. 1994 war es so weit. Dem Baccumer wurde eine Niere transplantiert. Zuerst die Erleichterung bei ihm und der Familie, denn auf die körperzehrende Dialyse konnte er nun verzichten. Bis 2005. Inzwischen waren die Abstoßungserscheinungen nämlich so stark geworden, dass Welz an der Blutwäsche erneut nicht mehr vorbeikam. Die dauerte nun fünf Stunden, dreimal in der Woche.  


Der Träger eines solchen Ausweises erklärt sich im Falle seines Todes zur Organspende bereit. Foto: dpa


Aufgefangen wurde Welz von seiner Ehefrau Ilse, von seinen Kindern, von Freunden – und von Freunden wie den Billkers. An seiner Krankheit litten sie mi, auch an dessen wachsender Verzweiflung. Der Gedanke einer Lebendnierenspende - jeder Mensch hat in der Regel zwei Nieren - nimmt zwischen dem Ehepaar Welz konkrete Formen an. Doch Ilse Welz scheidet aus, da sie und ihr Mann  identische Antigene im Blut haben. Die transplantierte Niere würde sofort abgestoßen. Gundi und Hansi Billker lassen sich medizinisch checken. Bei ihm sind die Werte günstig. Welz nimmt das Geschenk des Freundes an. 

"Ich glaube, ich wäre heute nicht mehr am Leben", blickt er im Gespräch mit der Redaktion auf diese Zeit zurück. "Mir geht es gut", unterstreicht der Rentner, der vor dem Ruhestand beim Fachdienst Umwelt in der Lingener Stadtverwaltung gearbeitet hatte.

Lange Leidenswege

Welz kennt, auch aufgrund seiner langjährigen ehrenamtlichen Tätigkeit im Landesverband Niere und in der Regionalgruppe Lingen, die Leidenswege von Mitbetroffenen. Den Vorschlag von Gesundheitsminister Spahn bezeichnet der Baccumer deshalb grundsätzlich als gute Idee. "Aber ob sie sich durchsetzen kann, weiß ich nicht." Es bestehe die Gefahr, dass die Leute noch skeptischer werden, da es einen Eingriff in die Privatsphäre darstelle. 

Dass dieses Thema nun wieder mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit finde, sei wichtig, betont Welz. "Es muss breit diskutiert werden, nicht nur in der Politik und den Verbänden, auch in der Bevölkerung". Diese müsse sich äußern, um zu einem umfassenden Meinungsbild zu kommen. 

Der 67-Jährige betont in diesem Zusammenhang auch die Notwendigkeit, dass sich die organisatorischen Voraussetzungen für Organspenden insgesamt verbessern müssten. Zum Beispiel in den Krankenhäusern: Die Vergütung für die Entnahmekrankenhäuser müsse angehoben werden. Auch die Rahmenbedingungen für Ärzte als Transplantationskoordinatoren seien verbesserungswürdig. "Diese Aufgabe kann man nicht mal eben so nebenbei erledigen. Sie erfordert eine hohe Sensibilität", beschreibt Welz die enorme psychische Belastung der Angehörigen bei der Beratung vor einer Entscheidung für eine Organentnahme im Todesfall. 

Nach seiner Auffassung sind solche organisatorischen Veränderungen und die von Spahn vorgeschlagene Widerspruchslösung auch unabhängig voneinander durchsetzbar – im Sinne von über 10.000 Menschen in Deutschland, die derzeit auf ein Spenderorgan warten. 

Diese quälende Zeit ist für Günter Welz vorbei. An diesem Donnerstag gibt es übrigens wieder einen Grund zum Feiern für den Baccumer - wenn sein Freund Hansi Billker Geburtstag hat.


Wann ist eine Lebendspende möglich?

Eine Alternative zur postmortalen Organspende ist die Lebendspende von Organen. Grundsätzlich ist die Lebendspende auf Organe begrenzt, deren Entnahme beim Spender medizinisch möglich und vertretbar ist. Die Niere gehört dazu. Die Anzahl möglicher Spender ist bei einer Lebendspende eingeschränkt. Laut dem deutschen Transplantationsgesetz (TPG) ist die Transplantation von Organen lebender Spender nur zulässig, wenn kein postmortal gespendetes Organ für den Empfänger zur Verfügung steht. Außerdem muss der Spender eines Organs mit dem Empfänger verwandt sein oder ihm in besonderer Weise nahe stehen. Diese Voraussetzung ist bei Verwandten ersten und zweiten Grades, Ehepartnern und in eheähnlicher Gemeinschaft lebenden Personen erfüllt. Hinzu kommen Menschen, die dem Empfänger offenkundig emotional verbunden sind. Lebendspenden von Spendern, die keine besondere Verbindung zum Empfänger haben, sind in Deutschland ausdrücklich nicht gestattet. Der Hintergrund dieser gesetzlichen Regelung ist, Missbrauch im Zusammenhang mit Lebendspenden zu vermeiden („Organkäufe"). Quelle: transplantation-verstehen.de

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