Tierschützer fordern Kastrationspflicht Schockierende Fotos: So krank sind herrenlose Katzen im Emsland

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Hunderte herrenlose Hauskatzen streunen durch das Emsland. Viele der Katzen sind krank, sagt der Tierschutzverein Lingen. Symbolfoto: dpaHunderte herrenlose Hauskatzen streunen durch das Emsland. Viele der Katzen sind krank, sagt der Tierschutzverein Lingen. Symbolfoto: dpa

Lingen. Hunderte herrenlose Hauskatzen streunen durch das Emsland. Viele der Katzen sind krank, sagt der Tierschutzverein Lingen, der seit Jahren eine Kastrationspflicht fordert. In Lingen gibt es diese seit 2016 – es ist die einzige Kommune im südlichen Emsland. Doch nun stehen auch im benachbarten Wietmarschen Veränderungen an.

Es sind Fotos, die schockieren. Auf den Bildern sind Katzenwelpen zu sehen. Sie haben verklebte Augen, bei einigen von ihnen mussten diese entfernt werden, sie waren nicht mehr zu retten. Tagtäglich wird Sonja Rolfes, 2. Vorsitzende des Lingener Tierschutzvereins, von besorgten Bürgern angerufen, die mal wieder eine kranke Katze aufgegriffen haben. Vom Halter keine Spur, sie sind herrenlos. Manche müssen direkt eingeschläfert werden, andere sind noch zu retten. Sie kommen im Tierheim unter. Eine Notlösung, sagt Rolfes, denn das Tierheim platzt aus allen Nähten.

Die gefundenen Katzen haben verklebte Augen, bei einigen von ihnen mussten diese entfernt werden, sie waren nicht mehr zu retten.

109 Katzen leben derzeit im Tierheim, davon 36 Kitten, 15 von ihnen sind krank. Allein in Wietmarschen wurden in der vergangenen Woche sechs Katzenwelpen gefunden, dann noch drei Welpen an der Deponie in Freren-Suttrup und am Donnerstag fanden die Tierschützer drei Kätzchen in einem Karton nahe des Tierheimsgeländes. Die Tiere hatten allesamt verklebte Augen. Die Folge von Katzenschnupfen, eine Virus-Infektion, die bei Nichtbehandlung sogar zum Tod führen kann.

Wem die Katzen gehörten, darüber kann das Tierheim oftmals nur spekulieren. Häufig stammen sie von Bauernhöfen, sagt Rolfes. „Bauernhofkatzen“ sind bei Landwirten gern gesehene Gäste, um Mäuse auf den bewirtschafteten Flächen zu fangen. So auch in Langen auf einem Hof, den Sonja Rolfes vergangene Woche besucht hatte. Das Tierheim hatte die Information erhalten, dass dort kranke Katzen leben. Als sie auf dem Hof ankam, entdeckte sie die Vierbeiner. Es waren Jung- und Alttiere, allesamt nicht kastriert, dazu auch noch offensichtlich an Katzenschnupfen erkrankt. Abgeben wollte der Landwirt die Tiere jedoch nicht, sagt Rolfes. Noch schlimmer: Laut der Tierschützerin ist es ihm egal gewesen, dass die Tiere krank waren.

Häufig sind die Tiere völlig abgemagert. Foto: Tierheim Schwartenpohl

Vorurteil: Kastrierte Katzen fangen keine Mäuse

Als Sonja Rolfes dem Landwirt erklärte, dass bei Katzen, die kastriert sind, das Interesse am Deckakt, sowie an Revier- und Konkurrenzkämpfen sinkt und dadurch auch das Infektionsrisiko sinkt, wurde der Landwirt wütend. „Er war der Meinung, dass kastrierte Katzen keine Mäuse mehr fangen würden“, erinnert sich Sonja Rolfes an das Gespräch. Das Thema sei daraufhin für ihn erledigt gewesen. Unvollendeter Dinge musste die Tierschützerin in Langen den Rückzug antreten. Rechtlich hatte sie nichts in der Hand, denn in der Samtgemeinde Lengerich, zu der Langen gehört, gibt es anders als in Lingen – dort gibt es sie seit 2016 – keine Kastrationspflicht für Katzen. (Weiterlesen: Stadt Lingen führt Kastrationspflicht für Katzen ein)

Zwei kranke Wildkatzen hat das Tierheim in den vergangenen Tagen in Langen gefunden. Nicht kastriert. Dennoch bestehen laut Samtgemeindebürgermeister Matthias Lühn keine Überlegungen, die Kommunalverordnung zu ändern: „Aktuell gibt es keine besonders ausgeprägte Problemlage mit Katzen, die eine Kastrationspflicht notwendig machen würde.“ Fälle in Zusammenhang mit Katzen sind auch in der Samtgemeinde Spelle sowie der Gemeinde Emsbüren nicht bekannt. In den vergangenen Jahren habe es auch „nur vereinzelt Fundkatzen“ gegeben, sagt Samtgemeindebürgermeister Bernhard Hummeldorf auf Nachfrage. „Insofern wird aktuell keine Notwendigkeit gesehen, eine Kastrationspflicht einzuführen.“ Ernst Müller, allgemeiner Vertreter des Bürgermeisters in Emsbüren, räumt jedoch ein, dass die Gemeinde nur von dem ausgehen kann, was an die Gemeinde herangetragen wird. Dass es Probleme mit verwilderten Katzen gibt, könne nicht ausgeschlossen werden.

Sie haben verklebte Augen, bei einigen von ihnen mussten diese entfernt werden, sie waren nicht mehr zu retten. Foto: Tierheim Lingen

Eine Überpopulation an freilaufenden Katzen wurde bisher auch in Salzbergen nicht festgestellt, sagt Bürgermeister Andreas Kaiser. Grundsätzlich, betont er, stehe die Gemeinde einer Kastrationspflicht positiv gegenüber, sollte es zu Problemen mit den Vierbeinern kommen. Wichtig sei dabei zu unterscheiden, dass es sich bei einer Wildkatze nicht um ein Fundtier handelt. Zweiteres hätte noch einen Eigentümer, bei streunenden Katzen sei dies nicht der Fall. In Kaisers Augen gestaltet sich deshalb die Kontrolle der Tiere in der Praxis als sehr schwierig.

Die Samtgemeinde Freren sieht es identisch. „Eine generelle Überprüfung kann personell nicht geleistet werden“, sagt Hermann Quae vom Ordnungsamt. „Dies zeigen auch Erfahrungen mit dem Niedersächsischen Hundegesetz.“ Quae sieht noch ein weiteres Problem: Voraussetzung für den Erlass einer solchen Verordnung sei es, dass zum Beispiel durch eine hohe Katzenpopulation in absehbarer Zeit ein Schaden für die öffentliche Sicherheit und Ordnung eintrete. „Das ist zum jetzigen Zeitpunkt in der Samtgemeinde Freren nicht der Fall.“Nach Ansicht von Quae ist es immer wieder wichtig, an die Katzenhalter zu appellieren, ihre freilaufenden Katzen kastrieren zu lassen.

2500 Euro im Jahr für Kastration

In Wietmarschen werden derzeit dafür in Zusammenarbeit mit dem Tierheim Lingen sowie dem Tierheim Schwartenpohl aus der Grafschaft Bentheim Flyer entworfen. „Wir wollen so an die Vernunft der Bürger appellieren“, sagt Bürgermeister Manfred Wellen. Eine Kastrationspflicht werde in der Gemeinde nicht eingeführt. Er nennt dafür ähnliche Gründe wie seine Kollegen in Freren und Salzbergen. Eine Kontrolle der Tiere sei kostenintensiv und in der Realität nicht umzusetzen. „Katzen sind anders unterwegs als Hunde, sie sind Freigänger“, sagt er. Herauszufinden, ob die Bürger Katzen halten und diese kastriert sind, sei kaum möglich. „Im Zweifel sind sie zum Zeitpunkt der Kontrolle unterwegs.“

Wird eine herrenlose und unkastrierte Katze gefunden, werden die Tierheime informiert. Im Gegensatz zu den anderen Kommunen im südlichen Emsland hat sich Wietmarschen laut Wellen nun dazu entschieden, die Tierheime mit 2500 Euro im Jahr zu unterstützen, damit sie die gefangenen Katzen kastrieren lassen können.


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