Alles geschieht im Ehrenamt Das zweite Leben als Feuerwehrmann im südlichen Emsland

Von Jessica Lehbrink

Leichtere Schutzkleidung wie Michael Moss (links) sie trägt, können Feuerwehrleute nicht bei allen Einsätzen nutzen – trotz der Hitze. Bei Bränden in Gebäuden muss der dickere und schwerere Nomex-Schutzanzug her, zu sehen an Daniel Herbers von der Ortsfeuerwehr Lingen. Foto: Jessica LehbrinkLeichtere Schutzkleidung wie Michael Moss (links) sie trägt, können Feuerwehrleute nicht bei allen Einsätzen nutzen – trotz der Hitze. Bei Bränden in Gebäuden muss der dickere und schwerere Nomex-Schutzanzug her, zu sehen an Daniel Herbers von der Ortsfeuerwehr Lingen. Foto: Jessica Lehbrink

Lingen. Zahlreiche Brände fordern in diesem Sommer den unermüdlichen Einsatz vieler Feuerwehrleute in der Region. Alles im Ehrenamt. Es ist ein zweites Leben neben dem Beruf, der Familie, der Freizeit. Was das für sie bedeutet, erzählen Michael Moss und Daniel Herbers.

In jeder Sekunde können Michael Moss und Daniel Herbers benachrichtigt werden. Vorbei wäre das Gespräch mit den beiden Feuerwehrmännern. Ein Leben als solcher bedeutet, spontan zu agieren, sofort umzuschalten und konzentriert zu sein.

Moss ist Gemeindebrandmeister für die Samtgemeinde Lengerich, Daniel Herbers ist bei der Freiwilligen Feuerwehr Lingen, auch als Pressesprecher. Sie kennen sich gut und haben auch bei dem Großbrand eines Pferdezuchtbetriebes in Wettrup am 26. Juli gemeinsam das Feuer bekämpft. Es war der bislang größte und auch fordernste Brand in diesem heißen und dürren Sommer, sind sich Moss und Herbers einig. Tag und Nacht waren die Freiwilligen Feuerwehren aus dem südlichen Emsland im Einsatz.

Dreistellige Temperaturen nahe des Feuers

Bei Tagestemperaturen von durchschnittlich 35 Grad in den vergangenen Wochen ist dies auch für die geübten Feuerbekämpfer kein leichtes Unterfangen. Doch Schutz durch entsprechende Kleidung geht vor. Die ist warm, sehr warm. „Die Temperatur bei einem Brand kann leicht dreistellig werden“, erklärt Herbers. Wenn die Situation es zulasse, könne ein Teil der Schutzkleidung abgelegt werden.

Keine Berufsfeuerwehr

Zwei Monturen haben die Feuerwehrleute zur Auswahl: Die erste ist ein dünnerer und leichterer Schutzanzug, der zum Beispiel für kleinere Außenbrände geeignet ist. Der zweite ist der sogenannte Nomex-Schutzanzug: Er hat schweres und dickes Material – unverzichtbar für Brände in Gebäuden. Moss hat seine Feuerschutzkleidung inklusive eines Helms stets im Kofferraum seines Autos. „Wenn ich zu einem Einsatz muss, habe ich so gleich alles dabei“, sagt er. Eine Berufsfeuerwehr gibt es in der Region nicht. Die nächste befindet sich in Osnabrück. Im südlichen Emsland geschieht dies alles im Ehrenamt.

Flexible Arbeitgeber

„Wir haben alle Jobs, fast alle eine eigene Familie mit Kindern. Die gucken oft in die Röhre“, sagt Herbers. Er hat eine Frau, drei Kinder und arbeitet beim Lingener Unternehmen Baerlocher. Auch bei seiner täglichen Arbeit lässt ihn sein „zweiter Job“ nicht los: Er ist stellvertretender Leiter der Werkfeuerwehr von Baerlocher – nebenamtlich: Denn die Angehörigen der Werkfeuerwehr gehen im Unternehmen alle einer normalen Tätigkeit nach. „Ohne viel Verständnis des Arbeitgebers läuft nichts“, weiß Moss, der in der Lingener Stadtverwaltung arbeitet. Sowohl ihm als auch Herbers kommen die Arbeitgeber sehr entgegen. Bei längeren Einsätzen greift zudem der Verdienstausfall.

Den Rücken freihalten

Noch wichtiger ist laut Moss jedoch der Rückhalt in der Familie, die des Öfteren bis in die Nacht besorgt Zuhause wartet. Auch er hat eine Frau und einen siebenjährigen Sohn: „Ich habe meine Frau kennengelernt, da war ich bereits bei der Feuerwehr. Sie kennt es nicht anders. Man muss aber schon sagen: Unsere Frauen halten uns den Rücken frei.“ Auch der Sohn zeige viel Verständnis für das Engagement seines Vaters, „brenne“ sogar schon jetzt für die Freiwillige Feuerwehr.

Gebrochene Versprechen

Dennoch: „Es ist manchmal schon nicht ganz einfach, wenn man seinem Kind etwas versprochen hat, es nicht halten kann und den halben oder ganzen Tag nicht da ist“, betont Moss. Herbers nickt zustimmend. Er kennt den Spagat zwischen Beruf, Familie und Feuerwehr. Mit zehn Jahren trat er in die Jugendfeuerwehr ein.

„Freiwillig ist nur der Ein- und Austritt“

„Manche erklären uns für bekloppt und fragen uns, warum wir das alles überhaupt tun“, berichtet Herbers. Denn was alles hinter diesem Ehrenamt steckt, sei in Stunden kaum zu berechnen. Schulungen, Übungen, Besprechungen und eben die Einsätze: Da komme einiges Verpflichtendes zusammen. „Freiwillig ist nur der Ein- und Austritt“, wird Moss deutlich.

Keine Nachwuchssorgen

Es gehe darum, die Mitglieder zu aktivieren. Karteileichen, wie in manchem Verein, kann die Feuerwehr nicht gebrauchen. 200 Aktive sind es derzeit in der Samtgemeinde Lengerich, 330 in Lingen. Um den Nachwuchs machen sich derzeit weder Moss noch Herbers Sorgen. „Die Jugendfeuerwehren leisten hervorragende Arbeit. Sie haben wohl die meisten zusätzlichen Stunden mit der Ausbildung des Nachwuchses zu bewältigen, und das kann man nur loben“, hebt Herbers hervor.

Physische und auch eine psychische Belastung

Der Job der Feuerwehrleute ist eine physische und auch eine psychische Belastung. Denn nicht immer geht ein Einsatz glimpflich aus. Nicht immer können Menschen gerettet werden. „Deshalb ist es gerade als Führungskraft wichtig, seine Kameraden zu beobachten und zu schauen, ob sich jemand auffällig zeigt“, erklärt Moss. Nachbesprechungen im Team und auch das Angebot der Notfallseelsorger helfen dabei, Einsätze zu verarbeiten. Das oberste Gebot ist aber immer, „dass jeder sicher nach Hause kommt“.

Kein normales „Hobby“

Ob die beiden Männer ihren zweiten Job als Brandbekämpfer manchmal bereuen? „Nein“, sagt Herbers. Es sei zum Beispiel die Wertschätzung der Bürger, die Feuerwehrleute zu ihrem Engagement antreibt. Kleine Zeichen wie von Nachbarn gebrachter Kaffee und Schnittchen während langer Einsätze. „Es erfüllt einen mit Stolz und Zufriedenheit, wenn man nach einem gelungenen Einsatz nach Hause fährt“, sagt Moss. Und vielleicht sogar einen Mensch gerettet hat.


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