Bundesprogramm Mit dem „Kita-Einstieg“ gleiche Chancen für Kinder in Lingen schaffen

Von Jessica Lehbrink

Sing- und Spielkreise sind fester Teil der Betreuung des Projektes Kita-Einstieg. Hier haben die Mütter, alle mit Migrationshintergrund, gerade Pause von ihrem Sprachkurs im Forum der Volkshochschule Lingen und gesellen sich zu ihren Kindern, die im selben Gebäude betreut werden. Mit dabei: Projektkoordinatorin Claudia Plagge (Grünes Kleid). Foto: Jessica LehbrinkSing- und Spielkreise sind fester Teil der Betreuung des Projektes Kita-Einstieg. Hier haben die Mütter, alle mit Migrationshintergrund, gerade Pause von ihrem Sprachkurs im Forum der Volkshochschule Lingen und gesellen sich zu ihren Kindern, die im selben Gebäude betreut werden. Mit dabei: Projektkoordinatorin Claudia Plagge (Grünes Kleid). Foto: Jessica Lehbrink

Lingen. „Durch Bildung fußfassen“. Dies ist laut René Kollai, stellvertretender Leiter des Ludwig-Windthorst-Hauses (LWH) in Lingen, der Kern des Bundesprogramms „Kita-Einstieg: Brücken bauen in frühe Bildung“. In Lingen ist das Pilotprogramm für Kinder im Alter bis sechs Jahren im November 2017 gestartet. Zeit für ein erstes Resümee.

Gute Kindertagesbetreuung ermöglicht gleiche Chancen für alle Kinder. Bisher profitieren jedoch nicht alle Familien gleichermaßen von Kindertagesbetreuung als Form der frühen Bildung. Im April 2017 ist deshalb das Bundesprogramm „Kita-Einstieg: Brücken bauen in frühe Bildung“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gestartet, welches diese Zielgruppe in den Blick nimmt.

Es sind Begriffe wie „Soziale Kontakte“, „Frühkindliche Bildung“ und „Vernetzen“ die im Gespräch mit René Kollai und Claudia Plagge als verantwortliche Projektkoordinatorin vom LWH fallen. Es geht um Chancengleichheit – für Kinder und ihre Eltern. Genau das soll das Bundesprogramm bezwecken. Für das v Projekt arbeiten das LWH und die Stadt Lingen eng zusammen.

Keine Konkurrenz, sondern eine Entlastung

Am Anfang stand der Kontaktaufbau zu Einrichtungen wie dem SKM, dem SKF und natürlich den Kindertagesstätten. Dabei machen Kollai und Plagge klar, dass das Angebot des LWH nicht etwa eine Konkurrenz zu anderen Institutionen darstellt, sondern vielmehr als Entlastung und Ergänzung dient. Brücken bauen – dies ist nicht nur metaphorisch gemeint. Es sind niedrigschwellige Angebote, die es Familien erleichtern sollen, sich zu strukturieren, wichtige Kontakte zu knüpfen und zu lernen. Das gilt insbesondere für Kinder und Familien, die bisher noch keinen Zugang zu frühkindlicher Bildung haben. So viele Kinder wie möglich sollen dabei einen Platz in einer Kindertagesstätte bekommen. Keine einfache Aufgabe, wie Kollai deutlich macht, denn in Lingen sind freie Kitaplätze schnell vergriffen.

Konkrete Zahlen gebe es derzeit dazu noch nicht, informiert Plagge: „Es ist für uns immer schwierig, zu sagen, wie viele Kinder konstant an unserem Angebot teilnehmen, und auch wie viele Kitaplätze in Lingen frei sind.“ Ein Erfolg des Projektes könne auch die Vermittlung der Kinder in anderweitige Betreuungsangebote sein, zum Beispiel in die Tagespflege. „Gewünscht sind aber eher Kitaplätze“, sagt Kollai, der wie seine Kollegin einen erheblichen Vorteil für die Entwicklung der Kinder innerhalb einer Gruppe sieht – ganz nach dem Prinzip: „Kinder lernen von Kindern“.

Freiwillige Teilnahme

Vieles läuft über soziale Kontakte. „Menschen, wie zum Beispiel jene mit Migrationshintergrund, sollen lernen, sich hier wohlzufühlen. Dabei helfen keine Flyer als Werbung, sondern nur der persönliche Kontakt mit den Familien“, erläutert Plagge. Rund 60 Prozent der Menschen, welche die Angebote des LWH im Rahmen des „Kita-Einstiegs“ wahrnehmen, hätten einen Migrationshintergrund; 40 Prozent seien deutsche Familien aus sozialschwachen Verhältnissen. Plagge vermutet, dass einige Angst haben, ihr gewohntes Umfeld und somit ihren geschützten Raum zu verlassen und begründet damit das Engagement des LWH, selbst auf die Menschen zuzugehen. Gezwungen werden könne aber niemand. „Eine Teilnahme ist immer freiwillig.“ Die Angebote umfassen Kinder- und Eltern-Kind-Gruppen im gesamten Stadtgebiet, Bildungs- und Beratungsangebote für Familien sowie aufsuchende Sozialarbeit und Hausbesuche.

Regelmäßige Teambesprechungen

Einen erheblichen Beitrag leisten die Fachkräfte rund um den Kita-Einstieg. Fünf Fachkräfte sind mit jeweils 19,5 Wochenstunden in verschiedene Lingener Bezirke eingeteilt, darunter Sozialpädagogen aber auch eine dolmetschende und pädagogisch unterstützende Kraft aus dem Iran. Eine durchaus anstrengende Aufgabe, sagt Plagge. Deshalb fänden auch im Zwei-Wochen-Rhythmus Teambesprechungen statt, um sich gegenseitig auszutauschen und über Erfahrungen zu sprechen. „Es hat sich sehr gut entwickelt, sodass die Fachkräfte sich gegenseitig briefen und unterstützen. Sie ziehen gemeinsam an einem Strang“, hebt Kollai hervor. Es sei eine Arbeit mit viel Einsatz und hohem Kommunikationskompetenzen – schließlich hätten sich die Fachkräfte ihr Feld selbst erarbeitet. Vertrauen und Bindung schaffen: Zwei Dinge, die laut Plagge ebenso mit an oberster Stelle stehen.

Mütter lernen, Kinder spielen

Dies wird beim Besuch einer Kindergruppe im Rahmen des Bundesprogrammes deutlich. Die Resonanz auf die von den Sozialpädagoginnen Rike Bahous und Eva Peters betreute Gruppe ist gut. „Es hat sich viel herumgesprochen – einiges über Mund-zu-Mund-Propaganda“, berichtet Bahous. Normalerweise seien die Kinder dieser Gruppe im Hort Trinitatis untergebracht, doch aufgrund der Ferien nutzen sie derzeit die Räume des VHS-Forums. Während die Mütter mit Migrations- und Fluchthintergrund einen Sprachkurs belegen, belustigen die Pädagoginnen die Kinder. „Bei uns ist es ähnlich wie im Kindergarten. Wir haben Sitzkreise, singen und spielen“, erläutert Bahous. Die Kinder würden dadurch sehr schnell deutsche Worte aufschnappen.

Über drei Jahre soll das Projekt „Kita-Einstieg“ laufen – bis zum 31. Dezember 2020. Jährlich wird es vom Bund mit 150.000 Euro gefördert. Hinzu kommen zehn Prozent Eigenmittel der Stadt Lingen, sodass bis 2020 eine Summe von 515.000 Euro zur Verfügung steht. Rike Bahous kann sich schon jetzt vorstellen, dass es auch danach weitergehen wird. Sie ist überzeugt von dem Projekt.


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