Keine Rasseliste in Niedersachsen Hund in Lingen totgebissen: Wie geht es mit dem Angreifer weiter?

Von Julia Mausch

Ein Hund hat in Lingen einen Artgenossen totgebissen. Derzeit ist der Rüde im Tierheim Lingen untergebracht. Symbolfoto: colourbox.deEin Hund hat in Lingen einen Artgenossen totgebissen. Derzeit ist der Rüde im Tierheim Lingen untergebracht. Symbolfoto: colourbox.de

Lingen. Anfang Juli hat ein Hund in Lingen einen Artgenossen totgebissen. Derzeit ist der Rüde im Tierheim in Lingen untergebracht. Doch wie geht es weiter mit dem Angreifer? Eine Nachfrage beim Landkreis Emsland.

Der Vorfall hatte sich am späten Abend des 4. Juli 2018 zugetragen. Eine 18-jährige Frau war mit einem neunjährigen Mischling an der Rheiner Straße in Lingen unterwegs. Auf dem Parkplatz des Supermarktes K+K geriet ihr Hund mit einem anderen Hund aneinander. Der Mischling erlitt starke Bissverletzungen – und starb an den Folgen des Angriffs. (Weiterlesen: Landkreis Emsland eingeschaltet: Hund in Lingen totgebissen)

Hund im Strootgebiet gefunden

Später fand die Polizei den angreifenden Hund im Strootgebiet in Lingen. Von dem Besitzer fehlte zunächst jede Spur, die Polizei ermittelte ihn später. Der Hund wurde im Tierheim Lingen untergebracht. Dort befindet er sich auch heute noch, sagt Sonja Rolfes, 2. Vorsitzende des Tierschutzvereins. Ihrer Aussage nach ist der Hund abgeschirmt von den anderen Tieren untergebracht. Die Gefahr, dass es erneut zu einem Zwischenfall kommt, sei zu groß.

Hunderasse weiter unklar

Wie hoch die Gefahr ist, die von dem Rüden ausgeht, das muss derzeit der Landkreis Emsland überprüfen. Der Behörde wurde der Vorfall in Lingen von der Polizei gemeldet und ist für die Überprüfung der Gefährlichkeit eines Hundes verantwortlich. Der Landkreis wird immer dann eingeschaltet, sobald es zu einem Beißvorfall kommt, bestätigt Pressesprecherin Hanna Lohmann vom Kreis Emsland. Heute, drei Wochen nach dem Vorfall, konnte der Landkreis Emsland noch nicht eindeutig feststellen, um welche Rasse es sich bei dem Hund handelt. „Die Prüfung ist noch nicht abgeschlossen“, teilt Lohmann mit und fügt hinzu: „Die Hunderasse ist kein wesentliches Prüf- und Entscheidungskriterium.“

Anders als in den meisten anderen Bundesländern gibt es in Niedersachsen seit 2003 keine Rasseliste mehr. In solchen Listen werden bestimmte Hunderassen von vornherein als gefährlich eingestuft. Welche Hunde als gefährlich gelten, ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt. Doch in den meisten Fällen stehen Staffordshire-Terrier, Staffordshire Bullterrier, Pitbull, Bullterrier und Mischlinge aus diesen Rassen auf dieser Liste. Nach Informationen unserer Zeitung ist der angreifende Hund vermutlich eine Mischung aus American Pit Bull Terrier und einer anderen Rasse.

Der Besitzer bekommt das Tier nicht wieder, solange er dem Landkreis kein Führungszeugnis einreicht. Symbolfoto: dpa

Kritiker der Rasselisten sagen: Der Hund ist, was der Mensch aus ihm macht. So ist offensichtlich auch die Meinung in Niedersachsen. Hierzulande wird auf eine pauschale Beurteilung von Hunden aufgrund der Rasse verzichtet. Stattdessen gelten Hunde erst als gefährlich, wenn sie auffällig geworden sind – und dann auch lebenslänglich.

Eintragungen im Führungszeugnis

Genau das wird nun bei dem Rüden im Tierheim in Lingen überprüft. Kommt dabei heraus, dass von dem Hund eine Gefahr für die Öffentlichkeit ausgeht, ist die Haltung erlaubnispflichtig, sagt Lohmann. Der Besitzer bekommt das Tier nicht wieder, solange er dem Landkreis kein Führungszeugnis einreicht. Dortige Eintragungen können dazu führen, dass eine Erlaubnis nicht erteilt wird. Laut dem Niedersächsischem Gesetz über das Halten von Hunden ist dies bei Hundehaltern der Fall, wenn sie wegen einer vorsätzlich begangenen Straftat zu einer Geldstrafe von mehr als 60 Tagessätzen oder zu einer Freiheitsstrafe rechtskräftig verurteilt worden sind, wenn seit dem Eintritt der Rechtskraft der letzten Verurteilung fünf Jahre noch nicht verstrichen sind, oder wiederholt oder gröblich gegen Vorschriften dieses Gesetzes verstoßen wurde.

Kosten kommen auf Besitzer zu

Zusätzlich muss der Hundebesitzer einen Haftpflichtversicherungsnachweis für den Hund einreichen sowie einen Nachweis, dass der Hund durch ein elektronisches Kennzeichen (Transponder) mit einer Kennnummer gekennzeichnet ist. Es muss die praktische Sachkundeprüfung mit dem Hund absolviert werden und ein Wesenstest vorgelegt werden, der dem Hund ein sozialverträgliches Verhalten attestiert. Auflagen, die mit Kosten verbunden sind. Allein die Sachkundeprüfung kostet bis zu 200 Euro. Bis der Besitzer des Mischlings diese Nachweise erbringt, bleibt der Hund im Tierheim. Auf Kosten des Halters, betont der Landkreis.

Lebensabend im Tierheim?

Dass ein Hund überhaupt nicht mehr in seine Ursprungsfamilie zurückkehrt, diese Fälle gibt es auch im Tierheim in Lingen, sagt Sonja Rolfes. Zwei solcher Hunde hätten sie bereits dort. Die Besitzer hatten die Nachweise nicht erbracht, wollten die Tiere nicht mehr haben. Mittlerweile ist das Tierheim in Lingen Besitzer der zwei Hunde. Sie zu vermitteln? Beinahe aussichtslos, meint Rolfes. Ob der Neuzugang jemals wieder abgeholt wird, ist derzeit unklar. Wird er es, gilt für ihn Leinenpflicht und ein Maulkorbzwang. „Bis zu einer freiwilligen Abgabe des Hundes beziehungsweise endgültigen Wegnahme des Hundes durch eine Behörde bleibt der Halter Eigentümer des Hundes“, heißt es in der Stellungnahme des Landkreises. Erst nach der „Versagung der Haltungserlaubnis und Abgabeaufforderung“ kann eine Besitzübertragung an das Tierheim erfolgen – und erst dann kann der Vierbeiner neu vermittelt werden. Doch eine rechtliche Frist gibt es dafür nicht.


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