Probleme bei Migranten und jungen Erwachsenen Nachfrage nach Beratungsgesprächen in Lingen steigt

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Lingen. 2017 war ein herausforderndes, aber auch erfolgreiches Jahr für das Psychologische Beratungszentrum in Lingen. Das geht aus dem Jahresbericht hervor, den Referatsleiter Christoph Hutter im Gespräch mit der Redaktion erläutert hat. Dabei hat die Zahl der Ratsuchenden erneut zugenommen.

Doch nicht nur die Zahl derer, die die Beratungsstelle aufgesucht haben, hat sich geändert. Auch bei den Problemfeldern hat es eine Verschiebung gegeben. Waren es im Jahre 2015 noch 1178 Familien, Paare oder Einzelpersonen, stieg die Zahl 2016 auf 1194 und 2017 auf 1339. „Dabei ist es wichtig, dass wir ein multiprofessionelles Team haben“, betont Hutter. „Man braucht viele Menschen, um Menschen zu verstehen und nicht nur aus einem Blickwinkel.“ Daher findet einmal pro Woche eine Team-Sitzung statt, um über spezielle Fälle zu sprechen.

„In dem vergangenen Jahr waren das häufig Familien mit Migrationshintergrund“, berichtet der Referatsleiter. „Es gibt eigentlich nichts, was wir bislang hier noch nicht gehört haben, aber die Folter- und Fluchtgeschichten haben da eine ganz andere Qualität“, fährt Hutter fort. „Die haben uns nicht losgelassen.“ Da hat es sich als Glückfall erwiesen, dass Fereshteh Afsar eine Kollegin aus dem Iran, die dort ihren Abschluss in Psychologie gemacht hat, 2016 zu der Beratungsstelle gekommen ist. Mit ihrer Hilfe können Sprachbarrieren zu den persisch-sprechenden Menschen überwunden werden. Allein im vergangenen Jahr waren Gespräche mit 50 Familien davon betroffen.

„Hinschauen, was wir wirklich brauchen

Eine völlig andere Gruppe der Ratsuchenden hat Hutter in jungen Erwachsenen ausgemacht. Der Bericht der Beratungsstelle verweist auf eine Untersuchung des Robert-Koch-Instituts. Demnach erfüllen 30 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen zwischen 18 und 34 Jahre Kriterien einer psychischen Störung. Als Gründe werden hier unter anderem Druck in Bildungseinrichtungen, schwieriger Berufseinstieg nach der Ausbildung oder eine falsche Berufswahl wegen verpassten Numerus Clausus genannt. „Die vielen Optionen führen bei jungen Leute schließlich zur Orientierungslosigkeit“, erklärt Hutter. „Verzicht ist der Schatten der Wahl“, bringt er das Problem auf den Punkt. Man versuche stets, das Optimum zu erreichen, müsse dabei aber stets Entscheidungen gegen etwas treffen. Daraus können Zukunftsängste resultieren. Wichtig ist laut Hutter: „Hinschauen, was wir wirklich brauchen.“

Steigender Zuspruch

Den deutlich steigenden Zuspruch der vergangenen Jahre führt der Referatsleiter aber ebenfalls auf eine veränderte Wahrnehmung zurück: „Heute schämt sich keiner mehr, der eine Therapie oder eine Beratung in Anspruch nimmt.“ Er glaube auch nicht an die „guten alten Zeiten, in denen man so was nicht gebraucht hat“, einen hohen Leidensdruck dann aber „geschluckt“ habe. Er freut sich, dass es heute einen „coolen“ Umgang mit dem Thema Beratung gibt. Gleichzeitig räumt er ein, dass „es komplizierter geworden ist, zu erziehen und als Paar zu leben“. Früher seien beispielsweise Schläge gegen Kinder an der Tagesordnung gewesen. „Die gewaltlose Erziehung ist sicher schwieriger“, so seine Einschätzung. „Aber auch fruchtbarer und schöner.“ Es sei kein Zufall, dass mehr als 1300 Familien Rat gesucht hätten.

Kommunale Aufgabe

Eine solche Beratungsstelle vorzuhalten, sieht Christoph Hutter als kommunale Pflichtaufgabe an. „Wir verstehen und als Mitspieler in der regionalen Versorgung“. Seitens der Kommunen würde er sich mehr Unterstützung wünschen. Die finanzielle Hauptlast trage das Bistum. Denn mit etwas mehr als sieben Stellen, inklusive der Honorarkräfte, sei die Nachfrage kaum zu bewältigen. „Selbst wenn wir zehn Stellen hätten, wäre keiner arbeitslos“, ist er sich sicher.

Kurze Wartezeiten

Um so mehr macht es Hutter stolz, 2017 rund einem Fünftel der Ratsuchenden, die aus dem gesamten Altkreis Lingen kommen, innerhalb von einer Woche einen ersten Gesprächstermin anbieten zu können, 57 Prozent der Beratungen begannen innerhalb eines Monats.


Ein multiprofessionelles Team der Beratungsstelle Lingen bietet Unterstützung an in der Erziehungsberatung: Bei Verhaltensaufälligkeiten des Kindes, Lern- oder Schulschwierigkeiten, Spannungen innerhalb der Familie sowie bei Trennungs- und Scheidungsproblemen.

Paarberatung: Wenn Partner nicht mehr miteinander sprechen können oder sich nicht mehr vertrauen.

Lebensberatung: Wenn Menschen in persönlichen Nöten und Sorgen Hilfe benötigen, sich alleine fühlen oder „etwas loswerden“ wollen.

Zum Team gehören Psychologen, Sozial- und Heilpädagogen, Theologen sowie weitere Mitarbeiter mit therapeutischen Zusatzqualifikationen. Jeder kann zu der Beratungsstelle kommen, unabhängig vom Alter, Familienstand, Konfession und Herkunft. Alle Mitarbeiter sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Die Beratung ist grundsätzlich kostenlos, da sie zum großen Teil durch den Landkreis Emsland, die Stadt Lingen und das Bistum Osnabrück getragen wird.

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