Dürre führt zu Verkettungen Lingener Imker: Jakobs-Kreuzkraut für Honig unbedenklich

Von Jessica Lehbrink


Lingen. Das Jakobs-Kreuzkraut (JKK) breitet sich seit einigen Jahren vermehrt in der Region aus. Auch Bienen lassen sich gelegentlich auf der giftigen Pflanze nieder. Doch Grund zur Besorgnis für die Konsumenten von Honig gibt es deshalb nicht. Das ist im Gespräch mit Experten – darunter Lingener Imker – deutlich geworden.

„Die Wabe sitzt schon komplett voll“, sagt Gregor Beel, während zahlreiche Bienen um ihn herum surren. Er und seine Frau Marlies Beel beschäftigen sich Tag ein Tag aus mit dem süßen „flüssigen Gold“. Für das Imkerpaar nicht nur ein Hobby, sondern Passion. Ihre 25 Bienenvölker haben mit der derzeitigen Hitze und der daraus resultierenden Blütenarmut zu kämpfen. „Wegen der Trockenheit herrscht ein starker Nahrungsmangel für die Bienen“, erläutert Gregor Beel.

Aus der Not heraus würden sich die Tiere dann auf das JKK setzen. Bestimmten Stoffen des Krauts wird nachgesagt krebserregend für den Menschen zu sein. Auf der Pflanze sammeln die Bienen Gregor Beel zufolge aber lediglich Pollen, keinen Nektar. Es seien nur sehr geringe Einträge des giftigen Krautes, die in den Honig gelangen und somit für den Menschen – entgegen anders lautender Berichte –keine Gefahr darstellen würden.

Giftige Alkaloide

Bestätigt wird dies durch Werner von der Ohe, seit 2000 Leiter des Instituts für Bienenkunde in Celle. Dieses beschäftigt sich bereits seit 13 Jahren mit dem Thema rund um das Kraut und den Imkerhonig. „Wäre das Aufkommen von giftigen Alkaloiden durch das JKK im Honig auffällig hoch, dann hätte das Bundesinstitut für Risikobewertung schon längst gehandelt“, ist er überzeugt. Genauer handelt es sich um Pyrrolizidin-Alkaloide (PA), die sich auf vier nicht direkt miteinander verwandte Pflanzenfamilien beschränken, darunter das JKK, auch Greiskraut genannt.

Orientierungswerte hochgesetzt

Einen gesetzlichen Grenzwert für die Menge dieser Stoffe im Honig gebe es bislang noch nicht, hingegen aber Orientierungswerte. Lag der vom Schleswig-Holtsteinischen Verbraucherministeriums ermittelte Wert 2017 noch bei 140 Mikrogramm pro Kilogramm, wurde er in diesem Jahr von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit korrigiert. Der Orientierungswert liegt nun bei 474 Mikrogramm pro Kilogramm. „Das heißt, dass noch weniger Honige betroffen sind“, sagt von der Ohe. Der Genuss des Naturprodukts sei somit also unschädlich. Es seien beispielsweise eher Kräutertees – dazu zählen auch Rooibostees –, welche einen höheren Wert der giftigen Alkaloide aufweisen würden.

Zwischen Honigsorten wechseln

„Völlig unbedenklich“ seien die Frühjahrs- und auch der überwiegende Teil der Sommerhonige. „Sollte jemand viel Honig essen, ist es ratsam vorsichtshalber zwischen mehreren Honigsorten zu wechseln, um das Ganze wieder auszugleichen“, sagt von der Ohe. Zudem heißt es in einem Informationsschreiben des Celler Instituts: „Aktuell wurde in zwei Studien nachgewiesen, dass in belasteten Honigen im Laufe der Zeit immer weniger PA nachgewiesen werden.“ Es wird daher vermutet, dass sich Alkaloide im Honig von allein abbauen.

Bis zu acht Mal im Jahr werde der Honig der Imkerei Beel in Lingen überprüft. Marlies Beel versichert daher: „Unser Honig ist vollkommen in Ordnung.“

„Natur ist ein Netzwerk“

Doch woher rührt die Thematik? Dafür muss der Hintergrund des Ganzen betrachtet werden – angefangen bei der Natur selbst. Ausgiebig beschäftigt sich damit Otto Adamek, Mitglied des Imkervereins Lingen und großer Naturfreund. Schon seit 52 Jahren macht er Beobachtungen vor seiner Haustür und zeichnet diese auf. Die Trockenheit dieses Sommers und das damit verbundene Sterben von Pflanzen und Tieren ist für Adamek wenig überraschend: „Die Natur ist ein Netzwerk. Alles ist miteinander verkettet.“ Erste Voraussetzung für das Leben sei Wasser, das vor allem momentan so kostbar wie nur selten scheint.

Gewässer trocknen aus

Adamek kommt viel herum. Viele Gewässer, ob groß oder klein, weisen einen niedrigen Wasserstand auf oder sind komplett versiegt. Prävention ist dem Naturkenner deshalb ein wichtiges Anliegen. Seiner Meinung nach hätte man schon vor längerer Zeit vorsorgen müssen. „Wir haben in der Region keine vernünftige Möglichkeit Wasser zurückzuhalten. Und nun sehen Sie sich zum Beispiel einmal die Brögberner Teiche an. Frösche bekommen dort einen Sonnenbrand. Es läuft einfach alles gegen die Wand“, betont Adamek.

Mehr Nassflächen nötig

Hinzu komme die zunehmende landwirtschaftliche Nutzung von Flächen. Auf vielen von ihnen wird nur eine Pflanzenart angebaut. In der Region handelt es sich dabei zumeist um Mais. Es mangele an Nass- und Weideflächen. Sie bringen laut Adamek Pflanzen und Blüten hervor, welche Insekten, darunter eben auch Bienen, Lebensraum bieten.

Trockenheit wirkt sich auf Honigertrag aus

Nach dem Winter hätten sich die Bienen zunächst aufrappeln müssen. „Plötzlich kam schon früh die große Hitze. Alles begann zu blühen und die Bienen bestäubten sehr viele Pflanzen“, berichtet Adamek. Viele Obstbäume würden eine große Menge an Früchten tragen, die aufgrund der Trockenheit allerdings nicht richtig wachsen können und deshalb sehr klein blieben.

Die Dürre mache sich auch bei der Honigernte bemerkbar, vor allem hinsichtlich des dunklen Waldhonigs. Am Johannistrieb, also den Trieben der Bäume in den ersten Sommermonaten, sammeln sich Lachniden (Baumläuse). „Sie beißen die Triebe an, aus denen dann Saft auf die Blätter des Baumes fließt und der dann von den Bienen gesammelt wird“, erklärt Adamek. Doch wegen der Hitze würde dieser Saft auf den Blättern vertrocknen.

„Wir brauchen einfach mehr Feuchtigkeit“, hebt der Rentner nochmals hervor. Denn: Hitze und Dürre bedeuten weniger Pflanzen. Weniger Pflanzen bedeuten einen Mangel an Lebensraum für Insekten. Das Insektensterben wiederum bedeutet einen Nahrungsmangel für Vögel. Es ist ein Netzwerk.


Rund ums Jakobs-Kreuzkraut

„Das Jakobs-Kreuzkraut ist hier schon immer heimisch gewesen. Es ist kein Neophyt“, erklärt Bernward Rusche vom Naturschutzbund Emsland-Süd (NABU). Bei einem Neophyten handelt es sich um Pflanzen, die sich in Gebieten ansiedeln, in denen sie zuvor nicht heimisch waren. Auf der Pflanze beheimatet ist der sogenannte Blutbär – eine Raupe, die das Kraut „in Schach hält“, erklärt Rusche. Doch was genau macht das JKK gefährlich? „Die Pflanze enthält leberschädigende Stoffe“, führt der Naturexperte weiter aus. Der Blutbär ist dagegen immun. Die Raupe frisst die Blätter und nimmt die schädigenden Stoffe auf, um sich so gegen Fressfeinde zu schützen. Das JKK breitet sich bevorzugt auf freien Flächen aus. Dies rührt laut Rusche daher, dass die Pflanze zu schwach sei, um sich gegen andere Artgenossen durchzusetzen. Es meide sozusagen die Konkurrenz. Für Weidetiere wie Pferde und Kühe wird das JKK dann gefährlich, wenn es ins Heu gerät. „40 Gramm für ein Pferd und 140 Gramm des Jakob-Kreuzkrauts für eine Kuh reichen für eine starke Vergiftung aus, die zum Tode führen kann“, warnt Rusche. Auf der Weide selbst zeigen sich die Tiere dem Kraut gegenüber aber abgeneigt. Experten raten, dass JKK vor der Blüte im Mai zu mähen, um das weitere Fortpflanzen zu vermeiden.

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