„Mitmachen – Mitreden – Mitdenken“ seit 1998 Lingener Kinder- und Jugendparlament gilt als Vorzeigemodell

Von Jannis Gövert

Der erste Vorstand des Kinder- und Jugendparlaments hat 1998 seine Arbeit aufgenommen (von links): Philipp Rockel, Christian Esseling, Katja Leveling, Johanna Oevermann, Barbara Pott und Martin Hiller. Foto: Manfred BuschhausDer erste Vorstand des Kinder- und Jugendparlaments hat 1998 seine Arbeit aufgenommen (von links): Philipp Rockel, Christian Esseling, Katja Leveling, Johanna Oevermann, Barbara Pott und Martin Hiller. Foto: Manfred Buschhaus

goev Lingen. Vor 20 Jahren ist in Lingen das Kinder- und Jugendparlament (Kijupa) als Antwort auf eine Studie gegründet worden, die ein abnehmendes politisches Interesse bei Kindern und Jugendlichen beobachtet hatte. Bis heute will die Stadt Lingen Kinder und Jugendliche mit diesem Projekt für Politik begeistern und ihre Teilhabe fördern.

Am Anfang stand die Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 1997. Neben abnehmendem politischem Interesse der Jugendlichen erkannten die Forscher ein sinkendes Vertrauen in politische Parteien. Diese Erkenntnisse nahmen Mitglieder der im Stadtrat vertretenen Parteien zum Anlass, einen Arbeitskreis zu bilden. Er sollte ein Beteiligungsprojekt entwickeln, das dem entgegenwirken könnte. „Wir hatten zwar schon die Jugendorganisationen der Parteien, aber wir wollten die Jugendlichen unabhängig von parteipolitischen Ideologien mitwirken lassen“, erläutert Swenna Vennegerts, die Initiatorin des Projektes Kinder- und Jugendparlament. Die Parteien seien schnell mit dem Plan einverstanden gewesen und sicherten ihre Unterstützung zu. Nur „um einen eigenen Etat für das Kijupa zu erwirken, mussten wir einiges an Überzeugungsarbeit leisten“.

Eigener Etat für eigene Projekte

Der Etat hat heute eine Höhe von knapp 10.000 Euro und wird vor allem dazu genutzt, Projekte zu unterstützen, die Kindern und Jugendlichen in Lingen zugutekommen. Jugendgruppen können Anträge einreichen, die in den Sitzungen des Kijupa besprochen werden. Zu den umgesetzten Projekten zählen unter anderem der Dirtpark im Emsauenpark, der von Jugendlichen geplant wurde und betrieben wird, und eine jährliche Party für unter 16-Jährige in der Diskothek Joker. Besonders das Engagement beim Dirtpark ist „beeindruckend und so in Deutschland einzigartig“, lobte Lingens Oberbürgermeister Dieter Krone.

Jugendliche gehen Politik anders an

Das erste Parlament bestand aus 53 Kindern und Jugendlichen aus einer Gruppe von insgesamt 390, die mitgeplant hatten. Sie wollten nach einer Veranstaltung im Rathaus direkt und ohne Wahlen ihre Arbeit aufnehmen. „Mit unserem ‚Erwachsenendenken‘ konnten wir das zunächst gar nicht nachvollziehen“, erinnert sich Franz Hüer, damaliger Kinder- und Jugendschutzbeauftragter der Stadt Lingen. „Ohne Wahlen ist ja keine Demokratie möglich. Aber uns wurde hier und noch häufig vor Augen geführt, dass Jugendliche eben anders denken und deshalb haben wir das erst mal durchgehen lassen.“

Politik verstehen

Auch deswegen waren anfangs einige Mitglieder der Parteien eher skeptisch, vor allem da ähnliche Projekte vielerorts scheiterten. Dass es trotzdem erfolgreich war, liegt für Björn Roth, Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses, vor allem am eigenen Etat: „Mit dem Geld können die Jugendlichen etwas bewegen. Außerdem zeigen wir ihnen damit, dass wir sie ernst nehmen.“ Zudem müssten die Ratsmitglieder ständig Rückmeldung geben, warum Projekte möglicherweise nicht realisierbar sind. Diese Erklärungen würden erheblich zum Verstehen von Politik beitragen.

Werbung an Schulen, im Kino und auf Youtube

Für den Erfolg ist damals wie heute Werbung wichtig. Von Beginn an informieren die Kijupa-Betreuer und Vertreter des Vorstandes in Schulen über anstehende Wahlen. „Die Schulen sind wegen der direkten Ansprachemöglichkeit am wichtigsten, wir machen aber auch Werbung auf Youtube oder im Kino“, schildert der derzeitige Betreuer Daniel Kruse. Auch den Lehrern wird das Kijupa vorgestellt, damit sie es möglichst vielen Kindern näherbringen. Ideen und Anregungen der Jugendlichen werden nach den Wahlen auf einer Kennenlernfahrt besprochen.

Blick auf die Zukunft nötig

Die Kijupa-Arbeit soll jedoch noch einmal neu bewertet werden. Dazu sagt Vennegerts: „Die Lebenssituation der Jugendlichen ändert sich. Steigende schulische Anforderungen und Hobbys lassen nur wenig Zeit für Dinge wie das Kijupa. Wir müssen schauen, wie und mit welchen Themen wir die Jugendlichen in Zukunft abholen können.“ Doch schon heute kann ein positiver Aspekt des Kijupas festgehalten werden: Die meisten Teilnehmer engagieren sich weiterhin gesellschaftlich nach dem Ausscheiden. Entweder gehen sie den Schritt in die „Erwachsenenpolitik“ oder in ein Ehrenamt.

Eigenentwicklung der Lingener

Das Kijupa war übrigens eine Eigenkreation der Stadt Lingen. „Wir haben häufig an anderen Standorten nachgefragt, warum ähnliche Teilhabeprojekte dort gescheitert sind und auf Grundlage dessen das Lingener Modell entworfen“, erklärt die ehemalige Betreuerin Birte Eilermann. Das „Lingener Modell“ wird heute als Beispiel in Schulbüchern verwendet und häufig von anderen Kommunen als Grundlage für eigene Projekte nachgefragt.


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