Gedenken am 75. Jahrestag Zwölf Widerstandskämpfer 1943 in Lingen erschossen

Von Stadtarchivar Mirko Crabus

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Lingen. Zwölf belgische Mitglieder der Widerstandsgruppe „De zwarte Hand“ sind am 7. August 1943 auf dem Wehrmachtsschießplatz bei Schepsdorf erschossen worden. Am 75. Jahrestag dieser Erschießungen soll am 7. August 2018 um 18 Uhr am Gedenkstein an der Kiefernstraße an sie erinnert werden.

Es ist der 6. August 1943. Pastor Gerhard Hilling, seit 1919 Pfarrer von St. Bonifatius und zuständig für das Lingener Justizgefängnis, erhält von einem Vollzugsbeamten die vertrauliche Mitteilung, dass am nächsten Tag ausländische Gefangene hingerichtet werden sollen. Wie viele es sind, erfährt er nicht. Am nächsten Morgen steckt Pastor Hilling auf gut Glück einige Hostien ein und begibt sich ins Gefängnis. Nach einigem Warten gewährt ihm der Gefängnisdirektor Zugang zu den in Einzelzellen sitzenden Gefangenen. Wie viele es sind, weiß er noch immer nicht.

Pastor Hilling nimmt die Beichte ab

Nachdem er zwei Gefangene besucht hat, mahnt ihn der Wachmann zur Eile. Nach jedem weiteren Gefangenen glaubt Hilling, es sei der Letzte gewesen. Die Hostien werden knapp. Schließlich beginnt er, sie zu teilen. Doch nach dem zehnten Gefangenen ist der Vorrat erschöpft. Dem jungen Gefangenen in der elften Zelle nimmt er die Beichte ab, kann ihm aber keine Kommunion mehr erteilen. Er holt neue Hostien. Als er zurückkommt, ist die Zelle leer. Lediglich dem zwölften und letzten der zum Tode Verurteilten erteilt er noch die Kommunion.

1941 flog die Gruppe auf

Die Verhaftung der Gefangenen liegt zu diesem Zeitpunkt schon fast zwei Jahre zurück. Im Mai 1940 hatten deutsche Truppen Belgien überfallen. Einige Monate später bildete sich im belgischen Dorf Puurs eine kleine Widerstandsgruppe. Sie nannte sich „De Zwarte Hand“, nach der serbischen Geheimgesellschaft „Schwarze Hand“, die 1914 das Attentat von Sarajewo verübt hatte. Attentate verübte die „Zwarte Hand“ allerdings nicht. Sie verfügte zwar über Waffen, doch kamen diese nicht zum Einsatz. Vielmehr stellte sie antideutsche Flugblätter her, legte Listen über Kollaborateure an und versuchte erfolglos, Kontakt zu England herzustellen. Im September 1941 wurden die ersten Mitglieder verhaftet. Innerhalb eines Monats flog die ganze, zuletzt 112 Mitglieder zählende Gruppe auf.

„Nacht- und Nebel-Gefangene“

Die Festgenommenen wurden größtenteils ins Wehrmachtgefängnis Antwerpen gebracht und im März 1942 ins Wehrmachtgefängnis Brüssel-St. Gilles verlegt. 109 Mitglieder wurden im Juni in die Untersuchungshaftanstalt Wuppertal überführt. Sie gehörten zu den rund 7000 Widerstandsverdächtigen, die im Rahmen des sogenannten Nacht-und-Nebel-Erlasses nach Deutschland verschleppt und in Haft gehalten oder heimlich abgeurteilt wurden. In einem am 14. und 15. Januar 1943 in Wuppertal verhandelten ersten Prozess wurden 18 Angeklagte zum Tode verurteilt, neun weitere zu Zuchthausstrafen. Nach Gnadengesuchen wurden später vier Todesurteile in Zuchthausstrafen umgewandelt.

Verlegung ins Lager Esterwegen

Gut ein halbes Jahr später wurden die Mitglieder der „Zwarten Hand“ wie alle Nacht-und-Nebel-Gefangenen des Sondergerichts Essen in das Strafgefangenenlager Esterwegen verlegt. Wer sie hinrichten sollte, war zunächst umstritten. Bataillonskommandeur Major Schilling von der Wehrmachtsdienststelle Lingen verweigerte die Abstellung eines Exekutionskommandos und sah vielmehr den Sicherheitsdienst und die Polizei in Nordhorn in der Verantwortung. Schließlich befolgte er aber den Erschießungsbefehl des Generals vom Wehrmachtskommando VI in Münster.

Abschiedsbriefe, die nie verschickt wurden

Am Morgen des 7. August wurden die zwölf Verurteilten gefesselt, in das Lingener Justizgefängnis gefahren und dort in Einzelzellen gesperrt. Der Staatsanwalt verlas das binnen einer Stunde zu vollstreckende Todesurteil. Sie erhielten noch die Erlaubnis, einen Brief zu schreiben, der jedoch nie ausgeliefert wurde. Dann trifft Pastor Hilling ein.

Gut eine Stunde später werden die Gefangenen auf den Wehrmachtsschießplatz bei Schepsdorf gefahren. Dort warten bereits der Staatsanwalt und das Erschießungskommando: 16 Unteroffiziere der Wehrmacht mit drei oder vier Offizieren. Vier Exekutionspfähle sind vorbereitet. Es ist nun 8 Uhr morgens. In drei Gruppen werden je vier Männer erschossen. Es sind Albert de Bondt, Emil de Cat, Achille Daes, Clement Dielis, Louis Hofmans, Edmond Maes, Marcel und Remi de Mol, Hendrik Pauwels, Josef-Albert Peeters, Josef Verhavert und Jean-Pierre Vincent. Der älteste ist 48, der jüngste 20 Jahre alt. Ihre Leichen werden ins Lager Esterwegen zurückgebracht und auf dem Lagerfriedhof Bockhorst-Esterwegen vergraben. Die Hinrichtungen bleiben geheim, Angehörige werden nicht informiert.

37 von 109 Gefangenen überlebten

Gegen weitere Mitglieder der Zwarten Hand wird im Januar 1944 Anklage erhoben. Sie werden wie viele andere Nacht-und-Nebel-Gefangene von Esterwegen in die Haftanstalt Groß-Strehlitz überführt, wo sie im Juni 1944 zu Jugendgefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt werden. Im September 1944 wird die Verlegung aller Nacht-und-Nebel-Gefangenen in Konzentrationslager angeordnet. Von den 109 nach Deutschland verschleppten Gefangenen erleben 37 das Kriegsende.

Die zwölf Belgier sind nicht die einzigen, die auf dem Schießplatz bei Schepsdorf hingerichtet wurden. Auch im besetzten Luxemburg werden Einwohner zur Wehrmacht eingezogen. Unter den zahlreichen untergetauchten Deserteuren befinden sich auch zwei Männer, die am 20. Juli 1944 unverhofft auf den stets bewaffneten Ortsgruppenleiter der Volksdeutschen Bewegung in Junglinster treffen, der bereits Razzien gegen versteckte Luxemburger durchgeführt hat. Sie erschießen ihn.

Erschießung als Vergeltung

Daraufhin befiehlt der Reichsführer-SS Heinrich Himmler, zehn wegen Fahnenflucht verurteilte Luxemburger hinzurichten. Drei Geiseln werden in Siegburg hingerichtet. Sieben weitere wählt die Leitung des Lagers Börgermoor aus und überführt sie in das Lingener Justizgefängnis. Es sind die im Frühjahr 1944 bei Razzien in Frankreich als Fahnenflüchtige verhafteten Karl Backes, Gregor Bintner, Nikolaus Dahm, Johann Deitz, Paul Feller, Marcel Grethen und Theodor Wagener. Auch hier weigert sich die Wehrmacht zunächst, ein Exekutionskommando zu stellen. Deshalb erfolgt die Hinrichtung erst einen Tag später am 24. August. Die ersten vier Geiseln werden um 18.10 Uhr, die anderen drei um 18.20 Uhr erschossen.


Gedenkveranstaltung

Am Dienstag, 7. August, lädt die Stadt um 18 Uhr aus Anlass des 75. Jahrestages der Erschießung der belgischen Widerstandskämpfer um 18 Uhr alle Bürger zu einer Kranzniederlegung am Gedenkstein am Telekomgelände an der Kiefernstraße ein. Es ist nicht die erste Gedenkveranstaltung für im Zweiten Weltkrieg Erschossene: 47 Jahre nach der Erschießung der sieben als Fahnenflüchtige verurteilten Luxemburger hat die Stadt Lingen am 14. August 1991 auf dem Gelände des ehemaligen Wehrmachtsschießstandes im Ortsteil Schepsdorf zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen. In Anwesenheit einer belgischen und einer luxemburgischen Delegation wurde dort aus diesem Anlass auch ein Gedenkstein mit den Namen der Hingerichteten enthüllt. Auch 60 Jahre nach der Erschießung der belgischen Widerstandskämpfer waren im Jahr 2003 noch 27 Angehörige der Erschossenen zu einer Gedenkveranstaltung nach Lingen gekommen. Darunter war mit dem 80-jährigen John Bossuyt auch ein noch lebendes Mitglied der Gruppe „De Zwarte Hand“. Er war am 22. April 1945 im KZ Sachsenhausen befreit worden und am 7. März 2006 in Antwerpen gestorben.vb

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